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Digitalisierung

Falscher Weg: Bundesrat will öV-Vertriebssysteme öffnen

Mit der Öffnung des Ticketings auch für grosse internationale Plattformanbieter könnten diese bald die Marktmacht übernehmen und im öffentlichen Verkehr der Schweiz Gewinne abschöpfen, die heute von den Unternehmen reinvestiert werden. Diese Lücke müsste mit Steuergeldern gefüllt oder es müssten Leistungen abgebaut werden.

Apps für den Schweizer öV Ja, aber nicht von Google, Uber & Co!

Der Bundesrat will öV-Unternehmen verpflichten, Dritten den Zugang zu ihren Vertriebssystemen und Verkehrsdaten «unter definierten Rahmenbedingungen» zu gewährleisten», wie das Verkehrsdepartement Uvek am 8. Dezember mitteilte. Dieses soll bis Ende 2018 eine Vernehmlassungsvorlage erarbeiten. Ziel des Bundesrats ist, die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsarten wie öV, Auto, Taxi, Velo- oder Fussverkehr zu vereinfachen, indem Reisen mit elektronischen Plattformen einfacher geplant und gebucht werden können. Informationen über Verkehrsaufkommen, Routenvarianten und Kosten sollen auch Verkehrsspitzen brechen, um die Infrastruktur gleichmässiger auszulasten. Zudem sollen neue Mobilitätsangebote gefördert werden, vor allem in Randregionen und zu Randzeiten, um dort Mobilitätsversorgung «gezielter auf die Nachfrage auszurichten und dadurch effizienter zu gestalten.» Sprich: Ruftaxis oder Mobility Car statt regulärer öV.

Risiken

Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) befürchtet, dass ein Teil der Billetteinnahmen aus dem öV, der zu fast 50% durch Steuergelder finanziert wird, an Private und ins Ausland abfliessen würden. Damit müsste die öffentliche Hand den öV stärker unterstützen, erklärte Sprecher Roger Baumann gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Dieses Risiko nennt laut der Zeitung auch das Berner Forschungsinstitut Ecoplan in der Studie, die es für das Uvek machte. Und warnt, dass der Umtausch und die Rückerstattung von Tickets beschränkt werden könnten. Diese Risiken könnten aber über die Bedingungen für den Zugang zu den Daten begrenzt werden. Die Studie empfiehlt denn auch trotzdem, das öV-Ticketing für Dritte zu öffnen. Ein weiteres Risiko ist laut dem «Tages-Anzeiger» der Umstand, dass Drittanbieter Zugriff auf Informationen von Abo- Besitzer/innen erhielten und damit auf sensible Daten, die Anbieter wie Google interessieren.

«Langfristig verheerend!»

Für Daniela Lehmann, Koordinatorin Verkehrspolitik beim SEV, ist die Öffnung des öV-Ticketings für Dritte der falsche Weg: «Damit könnten internationale Plattformanbieter dank ihrer Grösse bald die Marktmacht übernehmen und die Gewinne abschöpfen. Das wäre langfristig verheerend! Die Schweizer Mobilitätsanbieter dürfen sich das Ticketing nicht aus der Hand nehmen lassen, sondern müssen gemeinsam eine eigene Mobilitätsplattform aufbauen.»

Markus Fischer

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