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Interview mit Hanny Weissmüller

«Ich werde für alle Lokführer kämpfen»

Eine kleine Revolution in der Welt der Schweizer Lokomotivführer: Am 21. September hat die Delegiertenversammlung einstimmig Hanny Weissmüller an die Spitze des LPV gewählt. Sie ist die erste Präsidentin des Lokpersonalverbands im SEV. Hanny übernimmt die Führung am 1. Januar 2021 von Hans-Ruedi Schürch (rechts im Bild). Sie wird sich für die Anliegen des gesamten Lokpersonals einsetzen.

47-jährig, zweisprachig, Mutter von 4 Kindern: Hanny Weissmüller, die aus dem Aargau stammt und in Haute-Nendaz (VS) lebt, verfügt über einen vielfältigen, gut gefüllten Rucksack. Sie bringt ein Diplom als Programmiererin mit und eidgenössische Fachausweise als Fachfrau für Personalvorsorge sowie als Erwachsenenbildnerin und Wirtschaftsmediatorin. SEV-Präsident Giorgio Tuti findet: «Wir haben mit Hanny Weissmüller nicht nur eine Frau an der Spitze einer unserer bestorganisierten Berufsgruppen, sondern eine Person, die dank ihrer Persönlichkeit die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen bestens vertreten wird.» Vor sieben Jahren wechselte sie in die Welt der Eisenbahn, die sie schon in ihrer Kindheit geprägt hat, und sie hat ihren Traum als SBB-Lokführerin im Bahnhof Saint-Maurice verwirklicht. Wir haben gleich nach der Wahl mit ihr gesprochen.

Wie fühlst du dich so kurz nach der Wahl?

Hanny Weissmüller: Ich bin sehr stolz über die Wahl und das Vertrauen meiner Kollegen, die sich einstimmig für eine Frau entschieden haben. Das zeigt, dass in erster Linie die Fähigkeiten gezählt haben. Es freut mich, dass ich den Beruf vertreten darf, den ich so liebe. Nun geht es darum, die Rahmenbedingungen zu verändern, um den Beruf wieder attraktiv zu machen.

Seit über 130 Jahren wird der Unterverband des Lokpersonals von Männern geführt. Hat deine Wahl also eine zusätzliche Dimension?

Ich glaube, dass dieser Tag eine historische Bedeutung hat. Aber vor der Wahl einer Frau oder eines Mannes zählen aus meiner Sicht die Fähigkeiten, um die Versammlung zu überzeugen. Ich werde in erster Linie meinen Beruf vertreten.

Welches sind die grössten Herausforderungen in den nächsten Monaten?

Kurz- und mittelfristig werden wir mit Sparmassnahmen konfrontiert sein, die die SBB und in einem gewissen Rahmen auch die BLS vorsehen. Wir haben jedoch während des Stillstands ununterbrochen gearbeitet, wir waren immer zur Stelle. Der Bund hat von uns verlangt, dass wir arbeiten, und gleichzeitig hat er die Bevölkerung aufgerufen, den öffentlichen Verkehr zu meiden. Wir werden gegen diese Sparmassnahmen kämpfen; sie dürfen nicht auf unseren Schultern erfolgen. Man darf wirklich nicht bei unseren Berufen sparen. Man muss auf Umstrukturierungen verzichten und Projekte zurückstellen. Dort sind die Sparmöglichkeiten.

Was sind weitere drängende Themen im LPV?

Es ist bekannt, dass es an Lokführern mangelt. Man muss deshalb dafür sorgen, dass der Beruf attraktiv bleibt, besonders beim Lohn, bei den Arbeitszeiten und der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Da gibt es Lösungen. Aber vor allem müssen wir uns Gehör verschaffen. Meine Kolleg/innen können darauf zählen, dass ich diese Botschaft sehr deutlich vorbringe. Ich werde für die Verbesserung der Situation aller Lokomotivführer kämpfen. Das braucht einen intensiven Dialog mit der SBB.

Beunruhigen dich die Digitalisierung und die Aussicht auf unbegleitete Züge?

Technisch sind wir noch lange nicht so weit. Wir wissen, dass da noch vieles offen ist. Die alte Direktion zeigte sich halt gerne an den Digitaltagen. Sicher wird sich unser Beruf verändern, aber wir werden wachsam sein, dass wir am Schluss nicht einfach noch einen Knopf drücken, um die Türen zu öffnen und zu schliessen. Wir werden uns voll dafür einsetzen, dass unser Beruf nicht abgewertet wird, und die Rahmenbedingungen bewahrt und gestärkt werden, was vor allem über eine Erhöhung unserer Löhne geschehen muss. Diese entsprechen nämlich nicht der Verantwortung, die wir tragen. Wir befördern Hunderte von Menschen, wir sind an Dienstpläne gebunden und wir müssen periodisch Prüfungen bestehen, um den Fahrausweis zu erneuern.

Wirst du aus deiner Erfahrung auch Forderungen einbringen, um die Arbeitsbedingungen der Lokführerinnen zu verbessern?

Tatsächlich nützen die Forderungen der Frauen ja immer auch den Männern. Wenn ich das Beispiel der Dienstpläne nehme, dass man «Büro-Arbeitszeiten» haben kann, solange die Kinder klein sind, und dass man während 18 bis 24 Monaten die Rotationsgruppe wechseln kann, damit man besser ausgeruht ist, wenn das Kind nachts schlecht schläft, dann profitieren auch die Männer davon. Sie können ihre Partnerin unterstützen, sie können ihr Kind in die Krippe bringen und abholen, und beide Partner können normal arbeiten.

Was wünschst du dir für deinen Beruf?

Ich möchte, dass es wieder ein Traum wird, Lokführer/in zu sein. Dass die Begeisterung zurückkommt und es nicht einfach ein Beruf ist, den man wählt, um Geld zu verdienen. Es gibt viele Zwänge, wenn man es nur aus diesem Grund macht. Der Beruf soll einen zum Träumen bringen, und das möchte ich gerne vermitteln.

Yves Sancey/Übersetzung: Peter Moor
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