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Auf den Spuren von ...

Fabian Wild, Lokführer

Fabian Wild im Führerstand: «Solange man fährt, ist alles gut.»

Er ist erst 23 Jahre alt und damit einer der jüngsten Sektionspräsidenten im ganzen SEV: Er steht dem LPV Engadin-Bernina vor. In seinem Leben prägt den jungen Lokführer vor allem eines: die Liebe für das Unterwegssein. Kein Wunder, träumte er schon als Kind davon, einmal Lokführer zu werden.

Wer nichts über den Beruf weiss, stellt sich das Lokführerdasein vermutlich ziemlich simpel vor. Man verbringt den ganzen Tag im Führerstand, befördert Reisende von A nach B, wieder zurück und das war’s dann. Für Fabian Wild ist der Beruf sehr viel mehr: «Man kann einen Zug einfach von A nach B fahren. Aber man kann ihn auch schön fahren», erzählt er. Was er damit meint, wird deutlich, als er vom Fahrkomfort zu sprechen beginnt. Abrupte Bremsungen, liebloses Drauflosfahren, das gibt es bei ihm nicht. Stattdessen fährt er ab und zu extra langsam über den Landwasserviadukt, damit die Feriengäste den imposanten Blick von der ikonischen Eisenbahnbrücke aus geniessen können, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. In solchen Momenten sitzt Fabian in seiner Lok und freut sich darüber, den Reisenden eine solch traumhafte Fahrt bieten zu können. «Die RhB ist eine touristische Bahn und dessen muss man sich als Lokführer bewusst sein.» Aus diesem Grund sei es auch so wichtig, immer gut ausgebildete Zugbegleiter/innen auf den Zügen zu haben, findet er. Dies sei nicht nur für die allgemeine Betreuung der Reisenden wichtig, sondern insbesondere bei Störungen: «Wenn etwas ist, ist der Zugbegleiter für den Lokführer eine grosse Hilfe, denn in solchen Situationen muss man schnell und richtig reagieren können. Das ist einfacher, wenn jemand hinten im Wagen ist, der einem genau sagen kann, was los ist. Eine Störung kann es jederzeit geben und dann musst du einfach zu 100 Prozent funktionieren.»

Immer unterwegs

Dass es den jungen Lokführer ins Engadin verschlagen hat, ist kein Zufall: «Nach der 16-monatigen Ausbildung wollte ich unbedingt dorthin», sagt er. «Das Depot in Samedan ist für mich und allgemein für junge Leute eines der schönsten überhaupt. Von dort aus fährt man fast auf dem gesamten Netz der RhB, das bietet sehr viel Abwechslung. Und ausserdem ist Graubünden einfach der schönste Kanton der Schweiz.» Aus seiner Ausbildungsklasse wollten gleich mehrere nach Samedan. Fabian hatte Glück und konnte sich in Absprache mit seinen Kollegen einen Platz ergattern. Mit der Lokführer-Ausbildung hat er sich einen Traum erfüllt, den er wie viele andere schon als Kind hatte. Niemand in seiner unmittelbaren Familie hatte etwas mit der Bahn zu tun, doch ihn zog es in den Führerstand – sicher auch deshalb, weil er das Unterwegssein so liebt. Wenn nicht Zug, dann fährt er Mountainbike, reist mit seinen Freunden nach Mauritius oder Schweden, «und diesen Herbst vielleicht nach Costa Rica oder Mexiko, wenn es Corona zulässt».

Wie es mit Kindheitsträumen aber so ist, sieht die Realität meist doch ein wenig anders aus. Der Beruf selbst ist zwar mindestens genauso schön, wie es sich Fabian vorgestellt hat, nur bei den Arbeits- und Anstellungsbedingungen hapert es seit Jahren. Zu kritisieren hat er vor allem zwei Dinge: «Bei der RhB herrscht Lokführermangel, und das seit 22 Jahren.» «Es wird einfach erwartet, dass wir immer einspringen, wenn jemand fehlt. Auf dem Papier seien wir genug Leute, heisst es dann von oben. Aber im Depot sind wir am Ende des Tages trotzdem zu wenige.» Auch der Lohn und der Lohnfortschritt lassen zu wünschen übrig: «Ich brauche im aktuellen Lohnsystem 24 Jahre, um in die höchste Lohnstufe zu gelangen. Stell dir vor, ich bekäme nächstes Jahr ein Kind. Das Kind wäre dann so alt wie ich heute, bis ich endlich den höchstmöglichen Lohn bekommen würde.»

Gewerkschaftsarbeit ist Ehrensache

Diese beiden Themen sind auch die wichtigsten Punkte, mit denen sich Fabian Wild als Sektionspräsident des LPV Engadin-Bernina beschäftigen muss, und Mitgründe, warum er das Präsidium überhaupt angenommen hat. «Ich bin ein Perfektionist; versuche immer, die Dinge besser zu machen, als sie sind.» Daraus zieht er die Motivation, sich im SEV für bessere Arbeitsbedingungen zu engagieren. Der hohe Organisationsgrad bei der RhB kommt ihm dabei zugute: «Ein gutes Verhandlungsresultat ist natürlich leichter zu erzielen, wenn man einen Grossteil der Angestellten im Rücken hat.» Nur zusammen kann man etwas erreichen, das wissen wir im SEV aus Erfahrung. Jedes einzelne neue Mitglied macht die Gewerkschaft ein bisschen stärker. Für Fabian ist das gewerkschaftliche Engagement selbstverständlich: «Es ist Ehrensache, das gemeinsam zu tun, denn wir sitzen alle im gleichen Boot.» Manchmal hat er angesichts der vielen Probleme Mühe, sich auf das Positive zu konzentrieren – ausser im Führerstand. «Man muss vermehrt auf sich selbst achten, damit man nicht die Freude am Beruf verliert. Aber solange man fährt, ist alles gut.»

Karin Taglang
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Kommentare

  • Bruno Graf

    Bruno Graf10/09/2021 17:08:41

    Schön, dass auch junge Eisenbahner verstehen für was sich der SEV einsetzt. Noch schöner ist, dass sich ein Junger für das Präsidium entscheidet. Der Präsident der LPV Sektion Engadin- Bernina war zu meiner Zeit der "Höchste" der LPV. Keine Sektion ist so hoch beheimatet.