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100 Jahre

August Fust: 16 Tage älter als der SEV

August Fust an seinem 100. Geburtstag am 14. November in der alten Lokremise St. Gallen. Foto: René Zoller.

Am 14. November feierte der Lokführerstamm St.Gallen in der alten Lokremise den 100. Geburtstag von August Fust, SEV-Mitglied seit über 74 Jahren und Lokführer im (unruhigen) Ruhestand seit 1984.

Wir sprachen mit dem St.Galler in seiner Wohnung an der Haselstrasse, die er vor 45 Jahren mit seiner Frau nagelneu bezog. Diese ist vor elf Jahren gestorben, doch Gust kann dank der Hilfe seiner beiden Kinder und einer Nachbarin bis heute in seinen vier Wänden wohnen. Sein Blick ist voller Schalk und er hat unzählige Anekdoten auf Lager.

Zum Beispiel fuhr er einmal in St.Gallen mit dem «Elefant» vom Ablaufberg hinunter, als die Bremse am Kohlewagen versagte. «Die Rangierer rannten davon, erst knapp vor dem Prellbock blieb die Lok stehen. Am Bremsgestänge fehlte ein Bolzen. Ich fuhr ins Depot, der Bolzen wurde ersetzt und die Bremse funktionierte wieder», erzählt er lachend.

Franzosen in die Freiheit geführt

Unvergesslich ist für den Bähnler der Gefangenenaustausch vom 1. November 1944. «Ich musste früh am Morgen als Heizer einen Zug mit deutschen Verwundeten und Kranken nach Konstanz führen. Dort lief Marschmusik wie verrückt. Sie luden die Verwundeten auf Tüchern und Bahren aus, darunter viele Bein- und Armamputierte, und steckten ihnen Blümchen an.» Unterdessen warteten französische Gefangene in einem anderen Zug darauf, in die Schweiz gebracht zu werden. «Sie wurden von der SS bewacht und waren mäuschenstill.» Den Anstieg nach Kreuzlingen schaffte Gusts Lok wegen schlechter Kohle (Lignit) nur knapp. «In Kreuzlingen gingen die Fester runter und die Franzosen freuten sich wahnsinnig, machten Musik. Sie hatten seit über 24 Stunden kein Essen und Trinken mehr bekommen und wurden von Rotkreuzhelferinnen mit Tee, Schinkenbrötchen und Zigaretten versorgt. Auch die Kreuzlinger Bevölkerung kam und brachte Essen.» Die bewegenden Szenen dauerten eine ganze Weile, sodass Gust mit seinem Zug erst spätabends in Romanshorn eintraf.

Drei Rappen Stundenlohn

Gust wuchs als Sohn eines Bäckers in Niederhelfenschwil (SG) auf. Er lernte nicht Bäcker, weil sein Vater einen verwaisten Cousin in die Bäckerei aufgenommen hatte, sondern Maschinenschlosser in Winterthur ab 1935. «Im ersten Jahr verdiente ich 3 Rappen pro Stunde, jedes Jahr kamen 2 Rappen dazu.» Das war auch damals ein Hungerlohn, denn das Essen im Gesellenhaus kostete 3 Franken pro Tag und das Zimmer bei seiner Schlummermutter 30 Franken im Monat. Daher blieb der Lehrling auf Geld von zu Hause angewiesen. Dorthin fuhr er gewöhnlich am Samstagmittag nach der Arbeit mit dem Velo zurück. «Oft fuhr ich zuerst über das Tösstal nach Bütschwil, wo mein Grossvater wohnte, denn er gab mir immer einen Fünfliber.» Diese Tradition führt der heutige Urgrossvater mit seinen Urenkeln (6 und 4) weiter.

Nach der Lehre arbeitete Gust in der Waffenfabrik in Neuhausen. Darum wurde er 1939 bei der Mobilmachung nach drei Tagen heimgeschickt. «Wir waren in Sarnen über 3000 Soldaten und es gab zuerst nur Essen für 300.» 1941 wechselte er in eine Maschinenfabrik in Menziken (AG) und im Juli 1942 zur SBB als Lokführergehilfe/Heizer in Zürich.

August Fust an seinem 100. Geburtstag mit dem Lokführerstamm St. Gallen in der alten Lokremise. Foto: René Zoller.

Prekäre Heizerjahre

Wegen dem Krieg stagnierte der Personenverkehr. Deshalb mussten viele Heizer jahrelang auf die sichere Anstellung als Lokführer warten, wurden in die Werkstatt oder in andere Depots versetzt. Der Lohn war tief: «Noch 1947 verdiente ich Fr. 8.11 pro Tag, als Führer dann auch nicht viel mehr. Davon gingen noch die Abzüge für die Kranken-, Pensions- und Arbeitslosenkasse weg.» Die vielen Früh- und Spätdienste, das Kohleschaufeln, der Staub und im Winter die Kälte waren kein Schleck. Einige Heizer wechselten zur Polizei. Der SEV-Obmann in Zürich zeigte angesichts der ständigen Probleme der Heizer wenig Interesse an deren Aufnahme. So wurde Gust mit zwei Kollegen von der christlichen Gewerkschaft GCV geworben. Er wechselte dann am 1. April 1945 in Romanshorn zum SEV, «weil man dort nichts vom GCV wissen wollte.» Er arbeitete auch in Rorschach, Winterthur und St.Gallen, wo er ab August 1947 die Führerausbildung machen konnte.

Lokführer und Bauer

1948 heiratete der 29-Jährige Josi, eine Bergbauerntochter, die im Bahnhofbuffet St.Gallen servierte. «Ich kannte sie schon vorher, weil ich oft mit dem Velo in die Berge fuhr.» Ihr Bruder war Senn auf der Alp Bollenwees (AI). Dort half Gust in der Freizeit aus, auch bei Josi zu Hause und im Winter beim Holzen. «Nach der Pensionierung 1984 war ich vor allem Bauer.» Das liess sich mit seinem zweiten Hobby verbinden: dem Wandern.

Bis letztes Jahr reiste Gust mit der Bahn jede Woche zweimal durchs ganze Land – nicht immer im richtigen Zug, «aber ich bin immer heimgekommen.» Heute, wo er auch mit dem Vergrösserungsglas nicht mehr lesen kann, ist er auf Begleitung angewiesen. Zudem hat er sich im März bei einem Sturz einen Knochenriss zugezogen. Doch er ist nicht der Typ, der den Kopf hängen lässt. Jeden Samstag hat er in einem nahen Restaurant seinen (privaten) Stamm.

Markus Fischer

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