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SGB-Frauenkongress

Es braucht einen dritten Frauenstreik

Am 14. SGB-Frauenkongress auf dem Berner Gurten unter dem Motto «Für eine feministische Gewerkschaftsarbeit» nahmen rund 220 delegierte Gewerkschafterinnen und Gäste teil. Das Fazit ist, dass in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft entscheidende und strukturelle Gleichstellungsprobleme gelöst werden müssen. Lucie Waser, SEV-Gleichstellungsbeauftragte, über die wichtigsten Diskussionsthemen und Entscheide.

Lucie, wie hast du die beiden Tage auf dem Gurten erlebt?

Der Kongress war sehr informativ, bot ein interessantes Programm und spannende Gäste aus dem In- und Ausland. Die Stimmung war grandios. Mit den sehr motivierten Teilnehmenden wurde angeregt diskutiert und speditiv gearbeitet.

Wo lag der Schwerpunkt an diesem Kongress?

Der Höhepunkt des diesjährigen Frauenkongresses lag sicher bei der Verabschiedung einer Charta, die die organisatorischen und politischen Leitplanken für die feministische Gewerkschaftsarbeit setzt. Sie wurde dem SGB-Präsidenten Pierre-Yves Maillard übergeben. Ein weiterer Schwerpunkt liegt für mich bei der Neuausrichtung unserer Arbeit, die auch mit einer Namensänderung einhergeht. Die SGB-Frauenkommission heisst neu feministische Kommission. Sie setzt sich vermehrt mit der Inklusion aller Menschen mit all ihren Unterschieden auseinander. Wir müssen unsere eigenen Vorurteile und Stereotypen überwinden und den respektvollen Umgang mit allen Identitäten von Menschen üben. Mit der verabschiedeten Charta laden wir die gesamte Gewerkschaftsbewegung ein, sich noch mehr zu öffnen für Minderheiten in der Arbeitswelt. Auch eine humanere Flüchtlings- und Migrationspolitik in der Schweiz ist Teil davon. Es braucht grundsätzlich bessere Arbeitsbedingungen für Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus.

Und welche wichtigen Themen habt ihr sonst noch diskutiert?

Da gab es viele. Uns geht es immer um eine sozialere Gesellschaft, um Frieden statt Gewalt und ums Überwinden der Armut, die statistisch betrachtet ein weibliches «Problem» ist. In diesem Sinne war natürlich auch die Rentenreform AHV 21 ein grosses Thema. Hier haben wir eine klare Forderung an die Politik beschlossen: Es braucht bessere Renten ohne Anhebung des Rentenalters!

Wieder aufgenommen haben wir auch die Reduktion der Wochenarbeitszeit, ein Thema aus dem 13. Frauenkongress. Nach neuseeländischem Vorbild wollen wir die Einführung einer 35-Stunden-Woche bei vier Arbeitstagen und gleichem Lohn. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der bezahlte Arbeit auch Raum lässt für ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit, die nicht minder wichtig ist für das Funktionieren unserer Gesellschaft.

Hier wird schnell die Frage nach den Kosten laut ...

Darüber müssen wir alle zusammen diskutieren. Geld ist ja vorhanden in der Schweiz; es ist nur die Frage, wie es verteilt wird, was wiederum die Grundsatzfrage aufwirft: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Jetzt aber haben wir erst einmal diverse Forderungen auf dem Tisch.

Welche konkreten Massnahmen habt ihr verabschiedet?

Der 14. SGB-Frauenkongress fordert, dass die Schweiz die Konvention C190 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gegen Gewalt an Frauen ratifiziert und damit (sexualisierter) Gewalt in der Arbeitswelt den Kampf ansagt. Wir Gewerkschaften brauchen solche Konventionen dringend, um die Rechte der Arbeitnehmenden besser einfordern und das Problem noch aktiver angehen zu können. Es braucht ausserdem Sensibilisierungskampagnen und Weiterbildung en für Angestellte und interessierte Gewerkschaftsmitarbeitende.

Und da unsere Forderungen aus dem 13. Frauenkongress und den beiden Schweizer Frauenstreiks noch immer nicht umgesetzt sind, hat der 14. Frauenkongress beschlossen, dass wir zu einem weiteren feministischen Streik- und Aktionstag am 14. Juni 2023 aufrufen.

Wie geht es für den SEV weiter in diesen Themen?

Wir werden in der SEV-Frauenkommission nun analysieren, welche Punkte aus dem Kongress für die öV-Branche relevant sind, und diese dem SEV-Kongress nächsten Herbst vorlegen. Auch werden wir uns an der ETF-Frauenkonferenz in Budapest über die erwähnten Themen austauschen. Mit der ETF arbeiten wir mit dem Women-in-rail-Projekt bereits eng zusammen (siehe Interview mit Sabine Trier und Editorial von Giorgio Tuti zum Abkommen "Women in Rail").

Fragen: Chantal Fischer
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