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Corona-Krise und Service public

Der öV war, ist und bleibt zentral

Giorgio Tuti an der Online-Medienkonferenz «Service public: unverzichtbar in der Krise, unverzichtbar für die Zukunft» (©eggerx)

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund analysierte letzten Freitag an einer Medienkonferenz die Auswirkungen der Coronapandemie auf die verschiedenen Bereiche des Service public. Der öffentliche Verkehr hat auch in der Krise zuverlässig weiterfunktioniert, aber viele Kund/innen verloren. Diese gilt es nun rasch wieder zurückzugewinnen, wie SEV-Präsident Giorgio Tuti im Interview betont: «Es braucht jetzt eine Kommunikationsoffensive und weiterhin gut ausgebildetes, engagiertes Personal in genügender Zahl, das für saubere Fahrzeuge und Bahnhöfe sorgt und sichtbar macht, dass der öV nach wie vor sicher ist.»

SEV-Zeitung: Wie hat der öffentliche Verkehr (öV) die bisherige Phase der Coronakrise gemeistert?

Giorgio Tuti: Eine besondere Leistung des öV-Personals war es, die vom Bundesrat am 16. März angeordnete Ausdünnung des Fahrplans innerhalb weniger Tage ohne nennenswerte Probleme zu bewerkstelligen. Eine so tiefgreifende Fahrplanumstellung in so kurzer Zeit war eine eigentliche Herkulesaufgabe. Zweitens haben Busfahrer, Zugbegleiterinnen, Rangierer, Kundenberaterinnen, Reiniger, Lokführerinnen usw., kurz: alle öV-Mitarbeitenden unter grossem Einsatz den bundesrätlichen Auftrag erfüllt, trotz Pandemie in sämtlichen Regionen der Schweiz ein Grundangebot zu gewährleisten. Der öV hat den Tatbeweis erbracht, dass er auch in Krisenzeiten zuverlässig funktioniert. Das war essenziell für den Zusammenhalt des Landes.

Andererseits ist die Zahl der Reisenden während dem Lockdown markant eingebrochen…

In der Tat hat der Aufruf des Bundesrats, möglichst zu Hause zu bleiben und Menschenansammlungen zu meiden, beim öV zu einem Rückgang der Passagierzahl um 80 bis 90 Prozent gegenüber dem Normalzustand geführt. Das bescherte den öV-Unternehmen grosse Ertragsausfälle, bei nur wenig tieferen Betriebskosten. Im gesamten Personenverkehr resultierten monatliche Verluste im dreistelligen Millionenbereich. Auch nach der weitgehenden Rückkehr zum Normalfahrplan am 11. Mai blieben die Passagierzahlen vorerst unterdurchschnittlich. Hier steht der Bund in der Pflicht, in Zusammenarbeit mit den Kantonen und Transportunternehmen eine Vorlage auszuarbeiten, damit diese Unternehmen die nötige finanzielle Unterstützung erhalten, nachdem ihnen durch die Coronakrise hohe ungedeckte Kosten entstanden sind.

Warum war ein öV-Grundangebot während dem Lockdown nötig?

In einer solchen Krise ist die Botschaft wichtig, dass die Grundversorgung mit Infrastrukturdienstleistungen für alle Bevölkerungsschichten und Regionen des Landes sichergestellt ist. Es ist elementar zu wissen, dass zum Beispiel ein Arzt- oder Spitalbesuch jederzeit möglich ist. Systemrelevante Berufstätige, die etwa in einem Spital oder Lebensmittelladen gebraucht werden, müssen weiter mit dem öV zur Arbeit fahren können. Und der öV ist wie gesagt wichtig für den Zusammenhalt des Landes, denn er verbindet Städte, Agglomerationen und ländliche Gebiete über die Sprachgrenzen hinweg. Ein gut funktionierender öV ist Teil unserer DNA und gibt uns Sicherheit.

Welche Bedeutung hat der Güterverkehr in einer solchen Krise?

Das Weiterfunktionieren des Güterverkehrs beugt nicht nur Versorgungsengpässen vor, sondern auch Hamsterkäufen, wie sie in den ersten Tagen des Lockdowns zu beobachten waren. Wenn man sieht, dass die Güter des täglichen Bedarfs in genügender Menge vorhanden sind und dass ihr Transport in die Läden oder nach Hause weiterhin funktioniert, ist dies der beste Beweis, dass keine Hamsterkäufe nötig sind. Die Bevölkerung muss dem Gütertransport auf Strasse und Schiene voll vertrauen können.

Die Coronapandemie hat das Vertrauen in den öV erschüttert. Was tun?

Aufgrund der Kommunikation in den letzten Monaten ist es nachvollziehbar, dass manche den öV weiterhin meiden. Aber es ist absolut nötig, dass die Leute dem öV wieder vertrauen und ihn wieder vermehrt nutzen. Dafür ist die Sauberkeit von höchster Priorität, entsprechend sind die dafür verantwortlichen Berufsgruppen am Bahnhof, auf dem Zug, im Postauto und Bus, im Tram und im Schiff als Teil des Service public zentral. Es braucht jetzt eine Kommunikationsoffensive: Benutzt den öV! Und die öV-Unternehmen können einen wichtigen Beitrag zu dieser Kampagne leisten durch sichtbare Reinigungsarbeiten in den Bahnhöfen, an den Automaten und in den Transportmitteln.

Hat der öV trotz möglicher weiterer Pandemien noch eine Zukunft?

Der öV ist sogar ausgesprochen zukunftsträchtig, weil er sehr energieeffizient, umweltschonend und platzsparend ist. Vor der Coronakrise war die Einsicht gestiegen, dass wir dringend etwas gegen den Klimawandel tun müssen. Das ist heute nicht anders als vor drei Monaten. Der öV ist Teil der Lösung des Klimawandel-Problems. Deshalb muss der öV-Anteil am Modalsplit steigen. Der öV muss in den nächsten Jahren weiter ausgebaut und gestärkt werden. Und es braucht weiterhin genügend öV-Personal, mit fairen Anstellungs- und Arbeitsbedingungen, gut ausgebildet und mit attraktiven Berufsperspektiven – jetzt erst recht.

Markus Fischer
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Service public wirkt stabilisierend

«Der Service public zeigte in der Krise, dass er systemrelevant, robust und agil ist», hält der Schweizerische Gewerkschaftsbund im Communiqué zu seiner (digitalen) Medienkonferenz vom 5. Juni zur Rolle des Service public in der Corona-Krise fest. «Das Funktionieren der öffentlichen Dienstleistungen war sogar einer der Hauptgründe für das anhaltende Vertrauen der Bevölkerung in die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Der Service public spielt eine stabilisierende Rolle, die bislang zu wenig anerkannt war. (…) Ob im öffentlichen Verkehr oder in der Logistik war es die Kombination von guter Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure einerseits und klaren Vorgaben für die Grundversorgung andererseits, die die Aufrechterhaltung der Dienstleistungen während des Lockdowns und die rasche Wiederherstellung des Normalangebots nach der Lockerung der Massnahmen ermöglichte. In der ausserfamiliären Kinderbetreuung oder im Gesundheitswesen garantierten die Service-public-Akteure ein Angebot, das alle als essenziell bezeichneten. Glücklicherweise konnten sie dies tun, ohne sich sofort die Frage der Wirtschaftlichkeit stellen zu müssen. Es brauchte hohe Ausgaben und den vollen Einsatz des Personals, dem man bislang vor allem Kostenoptimierung predigte.»
Viele Service-public-Betriebe haben daher in den letzten Monaten finanzielle Verluste erlitten. «Diese müssen rasch und vollständig ausgeglichen werden», fordert der SGB. Ein gutes Funktionieren des Service public sei nötig für den Wiederaufschwung. «Der Service public muss ausgebaut und auf jegliche Form von Sparprogrammen verzichtet werden. Die Krise zeigte, wie wichtig Kapazitätsreserven sind. Die Grundversorgung der Bevölkerung könnte sonst in Frage stehen, sollte es erneut zu einer Krise kommen. Es braucht deshalb mehr Service public und weniger Liberalisierung.»   Fi

Link auf Medienmitteilung und Redetexte der SGB-Medienkonferenz

SGB-Dossier 139: Essenziell. Der Service public in der Corona-​Krise

Kommentare

  • Carmine Cucciniello

    Carmine Cucciniello11/06/2020 08:31:48

    Sorry,aber das ist, aus meiner Sicht, nur alles wunschdenken. Der ÖV in der Schweiz, wird niemals wieder so erfolgreich sein, wie vor Corona-Zeiten.Solange am Homeoffice festgehalten wird, werden die Strassen staufrei sein. Ergo: Der ÖV CH, verliert alte Stammgäste,welche dank nun freier Strassen, Auto fahren, bzw. dank Homeoffice, zuhause bleiben. Touristen werden auch keine kommen, da die Lage zu instabil ist und die Schweiz,auch für Einheimische, zu teuer ist. Ferner wird die CH, ab ca. September,dass erstemal die wircklichen Arbeitslosen-Zahlen haben und mit Panik feststellen,dass alles viel schlimmer ist, als angedacht.Diese Rezession wird uns,den arbeitenden Mittelstand, töten.Die vielen Milliarden sind ja nicht in unsere Taschen geflossen, sondern zu den CEO,den Aktionären, den Verwaltungsräten und den Politikern.
    Also geschätzte Gewerkschaften und vorallem-geschätzter SBG: es ist aus!Hört mir bitte auf, mit Schönwetter-Reden. Jetzt ist der pure wirtschaftliche Überlebenskampf angesagt. Jetzt müssen wir alles für unsere Arbeitsplätze machen. Jetzt darf es kein politisches Thema mehr geben.Arbeitsplätze sichern!Der letzte lösche die Lichter.

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