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Sexuelle Belästigung

#Me too in der Barbie-Fabrik

Unsere neue Untersuchung in einer Fabrik des Spielzeugkonzerns Mattel in China zeigt eine Unternehmenskultur, in der geschlechtsspezifische Gewalt und sexuelle Belästigungen ihren festen Platz haben. Die untersuchte Fabrik mit insgesamt 2300 Arbeiter/innen produziert auch die weltberühmte «Barbie Puppe». Unangemessene Sprüche über ihr Aussehen, schlüpfrige Bemerkungen, unerwünschte Berührungen und die Verbreitung erniedrigender Fotos: Dies alles erlebte die solidar-Rechercheurin in nur wenigen Wochen in der Fabrik in China.

Messung der Temperatur der Arbeiterinnen am Eingang einer Mattel-Fabrik.

Die besagten Ereignisse fanden unter Aufsicht der Teamleiterinnen statt, lösten aber keinerlei Reaktionen des Managements aus. Im Gegenteil. Dieses machte häufig selber üble Witze und Bemerkungen.

In einem Arbeitsumfeld, wo Tätern keinerlei Konsequenzen drohen, wagen es die Frauen nicht, sich zu wehren. Die Arbeiterinnen haben zudem Angst vor einer Entlassung und sind daher sehr zurückhaltend mit Kritik.

Eine Arbeiterin berichtet

«Ein Arbeitskollege belästigt mich in der Werkstatt. Er nennt mich Liebling, sitzt an meinem Arbeitsplatz, und wenn ich mich beschwere, sagt er, ich müsse nur auf seinem Schoss sitzen. Er erklärte den anderen, dass er dies tat, um mich anzumachen. Ich blockierte ihn auf Wechat (chinesisches Äquivalent zu Whatsapp) und er drohte, mich zu schlagen, wenn ich ihn nicht deblockiere. Ich habe Angst. Niemand tut etwas.»

Ein strukturelles Problem

Die diesjährige investigative Recherche in einer Mattel-Fabrik in China bringt neben schweren Arbeitsrechtsverletzungen erneut gravierende Fälle von sexueller Belästigung zu Tage. Die Übergriffe wurden von Vorgesetzten geduldet und blieben ohne Konsequenzen. Schlimmer noch: Die Vorgesetzten machten selbst abschätzige Bemerkungen und Witze. Das Problem ist für Mattel nicht neu. Schon in der Recherche 2019 wurden Fälle von sexueller Belästigung in einer Fabrik in China aufgedeckt. Vier von zehn Arbeiterinnen berichteten von Situationen, in denen sie sexuell belästigt wurden. Auch eine neue Studie zu sexueller Belästigung in Fabriken in Südchina bestätigt diese Zahl.

Im Jahr 2004 wurde Mattel zum ersten Mal mit dem Problem von sexueller Belästigung in Fabriken konfrontiert. Bei einer Überprüfung von zwei Mattel-Fabriken in Mexiko wurde festgestellt, dass Arbeiterinnen von ihren Kollegen sexuell belästigt wurden. In einem der beiden Betriebe berichteten 30 % der Befragten, dass sie Opfer von Übergriffen wurden. Mattel versprach das Thema ernst zu nehmen. Doch der unabhängige Audit-Bericht kam dennoch zum Schluss, dass «die derzeitigen Bemühungen des Unternehmens nicht effektiv sind und das Problem der Belästigung am Arbeitsplatz - insbesondere von Frauen - weitere Massnahmen erfordern würde.»

Mattel muss handeln

Sexuelle Belästigung in den Fabriken muss Konsequenzen haben!

• Mattel muss eine «Null-Toleranz»-Richtlinie zu sexueller Belästigung verabschieden, die Probleme in ihren Fabriken ernsthaft untersuchen und die Resultate veröffentlichen.

• Mattel muss vertrauenswürdige Beschwerdemechanismen aufsetzen, welche die betroffenen Frauen schützen und wo nötig unterstützen.

• Mattel muss die Unternehmenskultur, in der Übergriffe alltäglich sind, verändern. Dazu braucht es klare Normen, unabhängige Schulungen und eine wirkungsvolle Überprüfung vor Ort, die über ein pro forma Audit-Zertifikat auf dem Papier hinausgeht.

Nach der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) umfasst die Definition von sexueller Belästigung

• jedes unerwünschte Verhalten mit sexueller Konnotation, das körperlich, verbal oder nonverbal ausgedrückt wird;

• jedes andere Verhalten aufgrund des Geschlechts, das die Würde von Frauen verletzt, das unwillkommen, unangemessen und beleidigend für die Einzelperson ist;

• Verhalten, das ein einschüchterndes, feindseliges oder erniedrigendes Arbeitsumfeld für eine Person schafft.

solidar.ch
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Sexuelle Belästigung

Nach der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) umfasst die Definition von sexueller Belästigung
• jedes unerwünschte Verhalten mit sexueller Konnotation, das körperlich, verbal oder nonverbal ausgedrückt wird;
• jedes andere Verhalten aufgrund des Geschlechts, das die Würde von Frauen verletzt, das unwillkommen, unangemessen und beleidigend für die Einzelperson ist;
• Verhalten, das ein einschüchterndes, feindseliges oder erniedrigendes Arbeitsumfeld für eine Person schafft.

Jetzt Petition mit der Forderung der Null-Toleranz für sexuelle Belästigung unterschreiben: solidar.ch/de/fairtoys

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