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Die BLS setzt wieder auf begleitete Züge

Reisebegleiter/innen begleiten die Reise

Lange Zeit schien es nur eine Frage der Zeit, bis es keine Zugbegleiter mehr gibt. Doch jetzt erfährt der Beruf offenbar ein Revival.

Statt alte Billett-automaten zu ersetzen (wie hier bei Bernmobil), schafft sie die BLS punk-tuell ab.

In der guten alten Zeit galt der «Kondukteur» als unverzichtbarer Bestandteil des Personals des öffentlichen Verkehrs: er verkaufte und kontrollierte Billette, er half beim Ein- und Aussteigen, er gab Auskünfte zum Umsteigen, rief die nächste Station aus und war beim Gepäck- und Kurierguttransport behilflich. Bei den Fahrgästen weniger bekannt waren seine fahrdienstlichen Funktionen. In den letzten Jahrzehnten haben sich die technischen und betrieblichen Voraussetzungen grundlegend geändert, sodass immer mehr Bahnunternehmen immer mehr Züge unbegleitet fahren lassen. Auf vielen Linien beschränkt sich der Einsatz von Zugpersonal auf die Stichkontrolle.

Teures Personal vs. immer dienstbereite Automaten

Doch nicht nur auf den Zügen wurde der Personaleinsatz verringert, es gibt auch immer weniger Haltestellen mit Personal und weniger Dienstleistungen. Abbau, Fernbedienung und Verlagerung ins Internet schien die Devise zu sein – Personal ist zu teuer.

Jetzt merkt man, dass man offenbar zu weit gegangen ist: auf manchen Spätverbindungen muss Personal eingesetzt werden, um die Sicherheit der Reisenden gewährleisten zu können. Wie soll jemand Ortsfremdes wissen, ob am Automat «Thörishaus Dorf» oder «Thörishaus Station» gelöst oder wo umgestiegen werden muss? Viele kommen mit den Tarifvorschriften oder mit dem Billettkauf an einem Automaten nicht zurecht, erst recht in einem andern Land oder wenn der Billettautomat in einer Fremdsprache beschriftet ist. Und die Automaten haben auch ihren Preis, sie müssen gewartet werden und haben gelegentlich Störungen.

Neue Doktrin bei der BLS

Jetzt ändert die BLS das Konzept: Statt in Automaten investiert sie in Menschen. Auslöser war die Tatsache, dass die BATS-Billettautomaten, die die BLS von der SBB übernommen hatte, in die Jahre gekommen sind und nicht mehr gewartet werden können. Deshalb muss ein Ersatz für die 49 Geräte her. Er kommt in Form von neuen Automaten, wie sie die BLS schon seit fünf Jahren einsetzt. Diese sind zwar bedienungsfreundlich, der Billettkauf erfolgt schnell, sie haben aber nur ein eingeschränktes Sortiment «gängiger» Fahrkarten im Angebot.

Zugbegleiter statt Automat

Ausgenommen vom Ersatz sind zwölf Standorte zwischen Goppenstein und Brig sowie Spiez und Zweisimmen, wo künftig keine Billettautomaten mehr stehen werden: Hohtenn, Eggerberg, Lalden (Linie Spiez– Goppenstein–Brig) und Lattigen, Eifeld, Burgholz, Ringoldingen, Weissenburg, Oberwil, Enge, Weissenbach, Grubenwald (Linie Spiez–Zweisimmen). Alle Züge auf diesen Linien werden ab dem 12. Oktober durch Zugpersonal begleitet. Dieses verkauft Fahrausweise wie Einzelbillette, Tageskarten, Velokarten, Klassen- und Streckenwechsel ohne Zuschlag direkt im Zug.

Alle Regioexpress begleitet

Die BLS geht aber noch weiter: Ab Fahrplanwechsel im Dezember will sie alle ihre Regioexpress-Züge wieder begleiten lassen. Das betrifft die Linien Bern–Neuenburg–La Chaux-de- Fonds, Bern–Langnau–Luzern, Bern–Kandersteg–Brig und Spiez–Zweisimmen.

Zwölf neue Stellen

Wie BLS-Mediensprecherin Helene Soltermann auf Anfrage von kontakt.sev sagt, wird das Zugpersonal-Team der BLS um 12 Vollzeitstellen (sogenannte FTE) auf insgesamt 114 Stellen aufgestockt, um die Begleitung sicherstellen zu können.

pan.

Kommentar

Die Eisenbahn ist, seit sie erfunden wurde, eine hochtechnische Einrichtung. Doch sie ist gleichzeitig eine Einrichtung, die nicht nur für die Menschen funktionieren sollte, sondern auch eine, die nicht ohne Menschen funktionieren kann, ohne Personal, das sich in die Hände arbeitet. Diese Erkenntnis, die für den ganzen öffentlichen Verkehr Gültigkeit hat, wurde vom amerikanischen Sänger Woody Guthrie in seiner Ballade «My Daddy flies that ship in the sky» meisterhaft festgehalten: Er beschreibt darin drei Kinder, deren Väter im Flugzeugbau, als Pilot und auf dem Flughafen arbeiten. Nur wenn die drei zusammenarbeiten, können sie die Passagiere heil ans Ziel bringen.

Trotzdem haben viele Verkehrsunternehmen immer wieder versucht, durch Rationalisierungen und technische Verbesserungen den Einsatz von Menschen im öffentlichen Verkehr zu begrenzen. Doch von der BLS kommt jetzt ein erfreuliches Zeichen in die andere Richtung: Statt in neue Billettautomaten zu investieren wurde entschieden, die Automaten abzubauen und nicht mehr zu ersetzen. Dafür fahren die Regionalexpress-Züge wieder durchgehend begleitet. Die Zug- und Reisebegleiter/innen kontrollieren und verkaufen Billette, sie erbringen aber auch weitere Dienstleistungen, sie «repräsentieren als Gastgeber/in die BLS», wie die Unternehmung es ausdrückt. Das entspricht auch dem Wunsch vieler Zugbegleiter/innen, die viel lieber die Rolle des Gastgebers, der Gastgeberin einnehmen als jene des Hilfspolizisten.

Die Einsicht, dass der Mensch unverzichtbar ist, ist eigentlich banal. Trotzdem kommt sie manchmal etwas spät. Bei der BLS ist sie jetzt offenbar zur rechten Zeit gekommen. Während andere Bahnen Bahnhöfe «entmannen», sprich zu unbedienten Haltestellen degradieren, investiert die BLS entlang der von ihnen betriebenen Linien in Reisezentren. Sie gibt damit dem öffentlichen Verkehr ein Gesicht und sorgt «in der Fläche», das heisst in den kleineren Ortschaften, für wichtige Treffpunkte. Mit der Begleitung von Zügen, gerade in touristischen Gebieten wie der Lötschberg-Südrampe, dem Simmental und dem Emmental, schafft sie für die Reisenden einen echten Mehrwert. Damit ist ein wichtiger Schritt getan, damit die BLS (wieder) zu einem verlässlichen und fairen Arbeitgeber wird.

Toni M. Feuz, Gewerkschaftssekretär SEV

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