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Auf den Spuren von…

Pierre Délias, Busfahrer

Als Busfahrer eines Subunternehmens macht man die gleiche Arbeit, aber zu anderen Bedingungen.

Pierre Délias ist Busfahrer bei RATP Dev, einem Subunternehmen der Genfer Verkehrsbetriebe TPG. Der engagierte SEV-ler verteidigt die Arbeitsbedingungen seiner Kolleg/innen, die durch ihre Mobilisierung im letzten Jahr Verbesserungen erreichten.

Pierre Délias strahlt eine innere Ruhe aus. Wir treffen den 33-Jährigen im SEV-Büro in Genf und fragen ihn nach seinem beruflichen Werdegang. Er erzählt, warum er sich gewerkschaftlich engagiert und wie sich das Personal seines Unternehmens in den letzten Monaten mobilisiert hat. Seine Sprache ist präzis und klar – wie seine blauen Augen. Er spricht sich zwar selber eine gewisse Schüchternheit zu, doch spürt man bei ihm vor allem eine grosse Entschlossenheit und merkt, dass er kein grosses Trara machen muss, um sich verständlich zu machen und zu überzeugen.

Busfahrer eines Subunternehmens

Am Steuer seines Busses in den Farben der TPG unterscheidet Pierre Délias eigentlich nichts von den anderen Chauffeuren der TPG. Wie diese fährt er kreuz und quer durch die Calvin-Stadt, doch ist sein Arbeitgeber nicht der Genfer Regiebetrieb, sondern ein Privatunternehmen, die Schweizer Filiale der RATP. Wie die meisten Angestellten von RATP Dev ist auch er Grenzgänger: Er wohnt 30 Autominuten von Genf entfernt in Frankreich. Er ist einer der insgesamt rund 300 Chauffeure, die bei TPG-Subunternehmen wie RATP Dev, Globe Limo oder Genève-Tours arbeiten. Auf die Unterakkordanz verweisen nur das Firmenlogo an seinem Kittel und ein Hinweis hinten am Bus: «Diese Fahrleistung wird durch RATP Dev Suisse SA erbracht.» Was den Lohn, den Lohnaufstieg, die Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen betrifft, sind die Unterschiede zum öffentlichen Regiebetrieb jedoch nicht nur ein Detail: Beim Eintritt ins Unternehmen verdient man zwar noch etwa gleich viel wie beim Eintritt in die TPG. Doch während dort der Lohn mit zunehmenden Dienstjahren steigt, stagniert er bei den Subunternehmen, sodass er dort nach einigen Dienstjahren gut 1500 Franken tiefer sein kann als bei den TPG.

Unterschiede gibt es auch bei der Arbeitsorganisation und der Dienstplanung. «Wir machen, was man uns sagt, wir haben keine Wahl», fasst Pierre Délias zusammen. «Unseren Dienstplan erhalten wir monatlich, jeweils zehn Tage vor Monatsanfang. Das macht das soziale Leben kompliziert, aber nicht unmöglich. Für mich als Junggeselle ist das Leben ein bisschen weniger kompliziert als für Kollegen mit Familie. Sie sagen oft, dass man in unserem Beruf eine Frau finden sollte, bevor man diesen Beruf wählt. Bei den TPG gibt es immerhin eine Jahresplanung, ausser für die Springer.» In seiner Freizeit wandert Pierre Délias gern oder fährt Mountainbike.

Mobilisierung

Er und seine Kolleg/innen haben ein anstrengendes Jahr hinter sich. Ende 2017 traten die neuen TPG-Fahrpläne in Kraft und damit die Diensttouren der Chauffeure. «Diese funktionierten überhaupt nicht. Wir hatten überlange Dienstschichten mit ausgedehnten Pausen in der Mitte. Übermüdung, Krankheitsfälle und Absentismus waren die Folge. Alle waren entrüstet, wütend und solidarisch. Mit Unterstützung von SEV-Sekretärin Valérie Solano begannen wir zu mobilisieren.» Die ca. 60 Fahrer/innen forderten weniger beengende Touren, Essenszulagen, gleiche Löhne wie bei den TPG und Pausenräume mit Toiletten. Eine noch nicht befriedigende Vereinbarung brachte im Juni etwas kürzere Dienstschichten. Doch mit seiner Mobilisierung machte das Personal klar, wohin allzu rigide Diensttouren und der dadurch mitverursachte Chauffeurmangel führen. Mit den Fahrplänen 2019 sind die Touren erheblich besser geworden.

Warum engagiert sich Pierre Délias in der Gewerkschaft? «Bei mir liegt das wohl im Blut», witzelt er. Bereits seine Grossmutter habe als Gewerkschaftsdelegierte in Genf einen Streik organisiert. «Das hat mich schon ein wenig beeinflusst.» Pierre Délias hat bereits viele Jobs gemacht: im Garten- und Gemüsebau, als Maurer (mit Eidg. Fähigkeitszeugnis!), im Schlachthof eines Grossunternehmens, wo ihm die profitorientierten Methoden nicht gefielen, und fünf Jahre als Lkw-Fahrer, bevor er die Busfahrerprüfung ablegte und bei RATP Dev begann. Dort störte ihn bald, dass es zwischen Direktion und Personal keinen Dialog gab. Eine überraschende Streikdrohung des Personals im Jahr 2014 machte ihn zum gewerkschaftlichen Kämpfer. Bei dieser Gelegenheit lernte er die Arbeit des SEV kennen.

Die Auslagerung von TPG-Leistungen beschäftigt am 28. Februar auch das Genfer Kantonsparlament: Die Rechte will, dass neu bis 15% statt bis 10% ausgelagert werden dürfen, die Linke kritisiert das damit verbundene Lohndumping. Zudem beginnen am 5. März die Verhandlungen zur Erneuerung des GAV für die Subunternehmen der TPG. Dabei wird Pierre Délias seine Kolleg/innen vertreten.

Yves Sancey/Fi

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