Auf den Spuren von …
Marina Esposito, Sicherheitsfachfrau bei Transsicura

Seit 25 Jahren sorgt Marina Esposito im Zürcher Hauptbahnhof für Sicherheit und Ordnung. Die dienstälteste Patrouillenmitarbeiterin von Transsicura kennt die Menschen, die Herausforderungen und die verborgenen Winkel des grössten Bahnhofs der Schweiz wie kaum jemand sonst.
In der Halle des Hauptbahnhofs Zürich, steht Marina Esposito. Sie kann kaum ein paar Schritte gehen, ohne angesprochen zu werden. Eine Touristin fragt, auf welchem Perron ihr Zug fährt. Ein Velofahrer steigt vom fahrenden Velo und schiebt es, nachdem ihn die Sicherheitsfrau streng angeschaut hat. Ein älterer Reisender will wissen, wie er zum Bahnreisezentrum gelangt. Marina Esposito erklärt den Weg, lächelt freundlich und setzt ihre Runde fort.
Seit 25 Jahren bewegt sie sich durch diese Hallen, Passagen und Perrons. Was für die meisten Menschen ein Ort des Kommens und Gehens ist, ist für sie längst ein zweites Zuhause geworden. «Ich gehe zwar jeden Abend nach Hause, aber hier im Bahnhof bin ich ebenso daheim. Ich kenne jeden Winkel und fast jede Situation», sagt sie. Ihr Blick schweift ständig umher. Sie beobachtet die Menschenströme und erkennt oft schon früh, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. «Man weiss wirklich nie, was einen erwartet. Von einer einfachen Auskunft bis zu einer Schlägerei oder einer Reanimation kann alles passieren.»
Informationsschalter und Lebensretterin
Wer beim Sicherheitsdienst arbeitet, sorgt für Ruhe und Ordnung. Doch Marina Espositos Aufgaben gehen weit darüber hinaus. Zu Beginn jeder Schicht erhält das Team Informationen über technische Störungen oder besondere Ereignisse. Danach beginnt die Patrouille, bei der sie in der Regel immer noch mit einer zweiten Sicherheitsfachperson unterwegs ist. Regelmässig kontrolliert sie Notausgänge, Treppenhäuser, Toilettenanlagen und öffentlich zugängliche Bereiche. Gleichzeitig ist sie Ansprechpartnerin für Reisende, Ladenangestellte und Restaurantbetreiber.
Immer wieder kommen unerwartete Einsätze hinzu: Streitigkeiten, Diebstähle, medizinische Notfälle oder vermisste Kinder. Dann ist schnelles Handeln gefragt. «Bis heute haben wir jedes verlorene Kind wieder zu seinen Eltern zurückgebracht», sagt sie und lächelt.
Zum Alltag gehören auch technische Aufgaben. Sie klärt Brandalarme ab, überprüft Rolltreppen und Lifte oder nimmt Anlagen wieder in Betrieb. «Wir sind manchmal Sicherheitsfachleute, manchmal Informationsschalter und manchmal fast schon Lebensretter.»
Von der Tierpraxis zur Security
Die in Rheinfelden aufgewachsene Aargauerin absolvierte eine Lehre als tiermedizinische Praxisassistentin. Für die Berufsschule kam sie jeden Mittwoch nach Zürich. Am Hauptbahnhof lernte sie Mitarbeiter des damaligen Sicherheitsdienstes kennen. Man begegnete sich immer wieder. Kurz nach Lehrabschluss erhielt sie einen Anruf von Securitrans. Die Unternehmung, die neu für die Sicherheit an den Schweizer Bahnhöfen zuständig war, suchte zum ersten Mal Frauen für den Sicherheitsdienst.
Marina Esposito sagte zu und blieb. Heute ist sie die dienstälteste Frau bei der Transsicura, wie die Unternehmung seit 2022 heisst. «Dieser Job ist irgendwie genau auf mich zugeschnitten», sagt sie. Als eine der ersten Frauen im Team musste sie sich ihren Platz zunächst erarbeiten. Dabei erkannte sie schnell die Vorteile weiblicher Präsenz im Sicherheitsdienst. «Frauen können oft sehr gut deeskalieren. Wenn andere sich aufplustern, hilft es häufig, ruhig zu bleiben und gute Argumente zu bringen.»
Der Bahnhof ist während der Woche nur für rund zwei Stunden und am Wochenende gar nie geschlossen. Früh-, Spät- und Nachtschichten wechseln sich rund um die Uhr ab. Nach 25 Jahren spürt Marina Esposito die Belastung der Nachtarbeit zwar stärker als früher. Trotzdem hat sie sich mit dem Rhythmus arrangiert. Verändert hat sich aus ihrer Sicht vor allem das Verhalten mancher Menschen. «Früher hatte man mehr Respekt.» Die Hemmschwelle sei gesunken, Diskussionen würden schneller eskalieren.
Dennoch setzt sie auf Kommunikation. Viele Konflikte lassen sich mit ruhigen Worten lösen. Nicht immer reicht das. Sicherheitsfachleute sind häufig die Ersten vor Ort, wenn Situationen ausser Kontrolle geraten. Einmal erhielt sie bei einer Kontrolle völlig unvermittelt eine Ohrfeige. Ernsthaft verletzt wurde sie nie. Entscheidend sei, aufmerksam zu bleiben und Situationen frühzeitig einzuschätzen. Ihr persönliches Erfolgsrezept klingt erstaunlich einfach: «Mein Geheimnis ist, dass ich am Abend den Reset-Knopf drücke und am nächsten Morgen wieder von null anfange.»
Gewerkschaftlicher Rückhalt
Seit vielen Jahren ist Marina Esposito Mitglied beim SEV. Besonders schätzt sie die Gewissheit, im Bedarfsfall nicht allein dazustehen. Der Rechtsschutz sei ein wichtiger Grund für ihren Beitritt gewesen. Ebenso wichtig sei das Engagement jener Menschen, die sich für die Mitarbeitenden einsetzen. «Man weiss, dass jemand für einen kämpft», sagt sie.
Auf die Frage, ob sie noch weitere 25 Jahre im Hauptbahnhof Zürich arbeiten wird, sagt sie lachend: «25 Jahre wohl nicht mehr ... Aber im Moment kann ich mir nichts anderes vorstellen. Der Bahnhof bleibt mein zweites Zuhause.»
Michael Spahr
Hast du einen Kommentar oder eine Frage zum Artikel? Schicke eine Mail an den/die Autor:in oder an