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Lokpersonalmangel

Die SBB muss mehr Lokpersonal ausbilden

(SBB)

Zugsausfälle in der Region Genfersee wegen fehlendem Lokpersonal? Das erstaunt den SEV nicht. Er fordert, dass die SBB ihre Anstrengungen zur Ausbildung neuer Lokführerinnen und Lokführer verstärkt.

Nachdem der SBB-Chef noch im Frühling behauptet hatte, dass in Zukunft keine Züge mehr ausfallen werden aufgrund eines Personalmangels, sind in den letzten Wochen in der Westschweiz wieder diverse Züge wegen fehlendem Lokpersonal ausgefallen: Am Samstag, 25. September konnten die S6-Züge Palézieux–Lausanne nicht fahren, und die L5-Züge Genf–La Plaine nur im Stunden- statt im Halbstundentakt, wie auch die Züge zwischen Freiburg und Yverdon. Und vom Montag, 27. September bis zum Mittwoch, 29. September verkehrten die RegioExpress-Züge Vevey–Genf–Annemasse nur stündlich statt halbstündlich.

Zugsausfälle während drei Wochen

Am 28. September schliesslich teilte die SBB – per Blog und nur in französischer Sprache, offenbar um das Medienecho in der Deutschschweiz zu minimieren – mit, dass vom 8. bis 25. Oktober jeweils von Freitag bis Montag die RE-Züge Vevey–Genf–Annemasse ausfallen, und jeweils am Samstag und Sonntag auch die RE-Züge St-Maurice–Genf–Annemasse. «Mit diesen Massnahmen kann dem Lokpersonalmangel in der Westschweiz und der höheren Zahl von Abwesenheiten zu dieser Jahreszeit begegnet werden», heisst es im Blog. Der Lokpersonalmangel sei, wie schon früher berichtet, durch Fehler bei der Personalplanung in der Vergangenheit bedingt. Aktuell gebe es «gerade genug Lokführende», aber wenn einige in letzter Minute ausfallen, sei es trotz aller Bemühungen der Dienstplanung und von Lokführer:innen, die kurzfristig für kranke Kolleg:innen einspringen, nicht immer möglich, alle Schichten abzudecken. Doch in den nächsten sechs Monaten würden rund 200 neue Lokführer:innen mit ihrer Ausbildung fertig, und damit werde sich die Lokpersonalsituation «bis Ende 2021 normalisieren», beteuert die SBB. Die Personalsituation werde aber «in einigen Regionen wie Zürich und der Romandie bis Ende Oktober besonders angespannt bleiben».

Personalmangel war vorhersehbar

Die Zugsausfälle in der Region Genfersee erstaunen Hanny Weissmüller, die Präsidentin des SEV-Unterverbands des Lokomotivpersonals (LPV) nicht: «Die Planungsfehler machen sich vor allem in der Westschweiz bemerkbar, besonders in der Region Genf: Dort fuhr der Léman Express auf dem Höhepunkt der Pandemie nicht mehr im Viertelstundentakt. Doch inzwischen ist dieser wieder in Kraft, und die Situation wird sich mit dem Fahrplanwechsel im Dezember noch verschärfen, mit der Einführung des Viertelstundentakts zwischen Cossonay-Penthalaz und Lausanne. Damit wird das Lausanner Lokpersonal nicht mehr genügend Kapazitäten haben, um in Genf auszuhelfen.»

Der aktuelle Personalmangel ist auf Absenzen zurückzuführen, die eigentlich vorhersehbar waren: Lokführer:innen sind erschöpft und erkranken, was den verfügbaren Personalbestand schmälert. «Es war zwar unmöglich vorherzusagen, ob eine Person am Montag oder am Donnerstag krank werden würde, doch dass dieser Stresspegel nicht anhaltend tragbar ist, hat man gewusst», sagt Hanny Weissmüller.

Dem LPV liegt eine Vorstudie der SBB aus dem Jahr 2005 vor, mit dem Arbeitstitel «40 Plus». Diese Vorstudie wies dazumal bereits klare Tendenzen aus: einen kontinuierlichen Anstieg des Durchschnittalters, nicht nur beim Lokpersonal, und gleichzeitig einen konstanten Abfluss von Kompetenzen, vornehmlich durch absehbare Pensionierungen, die durch junge Mitarbeitende zu ersetzen sind. «Diese Studie hat uns die heutigen Erkenntnisse schon damals geliefert, nur scheinen die damals erfassten Parameter irgendwie im Sand verlaufen zu sein, denn sonst wäre schon früher gehandelt worden, und man hätte nicht eine 16-jährige Frist verstreichen lassen», schreibt der LPV in seinem Newsletter vom 6. Oktober.

Aktuelle SBB-Planung zu optimistisch

Laut SBB soll dank der laufenden Einstellungsoffensive der Personalbestand im nächsten Frühling schweizweit um 100 Lokführende über dem Bedarf liegen. Der LPV hat dazu eine kleine Überschlagsrechnung gemacht: 200 Lokführeranwärter:innen kommen bis nächsten Frühling aus der Ausbildung. Davon sind abzuziehen:

  • über 60-jährige Lokführer:innen, die kurz vor ihrer letzten periodischen Prüfung stehen und diese nicht mehr absolvieren werden;
  • Teilzeit: Es wurden Teilzeitgesuche zurückgestellt und mitgeteilt, dass diese sicher im Jahr 2022 bewilligt werden;
  • Abbau von Überstunden (CTS);
  • Abbau von Zeitguthaben (Flexa): Verschobene Anträge zum Bezug aus 2021 müssen laut geltenden Regeln im 2022 bewilligt werden;
  • übertragene Feriensaldi;
  • junges Lokpersonal, das die erste periodische Prüfung nicht absolviert und in den alten Beruf zurückkehrt oder intern wechselt;
  • Burnouts, Krankheiten;
  • Lokführeranwärter:innen, die die Prüfung zum Lf Kat. B nicht bestehen resp. während der Ausbildung bereits ausscheiden.

«Nach diesen Abzügen kommt der LPV nicht auf 100 Lokführer:innen im Überbestand», folgert der LPV. «Oder sieht das jemand anders?»

In seinem Newsletter spricht der LPV auch den Güterverkehr an: «Wir dürfen nicht vergessen, dass auch SBB Cargo von einem starken Lokführermangel – d. h. bis zu -15 Lokführer:innen pro Tag – betroffen ist. Dem LPV ist die Reaktion von SBB Cargo auf diesen Mangel noch nicht klar. Der LPV wird dies an einem Austausch mit Cargo am 10.11.21 erörtern.»

Stärkere Ausbildungsoffensive nötig

Auch SEV-Gewerkschaftssekretär Jürg Hurni bezweifelt, dass der von der SBB für 2022 angekündigte leichte Personalüberhang wirklich eintrifft. Für ihn ist offensichtlich, dass die SBB ihre Rekrutierungsbemühungen verstärken muss: «Die Arbeitsbelastung für das Personal ist enorm. Die Zahl der neu ausgebildeten Mitarbeitenden reicht nicht aus, um die in den letzten Jahren aufgelaufenen Arbeitsstunden zu reduzieren. Ausserdem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es in den nächsten Jahren viele Pensionierungen geben wird und entsprechend Lokpersonal ausgebildet werden muss.»

SEV-LPV / Markus Fischer
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Kommentare

  • Andreas

    Andreas14/10/2021 18:30:06

    Warum ist es heute noch so, dass zB. ein Zugbegleiter mit 20 oder mehr Dienstjahren nicht die Möglichkeit hat, intern eine Umschulung als Lokführer zu absolvieren? Leider wird das kategorisch abgelehnt, da keine 3 jährige Berufslehre oder einen Maturanten- Abschluss vorgewiesen werden kann.
    Meines Erachtens müsste es doch mit dieser Berufserfahrung im Bahnbetrieb - im eigenen Unternehmen - möglich sein. Es gibt nur Vorteile dabei: man kennt den Betrieb, das unregelmässige Arbeiten und der Arbeitgeber weiss, mit wem er es zu tun hat. Schade, denn dies könnte dem Lokführermangel ebenfalls entgegen wirken. Der SEV könnte beim BAV und SBB intervenieren und diese Variante prüfen.

  • Lukas Witschi

    Lukas Witschi14/10/2021 18:37:54

    Mühsam zu lesender Beitrag mit dem Gender:innen. : mitten im Wort störend.

  • Gavin

    Gavin20/10/2021 16:26:05

    Super pour les collègues des divisions voyageurs où cela bouge. N'oubliez pas les collègues B100 chez Infra et Cargo... Merci à la LPV pour son soutiens !