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GAV-Serie, Teil 3: Interview mit Barbara Spalinger

«Alle GAV haben ihre Macken und Ecken»

SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger war lange Zeit für die Konzessionierten Transportunternehmungen (KTU) zuständig, also alle Verkehrsbetriebe ausser der SBB, und seit Herbst 2019 für die SBB. Sie hat daher einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Vertragspolitik des SEV. Interview.

Barbara Spalinger war ab ihrer Wahl als SEV-Vizepräsidentin im Mai 2003 für die KTU zuständig, bis sie im September 2019 von Manuel Avallone das SBB-Dossier übernahm. Foto: Manu Friederich.

Wo steht der SEV heute in Sachen GAV mit den so genannten Privatbahnen, insgesamt allen ausser der SBB?

Barbara Spalinger: Wir haben fast überall GAV, auch wenn wir bei ein paar wenigen Unternehmungen konstant auflaufen, etwa bei der Sihltalbahn oder der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee, bei denen wir noch keine GAV haben. Aber das ist letztlich eine Frage der Mobilisierung.

Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem GAV SBB und der Masse der KTU-GAV?

Ja klar. Es gibt nirgends sonst keine Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen, also einen Contrat social wie bei der SBB. In den andern Punkten gibt es GAV, die gut vergleichbar sind mit jenem der SBB, etwa der wirklich gute GAV TPF.

Wie gross ist die Bandbreite?

Es haben alle GAV ihre Macken und Ecken, aber das ist die Folge der Verhandlungsprozesse. Wir sagen immer, das beste Resultat ist die gegenseitige mittlere Unzufriedenheit.

Was macht die Unterschiede aus?

Die KTU-GAV haben jeweils einen grossen regionalen Bezug. Es kommt stark darauf an, in welchem Kanton die Unternehmen tätig sind, wie dort die Rahmenbedingungen sind, was es für ein öV-Angebot gibt. Es sind wirklich kleine Universen für sich; wenn man die Chemins de fer du Jura nimmt im Vergleich etwa zu Thurbo, zur Zentralbahn oder zum Busbetrieb im Valle Blenio, die haben alle ihre eigene Tonalität mit ihren eigenen Spezialitäten. Die Haltung des Kantons zum öV ist natürlich auch wichtig.

Hat der SEV 2001 bei null begonnen?

Ja, aber wir haben relativ schnell recht viele GAV gehabt. Etwas mehr als die Hälfte der KTU hat sofort nachgezogen, als der GAV SBB abgeschlossen war. Viele davon haben wir inzwischen revidiert und weiterentwickelt.

Es ist eine der Besonderheiten, dass bei den KTU die Mitglieder jeweils in einer unternehmensweiten VPT-Sektion vereinigt sind, also viel näher dran als bei der SBB. Wie wirkt sich diese Nähe auf die Arbeit des SEV aus?

Bei etwa 80 Prozent läuft unsere Zusammenarbeit ausgezeichnet. Dank der Nähe zu den Mitgliedern bekommen wir so ziemlich alles mit, was läuft. Wenn die Sektion gut funktioniert, kann sie sehr stark auftreten. Die Nähe ist aber manchmal auch schwierig: Konfliktfälle sind dann heikel für die Leute, denn die Chefs sind halt in der Regel auch näher bei den Leuten.

Bei den KTU kann es zu Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen kommen. Das ist für andere Gewerkschaften normal, aber für den SEV aussergewöhnlich. Wo gibt es eigentlich einen standardisierten Sozialplan?

Bei Elvetino; den mussten wir auch schon anwenden, aber das ist lange her. Und als bei der BLS – erstmals in der Geschichte der Eisenbahn und heute kaum vorstellbar – Lokführer entlassen werden mussten, haben wir auch einen Sozialplan ausgehandelt. Der legt nun mehr oder weniger den Standard fest; er ist aber nicht Teil des GAV.

Was ist das Hauptanliegen, das der SEV zurzeit bei den KTU verfolgt – unter Ausklammerung von Covid?

Arbeitszeit und Geld. Für die Mitarbeitenden ist die Arbeitszeit ausgesprochen wichtig. Bei den Löhnen haben wir an vielen Orten die automatischen Aufstiege verteidigen können, sie sorgen für interne Ruhe. Daneben ist uns der Kündigungsschutz wichtig, und dann haben wir doch noch eine ganze Reihe von GAV ohne Vollzugskostenbeitrag.

Teilweise sind auch VSLF und Transfair bei KTU aktiv; wie funktioniert die Zusammenarbeit?

In aller Regel funktioniert sie recht gut, aber es ist auch abhängig von den Personen. Mit dem VSLF gibt es sowohl gute Zusammenarbeit, aber auch zuweilen Reibereien, da ist die Konkurrenz stärker als bei Transfair, die überall Juniorpartner sind.

Also kann man sagen, der SEV ist überall auch in der Privatbahnwelt klar die Nummer 1?

Ja, absolut! Der VSLF ist zwar der stärkste «Juniorpartner», aber da er interessanterweise fast nur B-Lokführer Personenverkehr und Cargo organisiert, ist er bei den Schmalspurbahnen und den Bau- und Rangierlokführern nicht präsent. Wir aber schon!

Wenn du einen Wunsch frei hättest, um etwas in einen GAV hineinzuschreiben, was wäre es?

Ich würde einen Contrat social, einen Kündigungsschutz verankern wollen. Das wäre unser grösster Erfolg!

Peter Moor
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