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Auf den Spuren von…

Olivier Fortis, Gleisbauer

Seit fast 40 Jahren kümmert sich Olivier Fortis um die Wartung des riesigen SBB-Schienennetzes. Der sportliche Neuenburger hat ein grosses Herz und eine starke Persönlichkeit – kein Wunder, dass ihn die Sektion BAU Jura im vergangenen Herbst einstimmig zu ihrem Präsidenten gewählt hat. Zudem engagiert er sich seit drei Jahren in der Peko Infra.

Olivier ist ein herzlicher, kontaktfreudiger Mann mit breiten Schwimmer-Schultern. In seiner Nähe fühlt man sich sofort wohl, seine Ruhe überträgt sich auch auf mich. Mit Abstand sitzen wir unter blauem Himmel auf der Terrasse seines Hauses in Cudrefin. Olivier erzählt von seiner Kindheit, von seinem jüngeren Bruder und seiner Jugend in Neuenburg, wo er die Schule gemacht und alle seine Freunde gefunden hat. «Ich mochte Rock’n’Roll, Boxen, Judo und Motorräder», erinnert er sich. An der Arteplage der Expo.02 lernte er seine Frau kennen, eine Sportlehrerin aus Russland, auf Besuch in der Schweiz. Noch heute fühlt er sich der Stadt sehr verbunden: Seit 18 Jahren engagiert er sich in der freiwilligen Feuerwehr, inzwischen ist er Adjutant und ihm unterstehen 14 Männer. Er muss in 15 Minuten dort sein können: «Mir gefällt das Adrenalin, man lernt, in Notfällen ruhig zu bleiben. Deshalb fühle ich mich in der kleinen Gruppe an meinem Arbeitsplatz sehr wohl.» Für das Foto hat er eine Ecke mit uneingeschränkter Sicht auf die Stadt und das Haus seiner Mutter ausgewählt.

Der Traum der Unabhängigkeit

Sein Familienname geht auf die piemontesischen Wurzeln seines Grossvaters zurück. Sein Vater, ein Maler, den er damals noch jung verloren hatte, half ihm bei der Berufswahl. «Ich wollte an der frischen Luft arbeiten, ein Studium interessierte mich nicht. Als ich am Bahnhof Zigaretten holen ging, sah ich ein grosses Schild. Darauf stand: ‹Du wirst Gleisbauer. Deine Mutter hat dich für die Prüfungen angemeldet.› Ich bestand die Prüfungen und wurde am 1. September 1981 in Denges angestellt. Ein grosser Tag! Ich war 15 Jahre alt, und nun mache ich das schon seit fast 40 Jahren!» Sein Traum damals: unabhängig sein, eine eigene Wohnung haben, so schnell wie möglich von zuhause ausziehen. «Ich wollte mein Leben für mich selbst haben!»

Er wurde also Gleisbauer. Heute beschäftigt er sich mit der Wartung der Eisenbahnschienen – verlegt Gleise und Schwellen oder baut diese ab – und des Gleisfelds. Allerdings wird letzteres immer häufiger an private Unterakkordanten ausgelagert, deren Personal oft nicht ausgebildet ist. Tag und Nacht arbeitet er mit Fingerspitzengefühl und Präzision mit verschiedenen Maschinen: mit der Gleisstopfmaschine, dem Gleisumbauzug oder der grossen Instandsetzungsmaschine. Manchmal braucht er aber auch traditionelle Werkzeuge wie Schaufel und Seilwinde. «Meine Arbeit ist recht abwechslungsreich», findet Olivier. Unregelmässige Arbeitszeiten sind für ihn normal. «Grundsätzlich arbeite ich gerne nachts, doch an manchen Tagen ist es schwieriger als an anderen, besonders mit zunehmendem Alter. Es ist nicht einfach, daneben ein Privatleben zu haben.»

Schädliche Reorganisationen

Während seiner Karriere bei der SBB sah Olivier viele Vorgesetzte kommen und gehen, machte mehrere Reorganisationen mit: «Früher waren wir alle vereint, als Kollegen. Doch in den letzten Jahren ist alles auseinandergebrochen und das nur, um Geld zu sparen. Was mich am meisten mitgenommen hat, war die Auflösung des Teams in La Chaux-de-Fonds im Rahmen von Rail 2000 vor 20 Jahren, obwohl dort tolle Arbeit geleistet wurde. Jetzt ist alles anders, die Privaten sind angekommen. Seit einem Jahr verändert es sich weiter und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir Menschen gehört werden. Es geht in eine positive Richtung.» Zur Zeit muss die Arbeit mit Social Distancing möglich sein, was in diesem Beruf nicht einfach ist. Man verschiebt sich zusammen, arbeitet im Team, nimmt Mahlzeiten gemeinsam ein…

Über die Jahre hat Olivier sein Engagement im SEV stetig verstärkt, Mitglied ist er seit Beginn seiner Lehre. Im letzten Herbst wählte ihn die Generalversammlung per 1. Januar einstimmig zum Präsidenten der Sektion BAU Jura. Die verschobene Frühlingsversammlung muss diesen Entscheid jedoch erst noch formell bestätigen. Gerade hat er erfahren, dass er für vier Jahre in die Peko wiedergewählt wurde, wo er das Westschweizer Infrastruktur-Personal vertritt. Sein Steckenpferd? «Abwechselnde Tages- und Nachtschichten in derselben Woche zum Beispiel – das geht gar nicht», sagt er. «Wenn man mitten in der Woche eine einzelne Nachtschicht hat, verliert man erstens einen Tag und zweitens fühlt man sich danach wie gerädert. Regelmässige Zyklen sind viel besser: eine ganze Woche Nachtschicht am Stück. Dafür kämpfe ich und hoffe, dass mein Anliegen auch ankommt.»

Gewerkschaftsarbeit an der Basis

Kürzlich hat Olivier fünf Junge für den SEV geworben. Wie ihm das gelungen ist? Er hat ihnen erklärt, dass er für sie da ist und bereit ist, sich für wichtige und richtige Dinge einzusetzen. Für den SEV ist diese basisnahe Gewerkschaftsarbeit unschätzbar wertvoll.

Seine Freizeit verbringt der zweifache Vater und Grossvater damit, mit Informatik herumzuspielen, ausserdem mag er Bildbearbeitung und Mountainbike-Touren. Seine grosse Passion: das Reisen. Seit er 15 Jahre alt war, hat er mit seinem besten Freund, mit dem er damals bei der SBB die Lehre angefangen hatte, schon fast die ganze Welt bereist: «Zuletzt haben wir mit unseren zwei Teenagern ganz China durchquert, mit Zug und Schiff auf dem Fluss Jangtsekiang. Es war fantastisch!»

Yves Sancey/Übersetzung: Karin Taglang
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Kommentare

  • Gavin Mathieu

    Gavin Mathieu29/05/2020 08:59:33

    Super article et merci pour ton engagement au SEV Olivier et au sein des CFF. Au plaisir de te revoir prochainement.

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