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Gilbert D’Alessandro, Zentralpräsident des Unterverbands des Personals privater Transportunternehmen (VPT):

«Nie wieder ein Drama wie in Les Diablerets!»

«Wie kann man bei der Arbeit sterben?» fragt Gilbert D’Alessandro, Busfahrer bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben TPF und Zentralpräsident VPT. Der Tod eines Chauffeurkollegen der Transports publics du Chablais nach einem Streit mit einem Einheimischen im Bus hat ihn schockiert.

Der SEV kämpft seit Jahren gegen die Gewalt im öffentlichen Verkehr. Das Drama von Les Diablerets verleiht dem Thema traurige Aktualität.

kontakt.sev: Gilbert, welche Lehren sind aus dem Drama, das Mitte Juli in Les Diablerets geschah, zu ziehen?

Gilbert D’Alessandro: Das Drama von Les Diablerets muss uns veranlassen, uns immer und immer wieder dafür einzusetzen, dass so etwas nicht wieder geschieht! Der SEV und seine Unterverbände müssen das brutale Phänomen der Gewalt breit thematisieren und unsere Kolleg/innen ständig weiter dafür sensibilisieren.

Der SEV tut dies aber schon seit Jahren, oder nicht?

Ja, doch muss er dabei eine Vorreiterrolle spielen. All seine Profimitglieder, die Gewerkschaftsleitung und die Gewerkschaftssekretär/innen, müssen alles tun, um dieses Übel einzudämmen. Das Thema wird leider immer aktuell bleiben.

Ist die Sicherheitscharta, die SEV-GATU vor einigen Jahren lanciert hat, wirklich wirksam?

Ja, diese Charta ist ein ständiges Druckmittel gegenüber den Unternehmen, die sie unterzeichnet haben. Ich lade die Sektionen und Kolleg/innen ein, mit ihrem/r Gewerkschaftssekretär/in zu schauen, wie sie ihr Unternehmen in die Pflicht nehmen können.

Und was ist dort zu tun, wo die Charta noch nicht unterzeichnet wurde?

Die SEV-Profis müssen diese Unternehmen dazu bringen, der Charta beizutreten. Es ist wichtig, dass wir, der SEV, hier für neuen Elan sorgen, denn allzu viele Unternehmen im Land nehmen die Erscheinung der Gewalt nicht wirklich ernst und banalisieren sie, indem sie sagen: «Bei uns gibt es keine Probleme.» Oder: «Es sind nur Worte, das ist nicht so schlimm.»

Der SEV ist aber doch nicht die einzige Organisation, die gegen die Gewalt im öV etwas unternimmt …

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) müsste sich darum kümmern. Es scheint sich aber mit seinen sympathischen Mystery Clients mehr für die Dienstleistungsqualität zu interessieren… Es sollte sich mehr für die Gewalt interessieren und hier enger mit dem Branchenverband VöV zusammenarbeiten. Beide müssen mehr Druck machen, damit alle Konzessionierten Transportunternehmen (KTU) der Charta beitreten und konkrete Massnahmen treffen, um die Angriffe auf das Personal zu stoppen.

Welche Massnahmen?

Sie können Videokameras installieren, die einen guten Abhalteeffekt haben. Und Alarmknöpfe, dank denen die Polizei den Bus lokalisieren und rascher intervenieren kann. Es braucht auch Plakate in den Bussen, die darauf hinweisen, dass Übergriffe gegen das Personal von Amtes wegen verfolgt werden. Wir sind zudem für regelmässige, mindestens jährliche Kurse für die Chauffeure in deeskalierender Konfliktbewältigung und für regelmässige Personalpräsenz auf dem Netz: Sicherheitsleute in der Nacht oder an gefährlichen Orten.

Du forderst auch eine nationale Beobachtungsstelle. Was verstehst du darunter?

Man muss die Gewaltsituationen analysieren, um dagegen etwas tun zu können. Auch sollten die Unternehmen ihre Erfahrungen austauschen, um für ihr Netz geeignete Lösungen zu finden. VöV und BAV sollten die KTU ermuntern, mit ihrem Personal in Arbeitsgruppen Lösungen zu erarbeiten. Last but not least sollte das BAV darüber wachen, dass die Kantone den Art. 59 im Personenbeförderungsgesetz (PBG), laut dem strafbare Handlungen gegen das öV-Personal von Amtes wegen zu verfolgen sind, strikt anwenden. BAV und VöV tragen Verantwortung, sie müssen diese nun wahrnehmen!

Fragen: Hes/Fi

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