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Interview mit Patrick Kummer

Digitalisierung, Reorganisationen und Stress: Ist das noch gesund?

Was tun, um von der Digitalisierung nicht erdrückt zu werden?

Die Arbeitswelt von gestern wird morgen eine andere sein – der digitale Wandel ist allgegenwärtig. Bisherige Berufsbilder werden durch neue ersetzt, Mitarbeitende können direkt davon betroffen sein. Die Digitalisierung stellt Unternehmen und Mitarbeitende gleichermassen vor grosse Herausforderungen. Gleichzeitig wird der dringende Ruf nach mehr Vereinbarkeit von Familie, Freizeit, Beruf und Weiterbildung stetig lauter. Die SEV-Zeitung sprach darüber mit SEV-Gewerkschaftssekretär Patrick Kummer.

SEV-Zeitung: Welche Auswirkungen haben der digitale Wandel und die damit verbundenen steten Reorganisationen in den Unternehmen auf das Personal?

Patrick Kummer: Die Erfahrungen, die uns von betroffenen Mitarbeitenden geschildert werden, decken sich mit den Resultaten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (siehe Grafik). Gemäss dieser Befragung litten 2017 bereits 21 Prozent der Erwerbstätigen an ihrem Arbeitsplatz meistens oder immer unter Stress. Im Jahr 2012 waren es erst 18 Prozent. 20 Prozent der Erwerbstätigen gaben an, sich emotional erschöpft zu fühlen. Und sogar 50Prozent der Erwerbstätigen waren an ihrem Arbeitsplatz von mindestens drei Typen psychosozialer Risiken betroffen. Die beiden häufigsten Risiken sind hohe Arbeitsanforderungen und hoher Zeitdruck. Wenn Arbeit krank macht, müssen wir gesellschaftlich reagieren.

Und wie soll diese Reaktion ausfallen?

Die Digitalisierung beinhaltet zusätzliche Herausforderungen für Unternehmen und für Mitarbeitende sowie neue Reorganisationen. Das ist unterdessen bekannt. Diese Herausforderungen müssen gemeinsam und sozialpartnerschaftlich gestaltet werden. Das muss ebenfalls bekannt sein. Eine einseitige Herangehensweise seitens Unternehmensleitung wäre falsch. Ebenfalls falsch ist der Ausbau von Kontrolle und Überwachung von Mitarbeitenden, für die durch die Digitalisierung neue Mittel zur Verfügung stehen.

Schweizerische Gesundheitsbefragung, BfS 2019

Was wäre denn richtig?

Im digitalen Strukturwandel müssen zwar die Mitarbeitenden im Fokus stehen, jedoch deren Entwicklung, nicht deren Kontrolle. Die Digitalisierung lässt sich nur erfolgreich angehen, wenn die Mitarbeitenden dafür gerüstet und befähigt sind und vom Unternehmen respektiert werden. So lässt sich gemeinsam am selben Strick ziehen. Ein zentraler Baustein dafür ist die frühzeitige Potenzialanalyse und daraus gemeinsam abgeleitete Entwicklungsmassnahmen. Bisheriges Know-how binden und neue Kompetenzen entwickeln – das sollte der Leitgedanke für jedes Unternehmen sein, das die digitale Transformation meistern will.

Wie schafft das ein Unternehmen?

Dazu müssen tatsächliche Entwicklungsgespräche mit den Mitarbeitenden geführt werden, unter Einbezug anstehender Veränderungen und Reorganisationen, damit die Mitarbeitenden ihre eigene Entwicklung im digitalen Strukturwandel beeinflussen können. Davon profitieren auch die Unternehmen. Denn mit fehlender Wertschätzung und Sparprogrammen, die an kurzfristigem Managementdenken orientiert sind, wird die Verbundenheit der Mitarbeiter mit einem Unternehmen allmählich zerstört.

Soweit so gut – wo liegt dann das Problem?

Entwicklungsmassnahmen und Weiterbildungen sind wichtig für den erfolgreichen Umgang mit der Digitalisierung. Für solche Massnahmen benötigen Mitarbeitende jedoch Zeit und Energie. Wenn nebst Arbeit, laufender Reorganisation und Familie auch noch eine Weiterbildung dazu kommt, ist die täglich vorhandene Zeit rasch aufgebraucht und der Energielevel schnell bei null angelangt. 21 Prozent der Erwerbstätigen litten 2017 gemäss Schweizerischer Gesundheitsbefragung bereits meistens oder immer unter Stress.

Wir benötigen Lösungen, die eine Entwicklung ermöglichen, gleichzeitig aber nicht zu noch mehr Stress führen. Dieser Spagat wird für Mitarbeitende sonst zur Zerreissprobe.

Wie kann einem Unternehmen dieser Spagat zwischen Arbeit, Reorganisation, persönlicher Weiterentwicklung und Gesundheit gelingen?

Der SEV hat sich dazu natürlich Gedanken gemacht und folgende Forderungen aufgestellt:

  • Massnahmen zur Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung müssen gefördert werden.
  • Es braucht frühzeitige Potenzialanalysen und Entwicklungsmassnahmen, die sich an den zukünftigen Herausforderungen orientieren, für alle Mitarbeitenden, unabhängig von Alter und Geschlecht.
  • Der Gesundheitsschutz, der Datenschutz, die Privatsphäre und die Arbeitsplatzsicherheit müssen gewährleistet sein.

Der SEV setzt sich auf allen Ebenen dafür ein, dass die Mitarbeitenden im digitalen Strukturwandel geschützt bleiben und vom Wandel profitieren.

Hast du dazu ein konkretes Beispiel?

Klar! Der SBB GAV beinhaltet neu das Recht auf Nichterreichbarkeit, ein erster wichtiger Schritt zur Sicherstellung von Gesundheit und Ruhezeit im digitalen Zeitalter. Der SEV wird den digitalen Strukturwandel weiter sehr eng begleiten. Die Balance zwischen Flexibilität der Arbeitsverhältnisse und Arbeitsplatzsicherheit darf sich nicht einseitig zu Gunsten der Flexibilität verändern. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis und beeinflusst die psychosoziale Gesundheit. Nur gesunde Mitarbeitende können einen Beitrag zum digitalen Strukturwandel leisten. Somit liegt es auf der Hand, dass die Arbeitsplatzsicherheit sowie die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung Priorität haben und gewährleistet sein müssen. Dann wird auch der digitale Strukturwandel zum Erfolg.

SEV-Gewerkschaftssekretär Patrick Kummer ist Ansprechperson für Fragen zum digitalen Strukturwandel beim SEV und steht für weitere Auskünfte zur Verfügung: 076 324 89 55 oder Enable JavaScript to view protected content..

Interviewfragen: Chantal Fischer

Reorganisationen – so macht man es nicht

Ein aktuelles Beispiel – und sinnbildlich für alle Reorganisationen, bei denen nicht der Mensch im Fokus steht – ist die «Weiterentwicklung Operating Model Finance» bei der SBB. Betroffen sind Mitarbeitende aus den Divisionen Personenverkehr, Infrastruktur und den Konzernbereichen. Es handelt sich nicht um eine kleine Veränderung, sondern um eine weitreichende Reorganisation. Es geht darum, die SBB Finanzen für die Zukunft auszurichten und zu organisieren, um Performance Management, Operational Excellence, Business Partnering und Value Creation. Viele schöne Worte. Doch wie verändert sich der Arbeitsalltag für Betroffene? Die erhaltenen Rückmeldungen sind für den SEV beunruhigend: Mitarbeitende leiden unter Schlafstörungen, bedingt durch Stress und zu hohe Arbeitsbelastung. Sie wachen nachts auf und können nicht mehr aufhören, an den kommenden Arbeitstag zu denken. Durch die hohe Arbeitsbelastung steigt der Zeitdruck, die Deadlines werden nicht flexibel dem Arbeitsvolumen angepasst. Zudem steigt die Unsicherheit: Mitarbeitende mussten sich auf neue Stellen intern bewerben und haben Angst um ihren Arbeitsplatz oder befürchten funktionale Rückstufungen, was verständlicherweise zu Ängsten führt. Ein Instrument, um drohende Arbeitsplatzverluste zu verhindern, wäre die Personalentwicklung. Mitarbeitende sollen frühzeitig auf neue Herausforderungen vorbereitet werden, um nach einer Reorganisation neue Funktionen zu übernehmen (siehe Interview). Durch Entwicklungsmassnahmen liessen sich zudem Unsicherheiten abbauen. Die Erfahrung zeigt aber leider auch hier: Entwicklungsmassnahmen werden nicht oder nur ungenügend besprochen und vorbereitet.

Kommentare

  • Yves Grobet

    Yves Grobet27/09/2019 11:00:03

    Bravo pour l'article. Sachez que nous sommes nombreux à vous soutenir.

    Yves Grobet

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