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SBB infrastruktur – Fahrbahnerneuerung

SEV hinterfragt Abgabe von Verantwortung und Knowhow

© SBB CFF FFS / Symbolbild

Die SBB plant bei der Fahrbahnerneuerung «die Zusammenarbeit mit den Partnern in einem neuen Kooperationsmodell». Dabei will sie sich «auf die Stärkung des internen Bahn-Knowhows» konzentrieren und mehr Verantwortung und Kompetenzen an Drittfirmen abgeben.

Als erste Firma erhielt Sersa den Auftrag. Der SEV kennt den genauen Wortlaut des erteilten Auftrages nicht. Wir wurden am Tag der Bekanntmachung am 27. November 2019 kurzfristig orientiert. Diese «Orientierung» hat aber mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Schon im Oktober 2018 konfrontierte der SEV die SBB mit ihren Plänen für eine Auslagerung von Instandhaltungsarbeiten an private Firmen und ging damit an die Öffentlichkeit. Die SBB-Stellen relativierten die Pläne. Das nun offiziell kommunizierte Kooperationsmodell bestätigt unsere damaligen Befürchtungen. Wie wenn nichts passiert wäre.

Neu sind dabei dazu passende Worthülsen wie «die SBB konzentriert sich auf die Stärkung des internen Bahn-Knowhows und baut dieses weiter aus». Der SEV fragt sich ernsthaft, in welcher Welt die Schreiber solcher Zeilen eigentlich leben. Tagtäglich läuft der SBB das Knowhow in den entscheidenden Bereichen schlicht davon. Die SBB sagt zudem, dass die Drittfirmen ihre Kompetenzen zuerst noch aufbauen müssen, damit sie dieses Modell überhaupt erfüllen können. Und woher kommen diese Fachleute, wenn nicht von den SBB?

Der SEV warnt schon lange vor den Folgen dieser Art von Kooperation. Wenn die privaten Firmen dieses Knowhow haben, hat es die SBB nicht mehr. Und dann ist die SBB diesen Firmen definitiv ausgeliefert, die ja schon jetzt oft eine faktische Monopolstellung haben. Der SEV befürchtet eine totale Abhängigkeit von einzelnen Drittfirmen, die dann Preis und Konditionen diktieren können.

Der SEV hinterfragt auch konkret diese erste Ausschreibung und Vergabe nach neuem Modell. Alle wussten doch schon im Voraus, dass nur Sersa den Zuschlag bekommen kann. Für den SEV sieht das nach einer Pseudo-Ausschreibung aus, um mit allen Mitteln das neue «Kooperationsmodell» zum Laufen zu bringen. Sersa scheint schon heute oft unantastbar zu sein. Fraglich, ob das mit dem neuen Modell besser wird.

Der SEV hat den Eindruck, dass einige verantwortliche Managementstufen der SBB ihre Verantwortung nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen wollen bzw. können. Die vorgesehene «Lösung» mit dieser Auslagerung erscheint uns nicht als Lösung, eher als eine Kapitulation oder Abschiebung von Verantwortung.

Wie gesagt, auch nach der direkten Information durch die SBB-Verantwortlichen bleiben für uns grosse Widersprüche. Exemplarisch ist dabei die Aussage, man wolle «die Interventionsfähigkeit bei den regionalen Teams stärken». Gleichzeitig hat man die Teams beim Projekt NORS von Infra Instandhaltung geradezu pulverisiert (was nun dank dem SEV zum Glück überprüft wird).

Der SEV bleibt extrem kritisch. Wir werden die SBB-Vorhaben insbesondere betreffend Sicherheitsfragen, Haftungsfragen und Rosinenpickerei durch Drittfirmen genau verfolgen und hinterfragen. Intern nehmen wir die SBB beim Wort! Aufbau von internem Knowhow hat absolute Priorität. Wir sind jedoch schon froh, wenn das heutige Knowhow überhaupt bleibt.

Urs Huber, SEV-Team Infrastruktur

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