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Industriewerk Bellinzona

SBB bedauert «Missverständnis»

Nach der Personalversammlung vom 18. April ging eine Delegation des Personals unter Leitung von Gianni Frizzo (mit oranger Weste) zum Regierungsgebäude und sprach mit Luca Pagani, Präsident des Grossen Rates, Staatsrat Christian Vitta und Ivo Durisch, Präsident der SP-Fraktion.

Letzten Freitag hat die SBB in Luzern Vertretern von Personal, Gewerkschaften und Kanton erklärt, warum das Volumen ihrer Aufträge ans Industriewerk Bellinzona heute rund 30% unter jenen von 2013 liegt, obwohl sie sich im November 2013 bei der Gründung des Kompetenzzentrums für Bahntechnik verpflichtete, das Volumen «analog zum aktuellen» zu halten: Sie habe die 340000 Arbeitsstunden von 2008 gemeint und nicht die 450000 Stunden im Jahr 2013, weil da «Sondereffekte» gewirkt hätten. Sie bedaure das «Missverständnis» und dass das Volumen im Vertrag nicht klar festgehalten wurde. Bis 2020 sinke das Volumen auf 320000 Arbeitsstunden. Geplant sei ein Rückgang beim Güterwagenunterhalt, nicht aber bei Loks und Achsen. In den nächsten fünf Jahren investiere sie 20 Mio. ins IW, 20 Mio. in die Serviceanlage Pedemonte in Bellinzona sowie in die Serviceanlage Biasca 1 Mio. Am Montag appellierte die Versammlung des IW-Personals erneut an die Kantonsbehörden, die SBB zur Ordnung zu rufen. Sie will den Druck auf die SBB erhöhen und die Volksinitiative von 2008 für die Schaffung eines Technikpools reaktivieren.

Gi/Fi

Kommentar

«Die Rechtfertigung der SBB wirft einen dunklen Schatten auf die Zukunft des Kompetenzzentrums und des IW»

Die Zukunft des Industriewerks (IW) Bellinzona steht immer wieder im Rampenlicht der Politik und fordert uns auch gewerkschaftlich. In den letzten Monaten ist diese Geschichte um ein Kapitel reicher geworden, das sie noch spezieller macht.

Nicht alltäglich ist schon die Existenz einer Institution wie das Kompetenzzentrum für nachhaltige Mobilität und Bahntechnik, dessen Aufgabe offiziell vor allem darin besteht, die Entwicklung und den Ausbau des IW Bellinzona und aller damit verbundenen SBB-Aktivitäten zu fördern.

Diese Institution wurde vor allem auf Wunsch des IW-Personals gegründet. Es erhofft sich davon, dass die vom Kompetenzzentrum hereingeholten Aufträge den künftigen Rückgang der Aufträge seitens der SBB für Unterhaltsarbeiten an Cargo-Rollmaterial kompensieren können. Die im Auftrag des Kantons erstellte Machbarkeitsstudie hatte bestätigt, dass dies möglich sein sollte, hatte aber auch erhebliche Risiken aufgezeigt, die dem Kompetenzzentrum besonders in der Entstehungsphase drohen. Daher hatte die Studie betont, dass in den ersten Jahren das Volumen der Aufträge ans IW stabil bleiben muss. Dieser Punkt war denn auch nach langen, mühevollen Verhandlungen ausdrücklich in der Gründungsvereinbarung festgehalten worden.

Niemand hat je die Augen davor verschlossen, dass der Weg steil und voller Hindernisse sein würde, doch man glaubte daran und will auch jetzt noch daran glauben. Daher wirkt die Rechtfertigung der SBB, dass man 2013 unter «analogen Volumen zu den aktuellen» jene von 2008 gemeint habe, nicht nur wie eine zynische Schlaumeierei, sondern sie wirft einen dunklen Schatten auf die Zukunft des Kompetenzzentrums und des IW. Denn abgesehen davon, dass zerstörtes Vertrauen wieder aufgebaut werden muss, entzieht so die SBB der an sich schon fragilen neuen Institution einen Teil der Nahrung, die sie unbedingt braucht, um wachsen und sich festigen zu können.

Entschuldigungen reichen nicht: Nötig ist ein konkreter Wille, ausgedrückt mit Taten, die Abmachungen einzuhalten und das Kompetenzzentrum und das IW auf dem Weg in eine gedeihliche Zukunft zu begleiten, zum Wohl des Kantons und der ganzen Region. Darum geht es in dieser Geschichte wirklich.

Pietro Gianolli, Gewerkschaftssekretär und Redaktor kontakt.sev
(Übersetzung i/d: Fi)

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