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bildungstagung für Frauen

Schlagfertig gegen alltägliche Gewalt

In der Schweiz ist eine von vier Frauen mindestens einmal Opfer häuslicher Gewalt geworden. Doch die Opfer von Gewalt im Berufsleben, von Mobbing bis zu Lohnungleichheit, sind noch viel zahlreicher.

Jacqueline Frossard

Wie kann die physische und psychische Gewalt gegen Frauen bekämpft werden? Diese Frage stand am 6. November in Bern im Zentrum der Bildungstagung für Frauen des SEV.

Physische Gewalt

Die Polizeipsychologin Jacqueline Frossard ging in ihrem Referat auf die Gründe der Gewalt gegen Frauen ein. Physische Gewalt ist oft durch Geltungsbedürfnis, Alkohol und Ausbrüche angestauter Gefühle bedingt. In einer Partnerschaft führt das Bedürfnis des Mannes, der einzige Mann im Leben seiner Partnerin zu sein, häufig zu häuslicher Gewalt, von der eine von vier Frauen in der Schweiz schon mindestens einmal betroffen gewesen ist.

Wie soll beispielsweise eine Zugbegleiterin im Berufsleben mit physischer Gewalt umgehen? Jacqueline Frossard rät von Diskussionen mit Personen ab, die betrunken sind oder sich sonst nicht mehr unter Kontrolle haben. «Wenn zum Beispiel eine Zugbegleiterin einen betrunkenen oder sonst aggressiven Reisenden ohne Billett antrifft, dann sollte sie unter Umständen besser darauf verzichten, Geld einzutreiben. » Das gelte übrigens auch für Zugbegleiter.

Weisse Schleife gegen Gewalt am 25. November

Die Uno hat den 25. November zum «Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen» erklärt. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) empfiehlt allen ihr angeschlossenen Gewerkschaften (wie dem SEV), an diesem Aktionstag teilzunehmen, indem sie ihre Mitglieder zum Tragen einer weissen Schleife aufrufen. Diese symbolische Geste bedeutet zu versprechen, niemals Gewalt an Frauen auszuüben noch zu dulden. Einige Männer sind Teil des Problems, alle können Teil der Lösung werden. Dafür gibt es 10 Wege:

  1. Zu verstehen, dass Männergewalt an Frauen ein Männerproblem ist!
  2. Schweigen Sie nicht zu Gewalt, sondern stellen Sie sich gewalttätigen Männern entgegen!
  3. Überprüfen Sie Ihre eigene Haltung und Ihr Handeln auf versteckte Sexismen und Gewalt und arbeiten Sie gegebenenfalls daran, dies zu ändern!
  4. Leisten Sie Hilfe und Unterstützung, wenn eine Frau bedroht wird!
  5. Respektieren Sie Frauen und behandeln Sie sie als Gleichberechtigte!
  6. Arbeiten Sie mit Frauen zusammen, die sich für die Beendigung von Gender-basierter Gewalt einsetzen!
  7. Erheben Sie Ihre Stimme gegen Homophobie!
  8. Setzen Sie sich mit dem Thema Männlichkeit, Gender- Ungerechtigkeiten und allen ursächlichen Gründen für Gender-basierte Gewalt auseinander!
  9. Helfen Sie jungen Männern dabei, ihre Identität als Mann zu finden ohne Degradierung und Missbrauch von Frauen!
  10. Vermeiden Sie es, Zeitschriften, Musik oder Videos zu kaufen, die Frauen degradieren und Gewalt an Frauen zeigen und verherrlichen!

Strukturelle Gewalt

Jacqueline Frossard ging auch kurz auf strukturelle Gewalt ein. «Die häufigste Form dieser Art von Gewalt ist die Bindung der Frauen an das Heim, sodass sie sich nicht weiterentwickeln können – ausser als Hausfee.»

Psychische Gewalt

Für die Bekämpfung der physischen Gewalt bietet das Schweizer Strafgesetzbuch eine Handhabe, nicht aber gegen psychische Gewalt, denn dazu schwieg sich der Gesetzgeber bisher aus, obwohl auch diese Form von Gewalt sehr weh tun kann.

Jacqueline Frossard beschrieb die Spirale von Reaktionen, die durch psychische Gewalt am Arbeitsplatz hervorgerufen wird: «Psychische Gewalt grösseren Ausmasses führt bei Frauen einmal zu physischen Symptomen wie Übelkeit, Herzklopfen, einem Schwächegefühl in den Beinen usw. verbunden mit der Ausschüttung von Stresshormonen – eine natürliche Reaktion. Doch hinzu kommen bald auch Selbstzweifel und bohrende Fragen: Bin ich wirklich unfähig, diese Arbeit zu machen? Was habe ich falsch gemacht? So geht das Selbstvertrauen verloren, und der Umgang mit den Personen, mit denen man täglich zusammen ist, wird schwierig.»

Jacqueline Frossard forderte, die psychische Gewalt (der auch viele Männer zum Opfer fallen) müsse an der Wurzel bekämpft werden: Die Unternehmen müssten die Anstellung von Frauen und deren berufliche Anerkennung fördern. Dazu gehöre besonders auch ein gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Workshops

Nach dem Referat von Jacqueline Frossard verteilten sich die gut hundert Teilnehmerinnen auf fünf Workshops. In einem ging es um die Gleichbehandlung beider Geschlechter in der Architektur. In zwei Workshops – je einem in deutscher und französischer Sprache – wurde die Gewalt durch Sprache analysiert, eine besonders subtile Art des Ausschliessens und Unterdrückens der Frauen. Weiter waren ein Schreiund ein Wen-Do-Schnupperkurs den Verteidigungstechniken gewidmet. Beim Abschiednehmen heimsten Gewerkschaftssekretärin Barbara Amsler, die Gleichstellungsbeauftragte des SEV, und ihre Assistentin Stephanie Fikatas viel Lob ein für die ausgezeichnete Organisation des Kurses und die Qualität der Referate.

Alberto Cherubini/Fi

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