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Auf den Spuren von...

Ralph Kessler, Chef Kundenbegleitung

Ralph Kessler vor einem Wahrzeichen seines Wohnorts.

Der neue Zentralpräsident des Unterverbands des Zugpersonals (ZPV), seit 1. Oktober als Nachfolger von Andreas Menet im Amt, ist ein Bähnler durch und durch: Vor über 34 Jahren trat er als Kondukteurlehrling in die SBB ein und ist der Kundenbegleitung bis heute treu geblieben.

Wir haben am Bahnhof Olten bei den Schaltern abgemacht. Ralph Kessler wartet geduldig, bis ich von weit vorne auf dem Perron bei ihm angelangt bin, und lacht. «Ich bin etwas weit vorne eingestiegen», entschuldige ich mich. «Das hatte ich erwartet», winkt er ab. Wir gehen zum Fotografieren an die Aare und dann – mit Maske – in ein Büro der Personalkommission. Für diese hat der 51-jährige Chef Kundenbegleitung seit ihren Anfängen gearbeitet: ab 2001 in der Peko Fläche Zugpersonal, dann ab 2005 in der Peko Division Personenverkehr als Sekretär, Fachgruppenleiter Soziales, Vizepräsident und ab Mitte 2015 bis Ende 2019 als Präsident. So hat er Einblick ins ganze Unternehmen erhalten.

Der Oltner erweist sich als ruhiger, überlegter Gesprächspartner, der nicht mehr sagt als nötig und genau zuhört. Man spürt: In seinen 34 Jahren als Zugbegleiter und den 19 Jahren als Peko-Mitglied hat er schon einiges gesehen und erlebt. Neulich wurde er von einem Reisenden ohne Billett mit einem Stück Kuchen beworfen, hat aber bisher immer noch Glück gehabt – oder das nötige Gespür, wann ein Rückzug besser ist. Das Vertrauen in die Menschen hat er trotzdem nicht verloren – «Die grosse Mehrheit verhält sich anständig!» – und auch nicht seine soziale Ader, dank der er sich für die Kolleg/innen, die Rechte des Personals und der Schwächeren einsetzt. Er ist nicht gross, aber kräftig, steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden und ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Darauf angesprochen stellt er klar: «Wenn jemand seine Arbeit nicht richtig macht, kann ich lauter werden.»

Bahnbegeistert seit je

Dem SEV trat Ralph Kessler schon als Kondukteurlehrling bei, geworben von seinem Lehrmeister in Olten, «der mir erklärte, warum es die Gewerkschaft braucht und was sie erreicht hat». Zur SBB ging der in Küssnacht am Rigi aufgewachsene 17-Jährige nach einem Welschlandjahr, «weil mich Züge und Busse schon immer faszinierten». Familiär vorbelastet war er dafür nicht. Seine erste SEV-Funktion war in den 90er-Jahren die Mitarbeit in der Arbeitsplankommission. 1998 bis 2003 rapportierte er im Zentralvorstand ZPV als Kreisvertreter/Koordinator Mitte über Geschäfte in seiner Region. Diese Funktion wurde aufgrund der Peko abgeschafft und er konzentrierte sich auf die Peko-Arbeit. «Der SEV hat bei der SBB in den letzten Jahren vielleicht kaum allzu grosse Sprünge nach vorn erreicht, aber den guten GAV grösstenteils erhalten können», fasst er zusammen.

Herausforderungen damals und heute

Natürlich ist die SBB nicht mehr dieselbe wie 1987, als der frisch ausgebildete Kondukteur ins Depot Beinwil am See kam: Damals begleitete er Regionalzüge «in einem sehr familiären Klima», ja, sogar noch Güterzüge, rangierte Wagen und nahm Wagendaten auf. Doch in den 90er-Jahren konnten die Regionalzüge dank der Automatisierung plötzlich unbegleitet fahren, unzählige Depots wurden geschlossen. «Zum Glück wurde gleichzeitig im Fernverkehr das Angebot Jahr für Jahr ausgebaut, sodass die meisten von uns weiterhin genügend Arbeit hatten. Doch viele mussten längere Arbeitswege in Kauf nehmen», erzählt Ralph Kessler, der nach zwei Jahren in Beinwil stets im Depot Olten arbeitete. «Abwechslungsreich und interessant ist unser Beruf bis heute geblieben, doch in den letzten Jahren hat die Belastung durch den Unterbestand zugenommen. 100 Vollzeitstellen sind zurzeit nicht besetzt», unterstreicht der Zentralpräsident ZPV. «Die Folge sind viele Einzelbegleitungen sogar von 400-Meter-Zügen und auch nach 22 Uhr, wie uns Mitglieder laufend melden. Allein ist man bei einer Störung oder beim Abfertigen an unübersichtlichen Bahnhöfen überfordert und hat gegenüber alkoholisiertem Partyvolk einen schweren Stand. Die Personalplanung war und ist eine Katastrophe! Die SBB muss alles daran setzen, rasch genügend Kundenbegleiter/innen zu rekrutieren, auch um die Pensionierungen aufzufangen. Bis in sechs Jahren wird die Hälfte der heute rund 2000 Kundenbegleiter/innen in Pension sein! SEV-ZPV und Peko haben die Verantwortlichen seit Jahren auf das Demographieproblem hingewiesen, doch diese sind von falschen Annahmen ausgegangen…»

Der Leidensdruck der Kolleg/innen ist gross und der SEV-ZPV entsprechend gefordert. Dazu kommt dieses Jahr noch die Coronakrise. Aktuell setzt sich der ZPV für genügend räumliche Distanz in den Pausenräumen ein. Diesen Winter dürfte Ralph Kessler weniger zum Skifahren kommen als sonst, im Sommer fährt er Motorrad. «Dass ich allein lebe, hat den Vorteil, dass zu Hause niemand auf mich wartet. Weniger ist manchmal mehr!»

Markus Fischer
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