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Reportage in Genf

Notstand im Rangier

Ende Dezember besuchte die SEV-Zeitung das Rangierpersonal des Personenverkehrs in Genf, das seit allzu langer Zeit unter chronischem Personalmangel leidet. Dieser verunmöglicht die Erfüllung von Aufgaben, die für die Qualität des Bahnangebots wichtig sind, und gefährdet die Gesundheit der Mitarbeitenden und die Sicherheit. Für zusätzliche Probleme sorgen die Mängel des Funks Lisa und des Planungsprogramms Sopre. Der SEV hat wegen der unerträglichen Situation in Genf schon im April bei der SBB interveniert, und sie hat inzwischen Massnahmen ergriffen, doch die Rückkehr zum Normalzustand braucht Zeit.

Obwohl es recht kalt ist, machen die Sonnenstrahlen, welche die dicke Nebelschicht durchdringen, an diesem Dezembertag die Arbeit im Freien auf den Gleisen etwas angenehmer. Wir sind in Montbrillant, hinter dem Bahnhof Genf Cornavin, wo das Rangierpersonal des Personenverkehrs arbeitet. Es bereitet die Züge vor, die aus den Unterhaltsanlagen kommen, stellt Kompositionen vor den Hauptverkehrszeiten bereit und danach weg. Normalerweise arbeitet es im Zweierteam: Der Rangierlokführer hat die Ausbildung zum Führen der Fahrzeuge, der Rangierer arbeitet auf dem Gleis oder als Fahrgehilfe. Wird diese Rangierarbeit durch schlechte Bedingungen erschwert, bekommen das die Reisenden sofort zu spüren. Sie können zum Beispiel Zugtoiletten nicht mehr benutzen, wenn Züge nicht zur WC-Absauganlage geführt werden konnten.

Widersprüchliche Informationen

In Genf werden wir von Qamil Lutfiu empfangen. Er arbeitet seit über zehn Jahren als Rangierlokführer und präsidiert seit bald zwei Jahren die Genfer Sektion des SEV-Unterverbands des Rangierpersonals (RPV). Vor unserer Ankunft hat er schon mehrere Aufträge erledigt und diesen Morgen erfahren, dass sein am Vortag erkrankter Kollege nicht kommen kann. Für ihn kann mangels Reservepersonal niemand einspringen. Der Tag dürfte schwierig werden.

Auftrag, Gegenauftrag und Infopannen: Die Sopre-Meldungen auf dem Tablet sind oft unzuverlässig.

Qamil erfährt häppchenweise, dass er für die eine oder andere Aufgabe einen Kollegen zugeteilt erhalten soll. Bei unserer Ankunft hat er auf seinem Tablet soeben die Information erhalten, dass sein nächster Auftrag, einen Zug zur Aussenreinigung in die Waschanlage zu bringen, gestrichen wurde. Inzwischen hat aber ein anderer Rangierangestellter des Teams auf seinem Tablet gesehen, dass dieser Auftrag aufrechterhalten wird und dass er Qamil dabei unterstützen soll. Das ist nur ein Beispiel unter vielen für die Probleme mit Sopre, dem Programm für die Arbeits- und Tourenzuteilung. Um die Zweifel auszuräumen, fragt Qamil bei den Einteilern in der Zentrale in Lausanne (TCC), die dem Genfer Rangierpersonal ihre Arbeiten zuteilen, nach. Bis die Antwort kommt, ist es für die Reinigung des Zuges zu spät und sie wird verschoben. Der Kollege, der zu Qamil gekommen ist, um ihm zu helfen, geht wieder, denn er hat inzwischen einen neuen Auftrag erhalten.

Qamil muss nun gemäss seiner Auftragsliste einen Doppelstockzug zur Waschanlage bringen. Doch die Vorschriften verbieten, dies allein zu tun, denn man kann nicht fahren und gleichzeitig überwachen, dass die Durchlaufreinigungsanlage die Wagen nicht beschädigen, was rasch Millionen von Franken kosten könnte. Obwohl Qamil dafür kein Kollege zugewiesen wurde, ist auf seinem Tablet der Auftrag nicht gestrichen worden: zweifellos ein weiterer Fehler des Sopre-Systems, das «nicht topmässig funktioniert», wie Qamil sagt. Zudem ist es mit diesem System nicht mehr möglich, einander zu helfen: «Auch wenn ich selber nicht befugt bin, zwei Fahrzeuge zusammenzukuppeln oder zu trennen, kann ich dabei als Lokführer helfen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann einander nicht mehr helfen, weil man nicht mehr weiss, welche Aufträge der Kollege hat, man sieht nur seine eigenen Aufträge», erklärt Qamil. Nur noch die Zentrale hat den Gesamtüberblick, anders als beim Vorgängersystem.

Qamil im Führerstand eines RABe 511.

Qamil muss den Doppelstöcker trotzdem wegführen, denn das Gleis wird für einen anderen Zug benötigt. Die Rangiersignale zeigen an, dass er vorziehen kann. Nach einigen Manövern lässt er den Zug stehen, halt leider ungewaschen. Ein Lokführer wird ihn dort holen und wieder in den Betrieb einfügen.

Qamil begegnet einem Kollegen, der Probleme hat, den Zug zu finden, um den er sich kümmern muss. «Ich weiss nicht, wo im Bahnhof er ankommt. Auf meinem Tablet sehe ich nur die Nummer des Zuges und dass er in Genf ist!», erklärt er. Ein anderer Rangierlokführer berichtet, dass er vor ein paar Tagen via Tablet den Auftrag erhielt, zwei Kompositionen zu trennen. Zum Glück hat er es nicht getan, und sei es auch nur um zu helfen. Denn dazu ist er gemäss seinem Pflichtenheft nicht befugt, und er verfügte auch nicht über die nötige Sicherheitsausrüstung (Handschuhe und Helm), um diese Arbeit gefahrlos auszuführen. Und wenn er danach wieder hätte fahren müssen, hätte er womöglich Sitze mit Fett von einem Puffer beschmutzt.

Zum Personalmangel hinzu kommen also ständige Unklar- und Ungewissheiten über den Tagesablauf, über die Richtigkeit der Informationen auf dem Tablet und die zu treffenden Entscheidungen. Auf solche Probleme organisatorischer und kommunikativer Art würde man gerne verzichten, wenn man auf Gleisen arbeitet, wo Züge mit erheblicher Geschwindigkeit verkehren und die Sicherheit volle Konzentration gebietet. Da führen solche Probleme zu zusätzlichem Stress.

Die Spirale des Notstands

Den Mitarbeitenden ist es wichtig, ihre Arbeit gut zu machen, zugunsten der Reisenden. Doch in Genf herrscht nun schon seit mehreren Monaten der Notstand. Wegen dem Personalmangel muss die Arbeit, die normalerweise im Zweierteam geleistet wird, grösstenteils im Alleingang gemeistert werden. So dauert die Vorbereitung einer Komposition länger, wenn man vom Ende zur Spitze rennen muss, weil dort das Auge des Kollegen fehlt, das es erlauben würde, im anderen Führerstand zu bleiben. Andere Aufgaben müssen schlicht fallengelassen werden, was oft mit Kommunikationspannen verbunden ist, wie oben aufgezeigt. Zugreinigungen müssen verschoben werden, worunter der Komfort der Reisenden leidet. Für Qamil ist dies das Resultat eines ganzen «Getriebes». Von der Hierarchie fühlt er sich nicht wirklich unterstützt, Entscheide würden oft in Bern getroffen, weit weg von der «Fläche»: «Sie formulieren Sparziele von Hunderttausenden von Franken bei der Reinigung, ohne sich gross darum zu kümmern, wie das möglich sein soll. Doch wir in der Fläche müssen die Arbeit trotzdem machen und haben zu wenig Informationen. Niemand weiss wirklich, wie es gehen soll. Man muss sich durchwursteln. Oder wir bekommen Informationen in letzter Minute. Dann muss man durch den Bahnhof rennen und die Sicherheit aufs Spiel setzen. Und neun Tage am Stück arbeiten, weil Kollegen fehlen, das geht nicht», findet er.

Der Personalmangel resultiert aus zu tiefen Prognosen des künftigen Personalbedarfs, weil man bei der SBB auf allen Ebenen sparen will. Ein weiterer Grund ist der Abbau von Reserven, die man für unproduktiv hält. So müssen die Rangiermitarbeitenden immer mehr Überstunden leisten, ohne diese kompensieren zu können, viele sind übermüdet, ihre Gesundheit und die Sicherheit leiden. Irgendwann hält der Körper dem ständigen Druck nicht mehr Stand, die Absenzenrate steigt. Krankheitsfälle und Abgänge reduzieren den Personalbestand zusätzlich, womit für die Verbliebenen der Druck nochmals steigt – ein richtiger Teufelskreis. Zwar werden nun neue Mitarbeitende rekrutiert, doch bis diese eingearbeitet sind, vergehen Monate, unterdessen dreht die Abwärtsspirale weiter.

Teure Einsparungen

Es ist zu befürchten, dass der Notstand allmählich zur neuen Normalität wird. Nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, sondern auch die Leistungen und das Image der SBB. Die Einsparungen, die eine Geschäftseinheit vornimmt, um ihr Budget einzuhalten, kommen das Unternehmen so sehr teuer zu stehen. Schon im April hat der SEV bei den Verantwortlichen interveniert, und diese haben Massnahmen angekündigt, welche die Situation entspannen sollen (siehe Artikel «Anfang 2020 noch keine Entspannung»). Ob die SBB wirklich alles unternimmt, um wieder einen Normalzustand herzustellen, muss sie jetzt beweisen. Erschwert wird dies durch die zusätzlichen Leistungen, die das Genfer Rangierpersonal seit dem 15. Dezember aufgrund des neuen Fahrplans und der Inbetriebnahme des Léman Express erbringen muss. Für letzteren sind täglich drei zusätzliche Diensttouren nötig.

Auch wenn Qamils Arbeit von einem Tag zum anderen stark variieren kann, dürften die Probleme, mit denen er am Tag unseres Besuches zu kämpfen hatte, recht repräsentativ sein für die Folgen des Personalmangels und der Mängel des Planungsprogramms Sopre. Dass Kriege oder Katastrophen zu einem Ausnahmezustand führen, ist verständlich. Doch nichts rechtfertigt eine Verlängerung dieser Arbeitsweise bei der SBB. Die Philosophie, «mit weniger mehr zu machen», ist gescheitert und muss ein Ende haben. Mit der Einsetzung eines neuen CEO besteht die Hoffnung, dass die SBB künftig den Service public ins Zentrum stellt und gewillt ist, genügend Personal und geeignete Arbeitsmittel bereitzustellen, damit ihre Mitarbeitenden ihre Arbeit bestmöglich erfüllen können.

Anfang 2020 noch keine Entspannung

Die sehr schwierigen, insbesondere auch gesundheitlich belastenden Arbeitsbedingungen des Genfer Rangierpersonals, bedingt durch den Ausnahmezustand des chronischen Personalmangels, veranlasste den SEV zu Interventionen bei der SBB. Diese hat Massnahmen angekündigt, welche die Situation entspannen sollen – hoffentlich.

Am 25. April 2019 schrieb SEV-Gewerkschaftssekretär René Zürcher, der für die SBB in der Romandie zuständig ist, einen Brief an die Leitung Zugführung und Rangier des Personenverkehrs, um sie auf die Überzeitproblematik beim Rangierpersonal in Genf aufmerksam zu machen. Doch obwohl daraufhin vier zusätzliche Rangierlokführer ausgebildet wurden, verbesserte sich die Situation nicht. Deshalb schrieb Zürcher am 5. Dezember einen zweiten Brief an die SBB. Darin äusserte er seine «Besorgnis über die Arbeitsbedingungen, die Gesundheit der Mitarbeitenden und die Betriebssicherheit» und forderte «zusätzliche Massnahmen, die nötig sind, um wieder eine akzeptable Situation herzustellen. Die Mitarbeitenden brauchen die Ruhezeit, die ihnen zusteht, damit sie gesund bleiben. Und alle müssen die Ferien beziehen können, auf die sie Anrecht haben.»

Claudio Pellettieri, Leiter Zugführung und Rangier, bedauerte in seiner Antwort vom 23. Dezember, dass die über das Jahr 2019 ergriffenen Massnahmen «leider nicht die erwartete Wirkung erzielt haben». Die Leitung tue, «was möglich ist, um zu vermeiden, dass im Notstandmodus gearbeitet werden muss», und sei sich «bewusst, dass sich die Situation im 2020 unbedingt verbessern muss». Zu diesem Zweck kündigte er «zusätzliche Massnahmen» an, nämlich die Einstellung von sieben neuen Mitarbeitenden, die ab Juni operationell sein sollen, darunter drei Rangierlokführer. Zudem arbeite ab Januar ein zusätzlicher Einteiler ausschliesslich fürs Rangierpersonal. «Die ersten Monate des Jahres 2020 werden angespannt bleiben», räumt Pellettieri ein. «Doch wir sind überzeugt, dass unsere Rekrutierungsoffensive die Situation entspannen wird.»

René Zürcher ist froh, «dass die SBB die Situation in Genf ernst nimmt», hat aber Zweifel, ob die zusätzlichen Mitarbeitenden genügen, um den betroffenen Mitarbeitenden, «die seit allzu langer Zeit im roten Bereich arbeiten, etwas Luft zu verschaffen». Er hofft, dass sich die Abgänge und Krankheitsfälle im ersten Semester 2020 nicht häufen werden. Und er befürchtet, dass die Probleme mit dem Planungsprogramm Sopre und mit dem Funk Lisa die tägliche Rangierarbeit weiterhin erschweren werden.

Qamil Lutfiu, Rangierlokführer, liebt seinen Beruf, ist aber besorgt über die Verschlechterung seiner Arbeitsbedingungen durch den chronischen Personalmangel.

Yves Sancey/Übersetzung: Markus Fischer

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Interview mit Hanspeter Eggenberger

RPV fordert Rekrutierungsinitiative

Wir haben beim Zentralpräsidenten des SEV-Unterverbands des Rangierpersonals (RPV) nachgefragt, wie er die Situation des Rangierpersonals SBB-weit beurteilt.

SEV-Zeitung: Der SEV hat wegen der schlechten Arbeitsbedingungen des Rangierpersonals beim Personenverkehr in Genf intervenieren müssen. Gibt es solche Probleme auch andernorts?

Hanspeter Eggenberger

Hanspeter Eggenberger: Ja, die Personalsituation ist vielerorts sehr angespannt, und zwar in allen Funktionen. Immer wieder müssen Kollegen kurzfristig an freien Tagen arbeiten und häufen Überzeit an. Dementsprechend fehlt die Erholungszeit. Mit der Übermüdung und dem Stress steigt das Risiko von Fehlern, Unfällen und dass man krank wird. Auch die Probleme mit Sopre und Lisa sind leider verbreitet.

Hat die SBB gemerkt, dass sie mehr Mitarbeitende rekrutieren muss?

Wie stark sie sich wirklich um die Personalrekrutierung bemüht, ist schwierig zu beurteilen. Geeignete, motivierte Leute zu finden ist auch nicht ganz einfach. Es sind schon verschiedentlich Leute «von der Strasse» eingestellt worden, die nach kurzer Zeit wieder gekündet haben, weil ihnen die Schichtarbeit nachts und an Wochenenden nicht zusagte. Und weil der Einstiegslohn in unserer Berufskategorie tief ist und der Aufstieg zum Lohnmaximum 20 Jahre dauert. Zu diesen Löhnen findet man auch in der Privatwirtschaft eine Stelle, wo man nicht Schicht arbeiten muss.

Was fordert der SEV-RPV?

Wir weisen seit Langem darauf hin, dass die Überalterung beim Rangierpersonal fortschreitet, dass Verletzungen an Knien, Hüften und sonstige gesundheitliche Probleme mit dem Alter zunehmen. Und dass es darum mehr junge Mitarbeitende braucht.Offensichtlich hat die SBB die Personalrekrutierung vernachlässigt, dies wohl auch deshalb, weil der Betrieb bisher trotzdem einigermassen funktioniert hat, weil die Mitarbeitenden mehr und schneller arbeiteten, mehr Stress und damit eine Gefährdung der Sicherheit und ihrer Gesundheit in Kauf nahmen. Das kann es aber nicht sein. Wir müssen wieder normal arbeiten können. Dafür braucht es mehr Personal, sonst kann der Betrieb nicht mehr richtig funktionieren.

Markus Fischer

Kommentare

  • Lapinou

    Lapinou14/02/2020 20:35:35

    Pas que à la manœuvre !!

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