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GAV-Serie, Teil 5: Ausblick

Die Zukunft: Sozial, familiär, digital

Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Begleitung in der Digitalisierung und Ruhestandsmodelle für Berufe mit hoher Belastung: Das sind die Anliegen des Verkehrspersonals für die Gesamtarbeitsverträge der Zukunft.

Digitalisierung auf der SBB-Baustelle des Bözbergtunnels im September 2019.

Gesamtarbeitsverträge sichern das Personal ab, aber die Perspektiven sind nach Corona getrübt, und es wird einige Jahre dauern, bis das frühere Niveau wieder erreicht ist. Dies betont auch Marjan Klatt, Vizepräsident des LPV: «Gerade in Krisenzeiten erweist sich ein solider GAV buchstäblich als Fels in der Brandung, welcher einen guten Schutz der Arbeits- und Anstellungsbedingungen in einer Unternehmung bildet und dabei den unterstellten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine unschätzbare Sicherheit bietet.»

Was erwarten die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter von der nahen Zukunft? Eine Umfrage bei den Unterverbänden zeigt einige klare Schwerpunkte. Die Arbeitsplatzsicherheit bleibt zentral; bei der SBB im Contrat social festgeschrieben, bei den privaten Verkehrsunternehmen als Forderung. VPT-Zentralpräsident Gilbert D’Alessandro sagt es klar: «Wir brauchen einen ausgebauten Kündigungsschutz und eine aktive Wiedereingliederung im Unternehmen bei gesundheitlichen Problemen.» Die Unterverbände mit reinen Bahnberufen legen ebenfalls hier das grösste Gewicht. Ralph Kessler vom ZPV betont: «Die Monopolberufe haben auf dem freien Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, eine neue Stelle zu finden.» Hanspeter Eggenberger vom RPV sagt es klar: «Der Kündigungsschutz aus wirtschaftlichen Gründen ist für die Rangierer nicht verhandelbar. Ohne diesen gibt es keinen GAV!»

Es überrascht nicht, dass die Schwerpunkte bei der Jugendkommission anders liegen. Köbi Rüegg sagt: «Ich erwarte, dass der GAV sich der wandelnden Gesellschaft anpasst, mit flexiblen Arbeitsmodellen und der Förderung von Teilzeitarbeit.» Seine Kollegin Nina Grimm, die die Jugend im Vorstand SEV vertritt, ergänzt: «Die Anstellungsbedingungen müssen attraktiv bleiben, damit Junge überhaupt zur Bahn kommen.»

Übereinstimmend weisen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter darauf hin, dass die berufliche Weiterentwicklung eine zentrale Rolle spielt. Peter Käppler, Zentralpräsident des Unterverbands AS hält fest: « Ein wichtiger Fokus ist die Vereinbarkeit von Familie, Weiterbildung und Beruf. Dazu zählen auch Teilzeitmodelle für Mitarbeitende und Führungskräfte.»

Doch auch das Ende des Berufslebens ist ein wichtiges Thema. Jan Weber, Zentralpräsident des Unterverbands Bau, betont: «Wesentlich ist die Beibehaltung der Vorruhestandsmodelle für besonders belastete Arbeitnehmende.» Er wird unterstützt von Ralph Kessler: «Wir erwarten die Weiterführung der Pensionierungs- resp. Zukunftsmodelle ‹Priora› und ‹Valida›. Solche Modelle müssen auch bei den verschiedenen privaten Transportunternehmungen geschaffen werden.» Damit spricht er VPT-Zentralpräsident Gilbert D’Alessandro aus dem Herzen, der ergänzt: «Wir fordern die Schaffung eines gemeinschaftlich finanzierten Fonds für die Frühpensionierung mit 60 oder 62 Jahren wie in der Baubranche.»

Mit einiger Sorge blicken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SBB Cargo in die Zukunft. Zwar wurde auch dieser GAV aufgrund der Pandemie verlängert, aber nur bis 2023; in der Zwischenzeit soll ein eigenständiger GAV verhandelt werden. Sandro Kälin, Zentralpräsident TS, meint denn auch: «Bei SBB Cargo werden wir vor einer sehr schwierigen Aufgabe stehen. Es ist aber enorm wichtig, auch mit SBB Cargo einen sehr guten GAV mit guten Arbeitsbedingungen auszuhandeln oder den bestehenden GAV wieder zu verlängern.»

Nach wie vor ist die Bahn eine männerdominierte Welt. Die SEV-Gleichstellungsbeauftragte Lucie Waser stellt der SBB allerdings ein gutes Zeugnis aus, was die Rahmenbedingungen angeht: «Der GAV SBB ist hinsichtlich Diversität und Inklusion vorbildlich.» Sie weist zudem auf einen Umstand hin, der kaum je angesprochen wird: «Die SBB fördert das Engagement in der Gewerkschaft mit den Urlaubschecks. Damit ermöglicht sie es auch den Frauen, sich politisch zu engagieren, was sie sich sonst schlicht weder zeitlich noch finanziell leisten können.» Ihr Fazit zeigt aber den Handlungsbedarf: «Es braucht eine Veränderung der Arbeitskultur und ein wertschätzendes Arbeitsklima – ‹toxische Männlichkeit› muss zum Wohle aller Menschen überwunden werden.»

Peter Moor
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Sozialpartnerschaft bleibt unentbehrlich

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt verändert, insbesondere hat sie die Digitalisierung beschleunigt. Unabhängig davon bleibt die Sozialpartnerschaft unentbehrlich. Darüber sind sich zahlreiche Studien einig, doch Anpassungen an die veränderte Arbeitswelt sind unumgänglich.

Der neu geschaffene Digitalisierungsfonds der SBB, der von den Sozialpartnern paritätisch geleitet wird, hat gleich zu Beginn einen Bericht zum Thema «Arbeitswelt der Zukunft» in Auftrag gegeben. Die Autoren der Beratungsfirma PwC widmen einen Abschnitt der Sozialpartnerschaft: «Die Sozialpartner setzen sich für zukunftsgerichtete und wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen sowie die Erhaltung der Arbeitsmarktfähigkeit und damit der sozialen Sicherheit aller Mitarbeitenden ein. Sie sorgen dafür, dass möglichst viele Jobs innerhalb der SBB angeboten werden können, und öffnen sich für neue Branchen und Erwerbsformen (z. B. Freelancer, Crowdworker).» Es gilt, die entsprechenden arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Studie nennt vier Punkte: Modularisierung des GAV; gesicherter Zugang zu Aus- und Weiterbildung; flexibler Umgang mit neuen Anstellungsformen sowie Ausweitung der Sozialpartnerschaft auf externe Mitarbeitende.

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