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Teuerungsausgleich: Einigung bei den TL, Eskalation bei den TPG

An der März-Versammlung des VPT TL stand der Kampf um den Teuerungsausgleich im Zentrum. Die Einigung auf +2,8 % zeigt: Es lohnt sich zu kämpfen.

Der Rückgang der Kaufkraft belastet die Haushaltbudgets und bewegt die Gemüter. Entsprechend hat für die SEV-Sektionen bei den Lausanner und den Genfer Verkehrsbetrieben der Teuerungsausgleich zurzeit höchste Priorität. Beide Unternehmensleitungen wollten den Ausgleich für 2022 nicht voll gewähren, was die Sektionen nicht akzeptierten. Nach einer monatelangen Mobilisierung hat der SEV nun in Lausanne eine Einigung erzielt, die aber von der Basis nach Redaktionsschluss noch genehmigt werden muss. In Genf dagegen droht ein Streik.

Bei den Verkehrsbetrieben der Region Lausanne (TL) wollte die Leitung für das Jahr 2022 statt dem vollen Teuerungsausgleich von 1,5% zuerst nur 0,75% gewähren, obwohl der GAV den automatischen Teuerungsausgleich vorsieht. Der Vertrag sieht die Möglichkeit einer Abweichung von diesem Grundsatz zwar vor, doch nur nach Verhandlungen. Solche wollte die TL-Leitung aber zunächst nicht führen.

Das liess sich das TL-Personal nicht bieten: 350 Mitarbeitende protestierten im März an einer historischen SEV-Versammlung gegen den ungenügenden Teuerungsausgleich und weitere Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen. Wenige Tage später kamen bei zwei SEV-Präsenzen vor Ort nochmals rund 250 Kolleginnen und Kollegen vorbei. «Die Wut des Personals lässt sich auch am Werbeerfolg ablesen: Seit Anfang Jahr sind dem VPT TL fast 200 Neumitglieder beigetreten», berichtet SEV-Gewerkschaftssekretär Pablo Guarino. «Dieses starke Organizing und die damit verbundene Mobilisierung verleihen dem SEV auch mehr Gewicht in den Verhandlungen.»

Der SEV rief die zuständige Schlichtungsstelle an, und in mehreren Verhandlungsrunden wurde schliesslich eine Einigung erzielt: In Anwendung von Artikel 53 Abs. 2 des GAV-TL wird ab dem 1. September 2022 eine Lohnerhöhung von 2,8% gewährt. Diese Lohnerhöhung ab September kommt zu den 0,75 % hinzu, die bereits am 1. Januar gewährt wurden. Der Referenzindex für jede zukünftige Indexierung des Gehalts ist der Index vom September 2022.

Die Vereinbarung mit diesem Verhandlungsergebnis muss aber nach Redaktionsschluss dieser Zeitung noch von der SEV-Basis genehmigt werden. Die Stimmkarten sind in den letzten Tagen an die Mitglieder verschickt worden, und sie können nun bis zum 29. September schriftlich abstimmen. Stimmen sie zu, tritt die Vereinbarung rückwirkend auf den 1. September in Kraft und wird auf die Oktoberlöhne angewendet. «Diese Vereinbarung war nur dank der Solidarität und der Mobilisierung der Mitarbeitenden möglich. Ich bin sehr stolz auf meine Kolleginnen und Kollegen, die verstanden haben, dass sie sich massiv gewerkschaftlich organisieren müssen», betont Cung Hong-Nghia, Präsident der Sektion SEV-TL.

Damit hat sich die Situation bei den TL aber noch nicht entspannt, denn es schwelt weiterhin ein Konflikt zu den Arbeitszeiten, vor allem zur Nachtarbeit in den Werkstätten. Dort hat das Personal neulich über eine Woche lang nur noch nach Vorschrift gearbeitet. Fortsetzung folgt.

Streikankündigung für den 12. Oktober

Bei den Genfer Verkehrsbetrieben (TPG) haben die Gewerkschaften SEV und Transfair am 7. September eine Mitgliederbefragung abgeschlossen, bei der es um den Teuerungsausgleich für das Jahr 2022 ging, den die TPG-Direktion nicht voll gewähren will. 70% der Befragten stimmten für eine Streikankündigung. Daraufhin legten die Sektionsvorstände von SEV und Transfair am 13. und 14. September als Datum für den Streik den 12. Oktober fest und forderten im Namen ihrer Mitglieder den vollen Teuerungsausgleich. Sie vertreten bei den TPG mehr als 85% des gewerkschaftlich organisierten Personals und fast 60% des gesamten Personals.

Im Dezember 2021 hatte die TPG-Direktion zuerst 0% Teuerungsausgleich angeboten. Angesichts der Empörung beim Personal offerierte sie dann eine Prämie, die sie als Belohnung für die Pandemiejahre präsentierte. Dies war aber keine nachhaltige Alternative zum Teuerungsausgleich mit einer Lohnindexierung, welche die gesamte Lohnentwicklung der Mitarbeitenden nachhaltig beeinflusst und für die Pensionskassenbeiträge wichtig ist. Die Mitglieder von SEV und Transfair lehnten in einer Befragung die Abspeisung nur mit einer Prämee ab, forderten den Teuerungsausgleich und erteilten ihren Gewerkschaften das Mandat, Kampfmassnahmen vorzubereiten. So kam es zu einer ersten Streikankündigung für den 28. Juni 2022. Diese bewog die TPG-Leitung, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, wobei sie zugleich die kantonale Schlichtungsstelle (Chambre des relations collectives de travail, CRCT) anrief. Damit mussten die Gewerkschaften ihre Streikankündigung suspendieren.

Im Juli folgten mehrere Verhandlungen auf der Basis der Empfehlung der CRCT, die Löhne ab diesem Sommer in der Höhe von 1,2% zu indexieren. Diese Empfehlung erfolgte unter Berücksichtigung der finanziellen Probleme der TPG einerseits und andererseits auch des wichtigen Anliegens, die Kaufkraft der Mitarbeitenden der TPG zu erhalten. Das Entgegenkommen der Gewerkschaften mit der Forderung von 1,2% Teuerungsausgleich per 1. September (statt ab Jahresbeginn) und 500 Franken Prämie erachtete die CRCT als «eindeutig wichtiger» als das Entgegenkommen der Direktion mit 0,5% Teuerungsausgleich per 1. September und 300 Franken Prämie. Als sich diese Differenz nicht ausräumen liess, stufte die CRCT den Konflikt als nicht schlichtbar ein, womit die Gewerkschaften ihre Handlungsfreiheit zurückerhielten.

Das «letztes Angebot» der Direktion lautete 0,6% Teuerungsausgleich per 1. September und 400 Franken Prämie. Der TPG-Verwaltungsrat beschloss am 5. September, dies so umzusetzen, ohne die Mitgliederbefragung der Gewerkschaften abzuwarten. 70% der von SEV und Transfair befragten TPG-Mitarbeitenden beurteilten dieses Angebot als ungenügend und stimmten für die Reaktivierung der Streikankündigung.

Der letzte TPG-Streik fand im Jahr 2014 statt, dauerte einen Tag und war ein gewerkschaftlicher Erfolg.

Yves Sancey und Markus Fischer
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Lohnforderung an die TPF

Bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben (TPF) fordern SEV und Transfair eine Lohnerhöhung von 5%, um den Kaufkraftverlust durch die Inflation und die steigenden Lebenskosten auszugleichen und den Rückstand bei der Lohnentwicklung der letzten Jahre aufzuholen. Zudem hat das Personal der TPF in den letzten Jahren stark zu den Sparmassnahmen des Unternehmens beigetragen. Darum umfasst die geforderte allgemeine Lohnerhöhung neben dem Teuerungsausgleich auch eine Reallohnerhöhung.

Am Donnerstag, 8. September, ging der Vorstand bei den Kolleg:innen in Freiburg vorbei, um die Temperatur zu messen. Fritz Hänni, Präsident des Vorstandes SEV-TPFF, war beeindruckt von der Angst, die viele TPF-Mitarbeitende haben: "Überall, wo wir vorbeikamen, haben wir die gleichen Befürchtungen gehört, dass das Monatsende schwierig wird, ganz zu schweigen von den Erhöhungen der Krankenkassenprämien, die um die 10% steigen dürften, und von möglichen Mietzinserhöhungen, da die Stromkosten in die Höhe schnellen. In diesem angespannten Umfeld sind nun Lohnerhöhungen notwendig!", hält er fest. Die Zeit ist nun reif für Verhandlungen mit der TPF-Leitung. Der SEV-TPF wird die Mitglieder in jeder Phase der Verhandlungen, die in Kürze beginnen werden, über die Zwischenergebnisse informieren. "Sollte das Ergebnis unzureichend sein, werden wir zur Mobilisierung der gesamten Belegschaft aufrufen!", sagt SEV-Gewerkschaftssekretär Pablo Guarino.