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Erwerbsarbeit von Frauen

«Kinder sind nicht der Grund für Altersarmut»

Die Erwerbstätigkeit der Frauen unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von jener der Männer. Zum Thema Teilzeitarbeit existieren viele Meinungen und Halbwahrheiten. Der SEV will es genauer wissen und konfrontiert eine Expertin mit zehn Behauptungen. Christine Goll, ehemalige Politikerin und Institutsleiterin von Movendo, wird an der Bildungstagung «Teilzeitfalle – Nutzen oder Fluch?» der SEV-Frauen im November ein Impulsreferat halten.

Aussage 1: Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern gibt es nicht, Frauen «verkaufen» sich einfach schlechter.

Christine Goll: Trotz Bundesverfassung und Gleichstellungsgesetz ist die Lohngleichheit immer noch nicht Realität. Frauen verdienen für ihre Erwerbstätigkeit rund 20 Prozent weniger als Männer. Die Hälfte dieses Unterschieds ist reine Lohndiskriminierung. Das führt dazu, dass sie im Tieflohnbereich übervertreten sind: 63 Prozent der Stellen mit einem Lohn unter 4000 Franken sind von Frauen besetzt. Bei den hohen Salären sind Frauen massiv untervertreten: Bei den Stellen mit Löhnen über 16000 Franken beträgt der Frauenanteil gerade mal 18 Prozent.

Aber auch ein selbstsicheres Auftreten bei Stellenbewerbungen, Lohnverhandlungen und Mitarbeitenden-Gesprächen, wenn es um berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen geht, ist von zentraler Bedeutung. Der Lohnrechner des SGB hilft, damit Frauen sich nicht unter ihrem Wert «verkaufen». Und das gewerkschaftliche Bildungsinstitut Movendo bietet Gratiskurse mit Selbstsicherheitstrainings für Frauen an.

2. In den letzten Jahren hat sich Teilzeitarbeit auch bei Männern etabliert.

Die Vollzeiterwerbstätigkeit von Männern ist tatsächlich zurückgegangen und beträgt aktuell 82 Prozent. Bei den Frauen ist der Vollzeitjob jedoch immer noch ein Minderheitenmodell: Es sind gerade mal 40 Prozent.

17 Prozent der Männer arbeiten Teilzeit, aber zwei Drittel von ihnen mit einem Pensum von 50 bis 89 Prozent. Von den 60 Prozent teilzeitarbeitenden Frauen haben fast die Hälfte eine Anstellung unter 50 Prozent.

3. Frauen sind heute besser vertreten in Führungspositionen als noch vor 10 Jahren.

In den letzten zehn Jahren hat sich der Frauenanteil von gut einem Drittel in Führungspositionen kaum verändert. Hauptgrund ist die Unvereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf. Die Schweiz ist familienpolitisch ein Entwicklungsland und investiert zu wenig in Infrastrukturen für die ausserhäusliche Betreuung von Kindern.

4. Teilzeitarbeit in Führungspositionen ist möglich und verbreitet sich immer mehr.

Teilzeitarbeit in Führungspositionen ist möglich, aber nicht verbreitet. Knapp zehn Prozent der Männer, aber fast die Hälfte der Frauen in Führungspositionen sind teilzeiterwerbstätig.

5. Da Frauen oft gut ausgebildet sind und entsprechend gut bezahlte Arbeit leisten, setzen sie auch mit Teilzeitarbeit genügend Mittel für die Altersvorsorge ein.

Schön wär’s, aber leider ist das Gegenteil der Fall: Frauen haben halb so hohe Renten als Männer. Dreimal mehr Frauen als Männer – das sind heute 36 Prozent der Rentnerinnen – können nur auf die AHV zählen; sie haben also keine Pensionskassenrente. In der Beruflichen Vorsorge ist Teilzeitarbeit eine Rentenfalle: Viele Frauen verdienen unter der Eintrittsschwelle und sind deshalb keiner Pensionskasse angeschlossen. Wenn sie mehrere Teilzeitjobs bei verschiedenen Arbeitgebern ausüben, sind sie auch nicht in der 2. Säule versichert. Viele Pensionskassen machen den vollen Koordinationsabzug bei Teilzeiterwerbstätigkeit, was wiederum zu tieferen Renten führt. Zudem sind von den 55- bis 64-jährigen Frauen nur noch 69 Prozent erwerbstätig.

6. Ein klassisches Bild: Ein Paar gründet eine Familie. Sie arbeitet von nun an in einem tiefen Pensum und widmet sich der (unbezahlten) Familien- und Hausarbeit. Er – der Besserverdiener – wird zum Ernährer der Familie mit einem Vollzeitpensum oder einem hohen Teilzeitpensum.

Das sogenannte Ernährer-Modell war schon immer nur für Familien möglich, in denen ein Teil sehr gut verdient. Bei kleinen und mittleren Löhnen kommen Familien nur über die Runden, wenn beide zum Haushaltseinkommen beitragen. Tatsache ist aber auch, dass die Unterschiede in den Arbeits- und Lebenssituationen von Frauen und Männern gewaltig sind: Frauen erhalten jährlich 110 Milliarden Franken weniger Einkommen, leisten unbezahlte Arbeit im Wert von 248 Milliarden und eine Milliarde Stunden für die direkte Kinderbetreuung.

7. Die Frauen wollen gar nicht mehr arbeiten, sobald sie Mutter werden.

Das hat nie gestimmt und stimmt zunehmend nicht mehr. Seit dem ersten Frauenstreik im Jahre 1991 ist die Erwerbsquote von Frauen zwischen 25 und 39 Jahren von 72 auf 88 Prozent gestiegen.

8. Die Männer wollen gar nicht weniger arbeiten, sobald sie Vater werden.

Auch das stimmt so nicht. In meinem Umfeld beobachte ich zunehmend Paare mit Kindern, die gerne Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung vereinbaren möchten. Oft scheitert ihr Wunsch nach «Fifty-Fifty» am ökonomischen Druck, bzw. den Verdienstmöglichkeiten für den Lebensunterhalt der Familie und an den fehlenden Rahmenbedingungen. Dass der Bundesrat in diesen schwierigen Zeiten die Wirtschaft mit einem Milliardenpaket unterstützt, aber gleichzeitig ein bescheidenes Hilfspaket für die Kinderbetreuung verweigert, ist ein Skandal.

9. Kinder erhöhen das Risiko der Altersarmut bei Frauen markant

Kinder sind nicht der Grund für Altersarmut. Das Risiko, im Alter arm zu werden, steigt mit tiefen Löhnen, der mangelnden Unterstützung für Alleinerziehende, der Teilzeitfalle und dem System der 2. Säule, in dem die Renten ohnehin im Sinkflug sind und insbesondere Frauen benachteiligen. Kein Zufall, sind grossmehrheitlich Altersrentnerinnen auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Wir müssen in erster Linie die AHV stärken. Wer Kinder hat, erhält Erziehungsgutschriften. Damit ist die AHV die einzige Sozialversicherung, welche Kinderbetreuung beim Rentenanspruch honoriert – und mit den Betreuungsgutschriften die Pflege von Angehörigen. Dieses Modell ist weiter zu entwickeln, damit die unbezahlte Care-Arbeit, ohne die unsere Gesellschaft gar nicht funktionieren würde, anerkannt wird.

10. In der aktuellen Coronakrise sind Berufe im Gesundheitswesen und im Detailhandel von zentraler Bedeutung. In beiden Branchen arbeiten viele Frauen zu tiefen Löhnen, und setzen sich einem erhöhten Risiko aus.

Der Applaus für den enormen Einsatz, den diese Frauen in der Coronakrise leisten, ist gerechtfertigt, aber das reicht bei Weitem nicht aus. Gerade diese Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, müssen aufgewertet werden: Mit höheren Löhnen, besseren Arbeitsbedingungen und sozialen Frühpensionierungsmodellen, wie wir sie beispielsweise mit dem FAR vom Bau her kennen.

Chantal Fischer
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Wer ist Christine Goll?

Christine Goll wurde 1956 in Zürich geboren, hat als Journalistin und Lehrerin gearbeitet und ist aktuell in der Erwachsenenbildung tätig. Sie schaffte den Einstieg in die Politik 1987 mit einem Mandat im Zürcher Kantonsrat. Von 1991 bis 2011 sass sie im Nationalrat, zuerst als Vertreterin der FraP! (Frauen macht Politik!), dann ab 1999 für die SP. Christine Goll war von 2000 bis 2003 Vizepräsidentin der SP Schweiz und von 2003 bis 2009 Präsidentin der Gewerkschaft VPOD. 2012 stieg sie bei Movendo, dem Bildungsinstitut der Gewerkschaften, als Ausbildungsleiterin ein, von 2015 bis 2018 war sie Institutsleiterin von Movendo.

Christine Goll ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Kommentare

  • Petra

    Petra23/04/2020 07:52:03

    Christine bringt es auf den Punkt ohne zu Jammern. Ich durfte bereits einmal einen Kurs bei ihr besuchen. Sie ist eine grossartige Frau die für die wahre Gleichstellung kämpft, nicht für einen Rollentausch. Den damit würden unsere gesellschaftlichen Probleme auch nicht gelöst.

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