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Gewalt gegen Frauen: «Wir müssen die Arbeitskultur verändern»

Zwei von drei Frauen* erleben Gewalt am Arbeitsplatz – so das ernüchternde Resultat einer Studie der ETF (Europäische Transportarbeiter-Föderation) zur «Gewalt an Frauen* im Transportsektor». SEV-Gleichstellungsbeauftragte Lucie Waser erläutert im Interview die Ergebnisse und die Schlüsse, die der SEV daraus zieht.

Die SEV-Gleichstellungsbeauftrage Lucie Waser am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen*.

Lucie, die ETF hat Frauen* in Transportunternehmen zu Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz befragt. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der kürzlich veröffentlichten Studie?

Die Umfrage zeigt klar, dass fast jede Frau mit Gewalt in der Arbeitswelt konfrontiert ist. Schon in der Lehre und bis hin zur Pensionierung machen Frauen Gewalterfahrungen.

Die Studie zeigt auch auf, woher die Gewalt kommt: grösstenteils von Seiten Kundschaft (49 %), aber auch von den Kollegen (22 %) und Vorgesetzten (17 %). Es kommt überdurchschnittlich viel zu verbaler Gewalt (fast 85 %), die oft auch sexualisiert ist und sich in Form von Anspielungen und Erniedrigungen zeigt. Frauen erleben während der Arbeit aber auch sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung! Auch hier sind die Arbeitgeber ganz klar in der Pflicht.

Diese Ergebnisse sind erschütternd, aber kaum bekannt ...

In der Tat sind diese Zahlen tragisch, aber sie überraschen leider wenig. Die Studie zeigt auch, dass sehr viele Frauen im Stillen leiden und sich kaum wehren. Denn wenn sie sich an Kollegen, Vorgesetzte oder gar Gewerkschaften wandten, wurde ihnen nicht adäquat geholfen. Frauen, die sich wehren wollen, müssen oft zuerst einmal beweisen, dass sie ein Opfer von Gewalt geworden sind. Aus dieser Erfahrung heraus halten sie sich eher still, das Thema bleibt unter dem Deckel. Die Opfer verharren auch häufig in einer Art Schockstarre. Mit der Folge, dass es heisst: «Sie wollte das, denn sie hat sich ja gar nicht gewehrt».

Es darf auch nicht vergessen werden, dass Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz auch Auswirkungen aufs Privatleben haben, auf die Psyche, die Gesundheit und Belastbarkeit. Wird der Druck zu gross, werden die Frauen entweder krank oder kündigen ihren Job. Gewalt am Arbeitsplatz hat also auch eine gesellschaftliche Komponente.

Wieso ist Gewalt in Transportunternehmen ein so grosses Thema?

Der Transportsektor ist von Grund auf eine männlich geprägte Arbeitswelt. Für Frauen ist es schwierig, die historisch bedingten Strukturen zu durchbrechen, um sich zu etablieren, z. B. Karriere zu machen. Sie werden nicht selten mit Gewalt (Neid und Missgunst) konfrontiert, denn nach der Istanbuler Konvention zählt zur Gewalt nicht nur physische, sondern auch psychische, mentale, speziell häusliche und strukturelle. Es gibt Frauen, die im Vergleich mit gleichwertigen männlichen Arbeitskollegen immer wieder hintenanstehen müssen, nicht befördert werden, diskriminiert werden bei Mutterschaft, Lohndiskriminierung erfahren (minus 20 %) – alles Formen von Diskriminierung und Gewalt an Frauen in der Arbeitswelt. Wollen wir Gewalt überwinden, müssen wir diese Arbeitskultur und damit in erster Linie die Denkkultur verändern.

Und wie soll das gehen?

Die ETF-Studie zeigt, dass Leitbilder, Ombudsstellen und GAV-Artikel zu schaffen nicht ausreicht. Das sind alles wichtige Grundlagen, aber was schlussendlich zählt, ist die gelebte Alltagspraxis. Und da besteht eine grosse Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Das Arbeitsklima lässt sich nur ändern mit konstanter Bewusstseinsbildung. Wir müssen noch besser lernen, stereotype Geschlechterrollen und Vorurteile zu erkennen, um sie zu verändern. Dafür müssen Mitarbeitende, Vorgesetzte und Gewerkschaftssekretär/innen entsprechend geschult werden. Das Problem kann also gelöst werden, indem wir alle beginnen, darüber zu reden. Der Gewalt muss gemeinsam mit einer Null-Toleranzhaltung begegnet werden.

Matchentscheidend für den kulturellen Wandel in den Betrieben sind moderne, emanzipierte Männer, die sich persönlich gegen Gewalt an Frauen und FLINT-Menschen einsetzen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie realisiert haben, dass nicht nur ihre Kolleginnen, sondern auch ihre Partnerinnen und ihre Töchter davon betroffen sind.

Dann ist noch nicht alles verloren?

Nein, es besteht durchaus Hoffnung. Heute werden vermehrt bereits kleine Kinder im Umgang mit Diversität und der Stärkung eines gesunden Körpergefühls geschult, was auch das Trainieren der Stopp-Grenze beinhaltet. Ich bin zuversichtlich, dass hier eine wertschätzende und offenere Generation heranwächst, die gerade auch in der Arbeitswelt einen kulturellen Wandel beschleunigen wird. Abgesehen davon bin ich tief überzeugt davon, dass Menschen lernfähig sind!

Zurück zur ETF-Studie: Wie reagiert der SEV auf die Ergebnisse?

Die SEV-Frauen*kommission hat sich am 20. November via Zoom getroffen, da die Bildungstagung aufgrund von Covid-19 abgesagt werden musste. Sie hat definiert, dass sie am Thema «Gewalt an Frauen» auf verschiedenen Ebenen arbeiten will:

• Gendermainstreaming bei den Rahmenbedingungen: Der SEV setzt sich schon lange dafür ein, dass Arbeitsgebäude jeweils so (um-)gebaut werden, dass geschlechtergetrennte Umkleide-, Ruhe- und WC-Räume vorhanden sind. Diesbezüglich müssen wir die Arbeitgeber bei Bedarf weiterhin sensibilisieren.

• Sensibilisierungsauftrag: Gewaltprävention ist ein Langzeitprojekt. Die Frauen*kommission des SEV möchte 2021 mit einer Kampagne für das Thema sensibilisieren. Damit soll der SEV von Frauen als Gewerkschaft wahrgenommen werden, die sich auch für ihre Anliegen stark macht. Was sich schliesslich auch auf die Mitgliederzahlen auswirken dürfte.

• Niederschwellige Angebote: An fünf Standorten in allen Sprachregionen der Schweiz soll es einen «Espace femme» geben. Die Frauen*kommission wird dort mehrere Stunden an einem neutralen Ort zur Verfügung stehen, um Frauen aus der Mitgliedschaft Fragen in Bezug auf Gewalt oder Probleme bei Schwangerschaft und Mutterschaft (z.B. Stillzeiten nach Seco-Weisung einhalten) zu beantworten.

Frauenstreik vom 14. Juni 2019 in Basel. Foto: Keystone/Georgios Kefalas.

Und was erwartet uns sonst noch im Jubiläumsjahr 2021?

2021 bietet sich eigentlich geradezu an, um grossangelegte Aktionen durchzuführen, denn wir feiern nächstes Jahr in der Schweiz 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht, 40 Jahre Gleichstellung in der Bundesverfassung, 30 Jahre erster Frauenstreik und 20 Jahre Gleichstellungsgesetz. Mit der Coronapandemie ist nun alles leider ein wenig komplizierter geworden, denn grosse (Streik-)Aktionen zu planen, macht aktuell einfach keinen Sinn. Trotzdem lebt die Frauen*streikbewegung natürlich weiter. Es wird 2021 viele kleinere Veranstaltungen geben.

Am 30. Januar 2021 diskutieren wir schweizweit in vier sprachregionalen Treffen das weitere Vorgehen bezüglich Follow-up der Frauen*streik-Aktivitäten. Es sind alle Frauen herzlich willkommen. Weitere Informationen dazu folgen zu gegebener Zeit auf den SEV-Kanälen.

Und nicht zuletzt findet am 12. und 13. November 2021 der SGB-Frauen*kongress statt, an dem die folgenden vier Jahre geplant werden. Danach folgt die SEV-Bildungstagung der Frauen am 26. November. Frau darf also gespannt sein.

Chantal Fischer
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Die Studie

Das Frauen*komitee der ETF befragte zwischen dem 25. November 2016 und dem 28. Februar 2017 Frauen im Transportsektor zu ihren Erfahrungen mit Gewalt bei der Arbeit. 1444 Frauen haben an der Befragung teilgenommen. Fast die Hälfte der Befragten arbeiten im Bahnsektor (708). 1304 Frauen gaben an, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein.

Die Studie deckt auf, dass Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz ein weitverbreitetes Problem ist. Knapp zwei Drittel aller Befragten gaben an, mindestens einmal in ihrem Arbeitsumfeld Gewalt erlebt zu haben. Über 29 % beklagten drei, 27 % gar vier Gewalterlebnisse. In knapp der Hälfte aller Fälle (49 %) ging Gewalt dabei von Kunden aus, fast ein Viertel (22 %) von Kollegen.

Mit 84,7 % ist verbale Gewalt die am häufigsten genannte Form von Gewalt, dicht gefolgt von Beleidigungen (79,8 %) sowie Drohungen und Einschüchterungen (74,4 %). Sexuelle Belästigung ist mit 39,8 % ebenfalls weit verbreitet, sowie schliesslich auch körperliche Gewalt (24,3 %).

Die ETF will auf Basis dieser Resultate auf EU-Ebene für rechtliche Rahmenbedingungen gegen Gewalt an Frauen bei der Arbeit lobbyieren und Gewerkschaften dabei unterstützen, Prozesse und Richtlinien zu erarbeiten, damit sie Frauen, die Opfer von Gewalt bei der Arbeit geworden sind, besser unterstützen können.

Engagement für Frauenrechte

Lucie Waser ist seit 2014 Ansprechperson im SEV für Fragen der Gleichstellung. Sie engagiert sich seit über 20 Jahren für feministische Gleichstellungspolitik in der Schweiz. Sie setzt sich zusammen mit der SEV-Frauen*kommission und als Co-Präsidentin der Frauen*kommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds aktiv gegen Gewalt und Diskriminierung ein. Sie ist ausserdem Bindeglied zum NGO-Netzwerk Istanbul-Konvention, zur NGO-Koordination post Beijing (CEDAW) und zum Frauenkomitee der ETF. Darum machte sie am 25. November mit vielen Frauen bei einer Selfie-Aktion für den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen mit (siehe Foto). Das ETF-Frauenkomitee will dieses Jahr auf die neue ILO-Konvention 190 aufmerksam machen die besagt, dass Gewalt an Frauen bei der Arbeit verboten ist. Die Konvention wurde am 14. Juni 2019, am Tag des Frauenstreiks in der UNO in Genf – am 100-Jahre-Jubiläum der ILO – verabschiedet.

Lucie Waser nimmt deine Anliegen oder Fragen gerne per E-Mail entgegen: Enable JavaScript to view protected content..

Weitere Informationen zum Thema Frauen und Gleichstellung findest du auf sev-online.ch sowie auf den sozialen Medien: facebook.com/SEVFrauen und instagram.com/sev_frauenkommission/

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