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Movendo

«Bildung ist eine Kernaufgabe der Gewerkschaften!»

Seit 2019 ist Michael Herzka Leiter des gewerkschaftlichen Bildungsinstituts Movendo. Als langjähriges Mitglied der VPOD-Sektion NGO kennt er sich in der Gewerkschaftsbewegung bestens aus und bringt dank seiner Zeit als Studienleiter an verschiedenen Fachhochschulen auch im Bildungsbereich viel Erfahrung mit. Wir sprechen mit ihm über die Zukunft – diese wird auch an der Movendo-Bildungstagung am 16. November im Vordergrund stehen.

SEV-Zeitung: Michael, du bist seit 2019 in deinem Amt als Institutsleiter. Mit welchen Zielen hast du Movendo übernommen?

Michael Herzka: Ich konnte Movendo von meiner Vorgängerin in einer sehr guten, stabilisierten Situation übernehmen. Wir konnten in den letzten drei Jahren das Angebot ausbauen und die Nachfrage ist gestiegen. Das erste Ziel ist deshalb sicher, diesen Weg weiterzugehen.

Nebst der Herausforderung, personelle Veränderungen und visuelle Anpassungen unserer Materialien gut zu meistern, haben wir natürlich immer unsere wichtigste Kernaufgabe vor Augen: die konstante Weiterentwicklung des Kursprogramms. Dieses planen wir immer in enger Zusammenarbeit mit unseren Trägerorganisationen. Nebst Themen wie Kommunikation bieten wir auch konkrete Kurse zum Arbeitsrecht oder zur Altersvorsorge an. Eine zentrale Zielgruppe sind die aktiven Gewerkschafter/innen, sprich Personalvertretungen, Mitglieder von Pekos, etc. Für sie haben wir ganz spezifische Angebote.

Wie wird sich das inhaltliche Angebot in den nächsten Jahren verändern, vielleicht auch angestossen durch die Covid-19-Pandemie?

Das Thema Digitalisierung und der Umgang damit wird sicher weiter in den Vordergrund rücken. Wie können wir digitale Instrumente besser nutzen, was stellen sich in den Betrieben für arbeitsrechtliche Fragen bezüglich Überwachung oder ständige Erreichbarkeit?

Viele klassische Themen wie die Altersvorsorge werden sicher auch in Zukunft stark nachgefragt. Aber ich glaube, dass sich die Schwerpunkte innerhalb der Themen selbst verändern werden. Durch die Digitalisierung verändert sich die Arbeitswelt. Ein beunruhigendes Beispiel dafür ist die Platt-form-Ökonomie. Hier und dort ein bisschen jobben, sich die Jobs einfach zusammen- klicken – das kann natürlich attraktiv sein. Aber für die Gewerkschaften stellt sich die Frage: Wo sind diese Leute ohne festen Arbeitsplatz und wie kommt man an sie heran?

Weshalb ist die gewerkschaftliche Bildungsarbeit eigentlich so wichtig?

Die Bildung hatte in der Gewerkschaftsbewegung schon immer ein hohes Gewicht. Ziel ist es, auch für Leute in wenig privilegierten Situationen Bildung anzubieten. Das ist für mich eine Kernaufgabe der Gewerkschaften. Diese Aufgabe lässt sich über ein gemeinsames Bildungsinstitut einfach besser erfüllen, als wenn jede Organisation für sich selbst schaut.

Am 16. November organisiert Movendo eine Bildungstagung zum Thema «Zukunft». Um wessen Zukunft geht es?

Unsere! Unsere individuelle, unsere als Gesellschaft, aber auch unsere als Gewerkschaftsbewegung. Anstoss für die Themenwahl gaben der Frauenstreik und die Klimabewegung von 2019. Solche Bewegungen haben aktuell eine grosse Dynamik, viele Leute engagieren sich.

Und was ist mit den Gewerkschaften?

Um unsere Zukunft zu sichern, müssen wir uns fragen, wie man beispielsweise mehr junge Leute für die Gewerkschaften gewinnt, besonders, wenn die Leute gar nicht mehr organisiert sind oder alle paar Jahre die Stelle wechseln. Wie fühlt man sich dann trotzdem einer Gewerkschaft zugehörig? Das sind grosse Zukunftsfragen, die sich jetzt stellen. Wie ein Referent bei einer europäischen Gewerkschaftstagung letztes Jahr sagte: In der zukünftigen Arbeitswelt ist man entweder in einer Gewerkschaft oder man ist sehr, sehr alleine.

Die Pandemie hat gezeigt, welche Bedeutung die Gewerkschaften haben und wie wichtig ihre politischen Forderungen sind. Viele Menschen haben erkannt, was die Gewerkschaft ihnen bieten kann. Nicht nur für sich selbst, sondern auch miteinander und füreinander zu schauen – der Solidaritätsgedanke hat neuen Aufschwung erhalten. Deshalb haben die Gewerkschaften auf jeden Fall eine Zukunft!

Auf welchen Programmpunkt freust du dich am meisten?

Ich freue mich sehr über unsere vielfältigen Referent/innen: Pierre-Yves Maillard, Mattea Meyer, Vera Dos Santos vom Europäischen Gewerkschaftsbund und Jasmine Lorenzini von der Uni Genf. Und ich bin sehr gespannt auf die «Zukunftsgespräche» am Nachmittag. Dort sind alle Verbände mit ihren spezifischen Zukunftsthemen und Fachpersonen vertreten und die Teilnehmenden können sich das Thema aussuchen, das sie am meisten interessiert.

Ein weiteres Highlight wird sicher das Podium zum Schluss, da konnten wir mit Regula Rytz eine Person gewinnen, die als Gewerkschafterin eine sehr bewegungsnahe Politikerin ist und viel politische Erfahrung mitbringt. Am Ende des Tages erhoffe ich mir eine Art Auftrag und auch Impulse für die Zukunftsentwicklung von Movendo.

Nenne mir drei gute Gründe, sich für die Bildungstagung anzumelden.

In dieser unsicheren Zeit ist es wichtig, sich diesen Tag zu nehmen. Sich in all dieser Aufregung die Zeit zu nehmen, nach vorne zu schauen. Der zweite Grund ist unser spannendes Panel von Referent/innen (Anmerkung der Redaktion: darunter Daniela Lehmann vom SEV) und die grosse Themenvielfalt. Und zuletzt das Begegnen, das wird nicht zu kurz kommen. Der Tag soll Gelegenheit bieten, mit Kolleg/innen aus ganz anderen Branchen ins Gespräch zu kommen. Am Schluss lebt die Tagung vom gemeinsamen Austausch.

Karin Taglang
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«Es gibt viele neue Kurse zur Auswahl»

Lucie Waser ist Bildungsverantwortliche im SEV. Sie spricht über ihre Ziele und über das Movendo-Kursprogramm, das in Kürze erscheint.

Lucie, du hast diesen Sommer die Bildung des SEV übernommen. Was sind deine Ziele?

Das SEV-Movendo-Kursprogramm muss unseren Mitgliedern dienen, und nicht umgekehrt. Heute hat jeder ein Recht auf Bildung. Sie ist nicht mehr der Elite vorbehalten, wie dies im letzten Jahrhundert der Fall war. Unsere heutige Gesellschaft basiert auf Wissen. Da ist die Bildung der Schlüssel zum Erfolg. Unser Bildungsprogramm soll sicherstellen, dass alle Zugang zu erschwinglichen Ausbildungsangeboten haben.

Das Kursprogramm fürs nächste Jahr wird bald publiziert. Welche Kurse sind bei unseren Mitgliedern am beliebtesten?

Alle Kurse werden gut besucht, die Plätze sind meistens schnell vergeben. Vielleicht liegt das daran, dass unsere Kurse praxisnahe Themen behandeln und damit viele Vorteile bringen. Wir sind bemüht, uns jedes Jahr zu verbessern und unser Angebot an die ständig ändernden Bedürfnisse anzupassen.

Gibt es im 2021 Neuheiten?

Ja, es gibt einige tolle Neuerungen im SEV-Movendo-Programm. Einerseits Kurse über die sozialen Medien und ihre Nutzungsmöglichkeiten für die Gewerkschaftsarbeit (in Zürich und Lausanne). Andererseits gibt es zusätzliche Angebote im Zusammenhang mit der Pensionierung – darunter ein Kurs speziell für Frauen. Denn ihre berufliche Laufbahn verläuft oft anders als diejenige der Männer, was sich direkt auf die Pensionierung auswirkt. Für die SEV-Jugend bieten wir ausserdem ein gezieltes Angebot an, erstellt durch die Jugendkommission. Dazu kommen zahlreiche weitere Kurse der Unterverbände. Das Bildungsprogramm des SEV war noch nie so vielfältig und wir freuen uns auf unser Angebot 2021.

Vivian Bologna/chf

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