BLS
Feuer unter dem neuen Dach

Der Bezug des neuen Hauptsitzes am Europaplatz stellt für die BLS einen Neuanfang dar. Einer, der zwar bisher gut verlaufen ist, aber nicht ohne Nebengeräusche und Kinderkrankheiten auskommt.
Trotz nasskaltem Schneeregen zeigt sich der neue BLS-Hauptsitz in Bern überraschend einladend. Schon im Innenhof verdichtet sich dieser Eindruck: Moderne Möblierung, warme Ambiance und klare Architektur schaffen eine offene, zeitgemässe Atmosphäre. Auch unter den Besucher:innen herrscht am Eröffnungsanlass eine gelöste, neugierige Stimmung, ganz im Sinne des Aufbruchs, den der neue Standort verkörpern soll. In seiner Ansprache betont der CEO der BLS, Daniel Schafer, das grosse Entwicklungspotenzial des gesamten Areals und unterstreicht damit auch die strategische Bedeutung des neuen Standorts. Mit dem «Forum West» am Europaplatz wurden die bisherigen Bürostandorte an der Genfergasse, am Bollwerk und an der Sägemattstrasse in Köniz unter einem Dach vereint. Die Führung durch die verschiedenen Räumlichkeiten ermöglicht auch in dieser Hinsicht spannende Einblicke und macht deutlich, dass viele Überlegungen in teilweise widerstrebenden Anspruchslogiken in die neue Büroflächenberechnung und damit verbunden in die Arbeitsplatzplanung geflossen sind. So steht nur jedem zweiten Mitarbeitenden ein fester Arbeitsplatz am Hauptsitz zur Verfügung. Ein Konzept, das zu Engpässen führt und bereits angepasst werden musste. Zudem eignet es sich nicht für alle Arbeiten und alle Menschen gleich gut.
Moderne Büros – aber was zählt für Mitarbeitende?
Wer sich etwas bei der Belegschaft umhört, merkt schnell, dass zentrale Anliegen von Mitarbeitenden ungenügend oder gar nicht umgesetzt wurden. Denn auch am Europaplatz arbeiten BLS-Mitarbeitende rund um die Uhr: Die beiden BLS-Leitstellen befinden sich nämlich dort. Aber ein Essensangebot rund um die Uhr ist nicht vorhanden, obwohl ein einfacher Sandwich- oder Snackautomat die Grundversorgung sichern würde, ohne eine grosse Infrastruktur zu benötigen. Zur nicht bis ins Detail zu Ende gedachten Infrastruktur passt auch, dass sich im ganzen Gebäude nur im 5. Stock eine grössere Anzahl Mikrowellengeräte befinden. All dies zeigt, dass kleine, aber entscheidende Alltagsbedürfnisse der Beschäftigten bisher zu wenig berücksichtigt wurden, obwohl ihre Umsetzung vergleichsweise einfach wäre. Damit wird deutlich, dass die planerische Sorgfalt der Grossstruktur nicht automatisch bis in den Arbeitsalltag hineinwirkt. Gerade dort entstehen jedoch jene Momente, die für Mitarbeitende über Komfort und Wertschätzung mitentscheiden.
Es muss festgestellt werden, dass die Fokussierung auf das grosse Ganze stellenweise den Blick für entscheidende praktische Details getrübt hat. So wurden auch bei der Erneuerung der Sanitäranlagen die Anforderungen an den realen Arbeitsalltag vernachlässigt. Während die Toiletten bei den Sitzungszimmern erneuert wurden, besteht in der Leitstelle nach wie vor eine unbefriedigende Situation: Aufgrund der unmittelbaren Nähe der Toiletten zum Eingangsbereich ist das Personal dort dauerhaft einer unangenehmen Geruchsbelastung ausgesetzt. Weitere unglückliche Positionierungen von Toiletten im Gebäude wurden trotz Umbau nicht korrigiert, obschon dies eine naheliegende Möglichkeit gewesen wäre. Die Renovation der Sanitäranlagen wurde erst nachträglich angegangen, wodurch funktionale Probleme länger bestehen bleiben, als es nötig gewesen wäre.
Wichtige Diskussionen im Zentralvorstand
Dass die vorgegebene Richtung der BLS nicht immer alle Mitarbeitenden gleichermassen mitdenkt, zeigt sich auch im Austausch unter den Delegierten aus verschiedenen BLS-Berufsgruppen im SEV-Zentralvorstand BLS. Lokführer:innen im Güterverkehr berichten etwa, dass sie während nächtlicher Einsätze teilweise keinerlei Essensinfrastruktur vorfinden und mitunter nicht einmal eine funktionierende Kaffeemaschine zur Verfügung steht. Auch in anderen Berufsgruppen zeigen sich Herausforderungen: Bei den Mitarbeiter:innen der Werkstätten wird im Zusammenhang mit der Einführung eigentlich sinnvoller Konzepte von Praktiken berichtet, die zu mehr Druck und Unmut statt verbesserter Werkstattkultur führen.
Für das Zugpersonal stehen oftmals nicht genügend Personaltoiletten zur Verfügung, dies ist besonders bei Stichproben-Einsätzen der Fall.Gleisbauer fahren teilweise 15 km weit zur nächsten Toilette, weil in den umgebauten BLS-Bahnhöfen die Personaltoiletten wegrationalisiert wurden. Solche Situationen erscheinen im konkreten Arbeitsalltag nur schwer bzw. nicht zumutbar. Gleichzeitig wird deutlich, wie gross die Vielfalt der Berufe innerhalb der BLS ist und wie unterschiedlich die jeweiligen Anforderungen und Alltagsrealitäten ausfallen. Diese Unterschiede zeigen, dass ein gemeinsamer Anspruch an gute Arbeitsbedingungen nur dann gelingen kann, wenn alle Berufsgruppen gehört und ihre spezifischen Bedürfnisse ernst genommen werden. Trotz dieser unterschiedlichen Erfahrungen und teils uneinheitlicher Wahrnehmungen eint die Sektionen ein gemeinsamer Wunsch: dass die strategische Weiterentwicklung der BLS stärker mit den praktischen Realitäten des Arbeitsalltags verzahnt wird. Denn erst wenn Führung, Prozesse und Infrastruktur die Vielfalt der Berufe nicht nur kennen, sondern aktiv berücksichtigen, kann das Unternehmen sein gesamtes Potenzial entfalten. Die Herausforderungen und Probleme, die heute sichtbar werden, sind dabei weniger Ausdruck eines scheiternden Systems als vielmehr klare Hinweise auf einen notwendigen und weiter fortgesetzten Wandel in der Unternehmenskultur, der bis in die einzelnen Abteilungen und in der Fläche wirken muss. Gerade in einer Organisation, deren Stärke in ihrer Breite liegt, kann aus einem offenen, kontinuierlichen Dialog zwischen den Bereichen eine Kultur entstehen, die Innovation fördert und zugleich den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Sarah Thomas