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Unterakkordanz bei den TPG

Ein trojanisches Dumping-Pferd

Eine SEV-Delegation übergibt am 9. Oktober der Leitung von RATP Dev, einer Unterakkordantin der TPG, eine Solidaritätspetition für den Personaldelegierten Pierre Délias (3. v. links), der eine Kündigungsandrohung erhielt. Unterschrieben haben 41 von rund 60 Mitarbeitenden. Foto: Eric Roset.

Seit mehreren Monaten stecken die GAV-Verhandlungen mit den TPG-Unterakkordanten fest, denn die Untervergabe von Leistungen führt zu Sozialdumping und zu schlechteren Arbeitsbedingungen.

Ob die Verhandlungen um den GAV der Subunternehmen der Genfer Verkehrsbetriebe (TPG) weitergehen, hängt vom SEV ab. Wenn er es wünscht, bleibt die Blockade bestehen. Seitens der Arbeitgeberschaft sitzt die Gruppe GEST am Verhandlungstisch. Vier Unternehmen beschäftigen insgesamt 300 Fahrer/innen: Globe Limo, RATP Dev (die Schweizer Tochter eines Pariser Verkehrsunternehmens), Genève Tours und Odier (lokale Tochter des spanischen Giganten Alsa). Sie alle kamen nach einer SEV-Aktion bei CRCT zusammen, einer lokalen Behörde für kollektive Arbeitsverhältnisse. «Die Arbeitsbedingungen sind bei diesen Unternehmen wesentlich schlechter als bei den TPG. Ein zentrales Thema ist die Erhöhung der Löhne, die sich in den letzten Jahren kaum verändert haben und die es geben muss, auch wenn die Forderungen des Personals noch viel weiter gehen», erklärt Valérie Solano, die zuständige SEV-Gewerkschaftssekretärin.

Man kann sich fragen, warum die TPG überhaupt auf Subunternehmen zurückgreifen und ob nicht genau dieses System zu den aktuellen Blockaden führt. Seit 1995 ist die Unterakkordanz gesetzlich beschränkt auf 10% des gesamten Geschäftsvolumens. Anfangs versicherten die TPG, nur unter besonderen Umständen Subunternehmen einzusetzen, so zum Beispiel, wenn es um das Bedienen neuer Linien ging. Seither greifen die TPG jedoch immer wieder auf diese Möglichkeit zurück und haben derzeit rund dreissig Linien untervergeben.

Oft handelt es sich dabei um eine Sparmassnahme auf dem Buckel des Personals. Markt, Wettbewerb und private Unternehmen werden als effizienter betrachtet als der Service public und der Staat. Öffentliche Aufgaben an Personal zu vergeben, das 20 bis 25% weniger Lohn erhält, schlechter ausgebildet ist und prekärere Arbeitsbedingungen hat, führt zu kurzfristigen Einsparungen. Die Subunternehmen interessieren sich nur für ihren privaten Profit und nutzen ihre Fahrer/innen schamlos aus. Ausserdem bringt die Unterakkordanz eine Verschlechterung von Fahrplan, Zuverlässigkeit und vor allem der Sicherheit für die Nutzer/innen. Viele Angestellte der Subunternehmen leiden unter grosser Müdigkeit, weil ihre Arbeitsbedingungen härter sind als bei den TPG. Ihre Dienstschichten werden bis zum Maximum ausgedehnt.

«Die Sparmassnahmen gehen auf Kosten der Arbeitsbedingungen der Chauffeure. Bei den Löhnen der Angestellten in den Subunternehmen, die durch eine Weisung des Bundes festgelegt sind, gibt es seit Ewigkeiten kaum Erhöhungen», betont Valérie Solano. Nur 100 Franken mehr alle fünf Jahre. Bei den TPG hingegen gibt es eine Lohnskala, wovon erfahrene Fahrer/innen besonders profitieren. Nach einigen Jahren kann der Lohnunterschied bereits 1500 Franken betragen. Ferner haben die Angestellten der Unterakkordanten schlechtere Bedingungen, was Pausenräume, sanitäre Anlagen, die Dienstplanung und den Arbeitsplatz betrifft.

Ein weiterer Nachteil für die Angestellten der Subunternehmen ist, dass diese gewerkschaftliche Forderungen überhaupt nicht ernst nehmen. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass sie eine stark gewerkschaftsfeindliche Haltung entwickelt haben. Dies erschwert dem SEV den Zugang zu den Lokalen der Unternehmen und somit zu den Angestellten. Noch schlimmer: Gewerkschaftsmitglieder werden unter Druck gesetzt. Um die Unterakkordanten überhaupt mit den Gewerkschaften an den Verhandlungstisch zurückzubringen, musste die Behörde CRCT zweimal eingreifen. Diese Unternehmen haben die Sozialpartnerschaft offensichtlich nicht im Blut.

Yves Sancey / Übersetzung: Karin Taglang
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Einschüchterungsversuch bei RATP Dev

Gewerkschaftssekretärin Valérie Solano übergibt die Solidaritätspetition für Pierre Délias an einen Verantwortlichen von RATP Dev, der nicht fotografiert werden will. Foto: Eric Roset.
Die Unterakkordanten der TPG legten bisher eine sehr antigewerkschaftliche Haltung an den Tag. Jeder Fortschritt, den der SEV bei ihnen auf gewerkschaftlichem Weg erreicht, hat letztlich Folgen für die Angestellten, die sich dafür eingesetzt haben. Die Kolleg/innen der Unterakkordanten sehen natürlich, was der SEV bei den TPG erreicht. Doch die TPG haben ein Personalstatut, während die Unterakkordanten dem Obligationenrecht und einem GAV unterstehen. Der Schutz von Personaldelegierten und Gewerkschafter/innen ist bei ihnen, wie anderswo in der Schweiz, extrem schwach.

Der Delegierte des Personals von RATP Dev, Pierre Délias, arbeitet selber bei diesem Unterakkordanten der TPG und kümmert sich seit mehreren Jahren um die Anliegen seiner Kolleg/innen. Kürzlich informierte er RATP Dev über eine Angelegenheit, erhielt aber keine Antwort. Daher wandte er sich direkt an die TPG, mit Kopie an seinen Arbeitgeber, der dieses Vorgehen als deloyal verurteilte. RATP Dev macht Délias auch Vorwürfe, weil er sich geweigert hat, in der Mittagspause die neuen Uniformen anzuprobieren. «Das ist meine Freizeit. Wenn das Unternehmen will, dass ich Uniformen anprobiere, dann hat dies als Arbeitszeit zu gelten.» Drittens wirft die Direktion Pierre Delias vor, seine Haltung sei nicht positiv. Für den SEV ist klar, dass man als Personalvertreter mit seinem Arbeitgeber nicht immer einer Meinung sein kann! Der SEV hat Direktion von RATP Dev schriftlich aufgefordert, den aufgrund dieser Vorwürfe gegen Pierre Délias ausgesprochenen Verweis zurückzunehmen, denn es handelt sich dabei eindeutig um eine antigewerkschaftliche Massnahme. Gleichzeitig hat der SEV auch die TPG über den Vorfall schriftlich informiert. DieTPG sind sind nämlich dazu verpflichtet zu kontrollieren, ob die Bestimmungen des Unterakkordanzvertrags zu den Anstellungsbedingungen eingehalten werden.

Am 9. Oktober übergab eine Delegation von Mitarbeitenden von RATP Dev und TPG begleitet von SEV-Gewerkschaftssekretärin Valérie Solano der Leitung von RATP Dev eine Petition mit den Unterschriften von 41 der insgesamt rund 60 Arbeitskolleg/innen von Pierre Délias. Die Petitionär/innen erklären sich solidarisch mit ihrem Personalvertreter und fordern den Rückzug der ungerechtfertigten Disziplinierungsmassnahme. Die Petition wurde zusätzlich auch von vielen Kolleginnen und Kollegen der SEV-TPG-Sektion unterschrieben.

Yves Sancey / Übersetzung: Markus Fischer

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