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Das Fest

100 Jahre SEV: Zusammen in die Zukunft!

Nach der 100-Jahr-Feier des SEV mit feinem Buffet verliessen die ca. 500 geladenen Gäste den Berner Kursaal mit glücklichen Gesichtern. Die Mischung von Reden, Videos und Darbietungen hochrangiger Bühnenkünstler/innen gefiel. Das Tüpfchen auf dem «i» war Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die persönlich und direkt sprach. Moderiert wurde die Feier vom aufgestellten Duo Françoise Gehring und Sandra Künzi.

Blick in den SEV-Ausstellungsbus. All seine Haltepunkte sind unter www.sev-online.ch/bustour zu finden.

Selbstverständlich kam SEV-Präsident Giorgio Tuti die Ehre zu, den Weg des SEV in den letzten 100 Jahren aufzuzeigen. Doch zuerst hiess er alle Gäste willkommen: Sozial- und Geschäftspartner, Gewerkschafter/innen und natürlich die SEV-Mitglieder. Besonders herzlich begrüsste er seinen «grossen Freund» Peter Bichsel.

Danach liess Tuti die SEV-Geschichte Revue passieren. «Bereits lange vor 1919 waren Bahnangestellte in Berufsvereinen organisiert, und diese versuchten schon vor 1919, eine Einheitsgewerkschaft zu gründen. Doch das gelang erst nach der Erfahrung des Generalstreiks von 1918, bei dem die Eisenbahner eine sehr aktive und wichtige Rolle spielten, denn während drei Tagen fuhr in der Schweiz kein regulärer Zug mehr. Der Bundesrat bot die Armee gegen die Streikenden auf und es gab Tote. Das darf nie, nie wieder passieren!», unterstrich Tuti. Rund ein Jahr nach dem Landesstreik, am 30. November 1919, schlossen sich bestehende Berufsorganisationen im Schweizerischen Eisenbahner-Verband zusammen in der Überzeugung, dass sie gemeinsam, solidarisch und koordiniert effizienter für anständige Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfen konnten. «Der SEV war geboren!»

Tuti erwähnte das Beamtengesetz von 1927, das den SBB-Angestellten die Lohnverbesserungen garantierte, für die sie 1918 u.a. gestreikt hatten, aber zugleich das Streik- und das Vereinsrecht auf problematische Weise einschränkte. Er erinnerte daran, dass der SEV zwischen 1918 und 1945 in Konzessionierten Transportunternehmungen mehrere Streiks führen musste. Und dass die Gewerkschaften gegen den Lohn- und Sozialabbau und gegen die antidemokratischen Kräfte eine breite Koalition zustande brachten. «Doch erst nach der Niederlage der faschistischen Diktaturen 1945 war der Weg frei für die Entwicklung des Sozialstaates.»

In der jüngeren Geschichte engagierte sich der SEV für den Bahnausbau und gegen die Angriffe auf Sozialversicherungen und Service public. Um die Liberalisierung und den forcierten Wettbewerb im Gefolge der Eisenbahnreform in die Schranken zu weisen, setzte der SEV konsequent auf Gesamtarbeitsverträge. Er hat in den letzten 20 Jahren rund 75 GAV auf betrieblicher, kantonaler/regionaler und Branchenebene abgeschlossen und seinen Mitgliedern damit sehr gute individuelle und kollektive Anstellungsbedingungen sichern können. «Darauf dürfen wir stolz sein.»

Den massiven Stellenabbau bei der SBB als Folge des technischen Fortschritts federte der SEV mit dem «Contrat social» ab, der das Personal vor Entlassung aus betrieblichen oder wirtschaftlichen Gründen schützt.

Eine starke Gewerkschaft im SGB…

Zum 100. Geburtstag der drittgrössten Gewerkschaft der Schweiz gratulierte auch Pierre-Yves Maillard, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes: «Der SEV ist eine starke, wichtige Säule des SGB.» Maillard denkt, dass die Gewerkschaften im künftigen schwierigen Umfeld kämpferischer auftreten müssen, räumte aber ein, noch kein Wundermittel für die anstehenden Herausforderungen gefunden zu haben. «Bei jedem menschlichen Streben nach einem Ideal braucht es viel Fleiss, Bescheidenheit, Wohlwollen, Disziplin und Mut. Es braucht konkretes solidarisches Handeln, qualitativ hochstehende Dienstleistungen sowie die Fähigkeit, klar und unabhängig Nein oder Ja zu sagen und Entscheidungen durchzuziehen. Diese Qualitäten haben uns viele Gewerkschafter/innen in den letzten 100 Jahren vorgelebt, sie haben den SEV 100 Jahre lang leben lassen und sie leben in uns allen weiter. Ich wünsche dem SEV alles Gute zum Geburtstag und unserer ganzen Bewegung ein langes Leben voller Freude und Solidarität!»

… und in der ETF

Der SEV spielt auch eine wichtige Rolle in der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF), die an der 100-Jahr-Feier durch ihre stellvertretende Generalsekretärin Sabine Trier vertreten war. «In einer Zeit, wo es die Digitalisierung möglich macht, Arbeiten nach Rumänien oder Indien auszulagern, ist internationale Solidarität unverzichtbar. Im Verkehr heisst das zum Beispiel, dass die Eisenbahner den Lastwagenfahrern beistehen.»

Mit besonderer Spannung erwartet wurde die Rede von Bundesrätin und Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga, und tatsächlich bereiteten einige ihrer Worte dem Publikum besondere Freude. Vor allem sagte sie, dass die tiefsten und höchsten Löhne korrekt sein müssen… Ob das auch dem anwesenden SBB-CEO gefiel?

Mit Blick auf den Frauenstreik vermutete Sommaruga, dass sie vor 100 Jahren kaum an einer solchen Feier gesprochen, sondern eher zu Hause in der Küche gestanden wäre. «Auch für euch hat sich die Situation verändert: Ihr arbeitet heute weniger als 1919, aber nicht mit weniger Engagement.» «Mit Präsidenten wie Ernst Leuenberger und Giorgio Tuti kann man viel erreichen», sagte Sommaruga weiter und zitierte Leuenberger: «Güter gehören auf die Schiene.» Und sie gratulierte und dankte dem Verkehrspersonal mit den Worten: «Dank euch verpasst kein Pendler seinen Feierabend und keine Politikerin ihre Sitzung.»

Thomas Wiesel, Patti Basler, Oli Kehrli und Rotes Velo: scharfzüngig und schön

Zu seinem runden Geburtstag hatte der SEV prominente Künstler/innen eingeladen: Die Tanzkompanie Rotes Velo widmete sich der Geschichte von Zeit und Pünktlichkeit. Der Chansonnier Oli Kehrli begann sein SEV-Lied bei den Affen. Der welsche Humorist Thomas Wiesel witzelte die Verkehrsgewerkschaft in Grund und Boden und entlarvte eine «Geheimgesellschaft»: «Das Foto von GL und Vorstand zeigt Tonina, Tuti, Cambi, Tura und zwei D’Alessandro – als ob es die Squadra Azzurra wäre.» Zum Schluss fasste Patti Basler den Abend auf ihre Art zusammen.

Vivian Bologna/Übersetzung: Fi

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Reaktionen

«Sommaruga war eindrücklich mit ihrer pointierten Aussage zu den Löhnen unten und oben. Ebenso Patti Basler, die auch uns im Saal ein wenig ‹anzündete›. Ich hoffe, dass der SEV bei seiner Arbeit für die heute sehr vielen Berufsgruppen wirklich kämpferisch bleibt.»

Alex Bringolf, pensionierter Fahrdienstleiter SBB

 

 «Die Feier war unterhaltsam, mit einem Augenzwinkern zwischendurch. Sie schlug einen schönen Bogen vom fulminanten Start des SEV durchs bewegte 20. Jahrhundert bis zur auch nicht ganz einfachen Gegenwart. Künftig wird sich der SEV etwas verjüngen.»

Reto Burger, Reiseberater BLS

 

«Es war wirklich ein mega cooler Abend mit den verschiedenen Programm- punkten und den Reden. Besonders die Bundesrätin wird mir in Erinnerung bleiben. Zu sehen , was sich in 100 Jahren alles verändert hat, ist schon sehr eindrücklich.»

Yasmin Furrer, Kundenbegleiterin SBB

 

«Sehr sympathisch. Thomas Wiesel sprach messerscharf und treffend. Ich bin seit der Lehre in der Gewerkschaft und bleibe dabei! Ich wünsche dem SEV Erfolg bei der Begleitung des digitalen Wandels und bin dafür, gewisse Bereiche wieder zu verstaatlichen.»

Sébastien Zonca, Busfahrer TPC (öV im Chablais)

 

«Das Programm war für mich eine grosse Überraschung. Mit Bühnenprofis über sich selbst zu lachen war fantastisch. Der SEV-Geburtstag ist weniger ein Endpunkt als eine Gelegenheit zum Durchstarten. Das Verkehrspersonal braucht eine starke Gewerkschaft.»

Franco Luca, Fachspezialist SBB, BZ Pollegio

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