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125 Jahre Rhätische Bahn

Die Gewerkschaft war von Anfang an mit im Zug der RhB

Über die Gründung der Sektion Davos des Verbands schweizerischer Eisenbahn-Angestellter VSEA sind keine Originaldokumente mehr auffindbar. Aus der Chronik zum 50-Jahr-Jubiläum der lokalen Sektion der Nachfolge-Gewerkschaft SEV geht aber hervor, dass diese bereits vor der Inbetriebnahme der Schmalspurbahn Landquart–Davos SLD gegründet wurde.

Altersgenossen, wie sie sind, unsere Personalorganisation und die Rhätische Bahn, sind bekanntlich immer etwas schicksalsverbunden», liest man heute vielsagend in der 1939 verfassten Chronik der Gewerkschaft. Sie beide – Gewerkschaft und RhB – feiern in diesem Jahr nun das 125-jährige Bestehen, noch immer schicksalsverbunden, doch wahrscheinlich auch ab und zu weniger harmonisch im Umgang miteinander als noch zur euphorischen Anfangszeit der Bahn im Jahre 1889.

Über die Pioniere der Bahn gibt es einiges zu lesen: Der holländische Initiant Willem Jan Holsboer (1834–1898) und Oberingenieur und Betriebsdirektor Achilles Schucan (1844–1927) haben ihren Platz in den Geschäftsberichten der Schmalspurbahn Landquart–Davos und der aus ihr hervorgegangenen Rhätischen Bahn sowie auch in den damaligen Tageszeitungen. Dagegen blieben die Pioniere der Gewerkschaft in der Öffentlichkeit praktisch unerwähnt und sind heute vergessen.

Spurensuche

Die SEV-Chronik nennt als Gründungsdatum der VSEA-Sektion Davos den Monat Juni oder Juli 1889, also wenige Monate vor der Inbetriebnahme der ersten Teilstrecke von Landquart nach Klosters am 9. Oktober 1889. Erster Sektionspräsident ist der Verkehrschef der SLD, der Klosterser Wilhelm Hew (1865–1938). Die Sektion zählte auf Anhieb 37 Mitglieder. Ende Jahr, als die Sektionsgründung in der Eisenbahn-Zeitung publiziert wurde, waren es schon 43. Die Bahn hatte zu dieser Zeit einen Personalbestand von 124 Männern.

Wilhelm Hew, ein Sohn des Besitzers des Hotels Vereina in Klosters, wird – trotz seiner erst 24 Jahre – als forscher Präsident beschrieben, der sich engagiert und zielbewusst für die Interessen der Arbeitnehmerschaft einsetzte. Präsident Hew hatte als Verkehrschef der Bahn einen guten Draht zu Betriebsdirektor Schucan. Aus einem Schreiben Hews vom 5. Mai 1890 an die VSEA-Kreisverbandszentrale in St. Gallen ist zu entnehmen, dass man sogar den Bahndirektor als Gewerkschaftsmitglied gewinnen wollte: «Bezüglich des Schreibens von Herrn Betriebschef Sand in Teufen bemerken wir, dass Herr Direktor Schucan noch nicht beabsichtigt unserem Verein definitiv beizutreten; er sich aber bereit erklärt hat, die Bestrebungen des Vereins bestmöglichst zu unterstützen und namentlich bei der Beschaffung billiger Lebensmittel Hand bieten will.»

Die Beschaffung billiger Lebensmittel und Haushaltsartikel war in den Anfangsjahren wohl das Hauptanliegen der VSEA-Sektion Davos, wie in der Gewerkschaftspresse und in den ersten RhB-Geschäftsberichten nachzulesen ist.

Fahrendes Einkaufszentrum

Doch wie bringt man diese vergünstigten Lebensmittel und weitere Bedarfsartikel für den Haushalt zu den Mitgliedern? Auch hier wusste sich Gewerkschafter Hew zu helfen: «Dem Verein schweiz. Eisenbahnangestellter ist es gelungen, bei einigen Firmen für den Einkauf von Herrenkleiderstoffen Preisreduktionen von 20–30 % zu erlangen. Damit die Mitglieder des Kreises ‹Davos› dieser Begünstigung auch teilhaftig werden, beabsichtigen wir einen Coffer anzuschaffen und ersuchen Sie, geehrter Herr Direktor, für die jeweiligen Beförderungen desselben von Landquart nach Davos Freitransport gewähren zu wollen.»

Direktor Schucan war einverstanden. Nicht nur der Kleiderkoffer wurde befördert, sondern bald einmal sogar ein «Konsumkurswagen» erfunden. Mit der Streckenerweiterung der RhB rollte dieses fahrende Einkaufszentrum dann schon bald bis ins Engadin und in die Surselva.

Betrieben wurde der Kurswagen vom Konsumverein Rhätia in Landquart, die Bahnangestellten auf den Stationen engagierten sich freiwillig beim Ausladen und Verteilen der Ware. Das Inkasso für die verkauften Waren übernahm die Rhätische Bahn, die Bezüge wurden jeweils Ende Monat mit dem Lohn verrechnet.

Mit der Eröffnung der Linie ins Unterengadin hat die Direktion jedoch die Aufhebung der Freitransporte für den Konsumverein Rhätia beschlossen, wie im Geschäftsbericht 1913 zu lesen ist: «Mit der Erweiterung des Netzes und der dadurch bedingten Personalvermehrung hatten aber die Konsumtransporte einen solchen Umfang angenommen, dass sie für den Betrieb erhebliche Inkonvenienzen herbeiführten».

Mit 1656 Angestellten hatte die RhB damals den Höchststand an Personal in ihrer Geschichte erreicht. Nicht erwähnt wird aber, dass die RhB diesen Entscheid auch deshalb getroffen hatte, weil sie vom Handel und Gewerbe massiv unter Druck gesetzt wurde, da dieser rollende Personal-Discountladen von den lokalen Geschäften als Konkurrenz gesehen wurde.

Seit 1896 führte der Konsumverein Rhätia in Landquart auch ein Verkaufsgeschäft in einem Gebäude, das die RhB eigens zu diesem Zweck erstellte. Landquart wurde nämlich ab 1894 mit der neuen Hauptwerkstätte zum technischen Zentrum der RhB. Die Bahn selber baute innerhalb von 15 Jahren unmittelbar südlich des Bahnhofs ein ganzes Dorf für ihre Angestellten, insgesamt über 50 Häuser.

Auch für das neue Schulhaus stellte die RhB der Gemeinde gratis das Land zur Verfügung, weiter wurde eine Metzgerei errichtet, und als später die sanitären Einrichtungen der Arbeiterhäuser nicht mehr den hygienischen Anforderungen genügten, wurde ein zentrales Wasch- und Badehaus erstellt.

Pioniere waren die Gewerkschaften aber auch im Bereich anderer sozialer Einrichtungen. 1891 wurde bereits eine Krankenkasse und ein Jahr später eine Alters-Versicherungskasse gegründet.

Kämpferische Neuausrichtung

1896 fand für die Gewerkschaft VSEA eine entscheidende Weichenstellung statt. Stand bisher die Frage der Beschaffung von billigen Lebensmitteln und Haushaltsartikeln im Zentrum, begann man sich nun auch beim RhB-Personal vermehrt mit klassischen Gewerkschaftsthemen wie Lohn und Arbeitszeit zu befassen. Daneben hat sich der Konsumverein Rhätia Landquart als eigenständige Organisation etabliert und wurde später Vorbild für lokale Konsumvereinsgründungen durch Bahnangestellte in Samedan, Davos oder auch in Poschiavo.

Der VSEA beschäftigte sich hingegen in den folgenden Jahren besonders mit dem RhB-Lohnregulativ. Die erste Gehalts- und Lohnordnung der RhB datiert schliesslich vom 1. Januar 1901. Während die Bahn noch bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 grosse Gewinne einfuhr und Dividenden zahlte, kämpfte das Personal ohne Selbstversorgungsmöglichkeit mit immer höheren Lebenskosten. Am 1. Mai 1905 wurde erstmals eine Lohneingabe an die Direktion gestellt. Da RhB-Direktor Schucan krankheitshalber längere Zeit fehlte und anschliessend zuoberst im Albulatal in Preda zur Kur weilte, blieb das Anliegen wochenlang unbehandelt.

Am 23. Juli des gleichen Jahres organisierte man daher eine ausserordentliche Personalversammlung in Chur und verabschiedete eine Resolution, die über 500 Mitarbeiter (rund 70 Prozent des Personals) unterschrieben haben. Die Haltung: Sofort Lohnverhandlungen oder am 1. August wird gestreikt. Zwei Tage später sassen in der Villa Planta in Chur Direktion und Gewerkschaften miteinander am Verhandlungstisch. Eine neue Gehalts- und Lohnordnung wurde geschaffen, die tägliche Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden reduziert. Mit diesem ersten Arbeitskampf hat sich der VSEA resp. ab 1919 der SEV definitiv als Gewerkschaft im heutigen Verständnis positioniert.

Ruedi Bruderer

Am 10. Mai findet aus Anlass der 125-Jahr-Jubiläumsfeierlichkeiten bei der RhB in Landquart ein Tag der offenen Türe statt.

Im Forum Ried in Igis wird dabei am Nachmittag um 14.30 Uhr das RhB-Jubiläumsbuch präsentiert und der Film von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha «Die Pioniere der Eisenbahn in Gaubünden» uraufgeführt. Stellvertretend für die zahlreichen anderen Engagierten der ersten Stunde werden im Film der Bahn-Initiant Willem Jan Holsboer, der erste RhB-Direktor Achilles Schucan sowie der erste Gewerkschaftspräsident Wilhelm Hew als Pioniere der Bahngeschichte in Graubünden porträtiert. Die Veranstaltung ist öffentlich.

Der erste Gewerkschafter der RhB

Wilhelm Hew wurde am 20. Oktober 1865 geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Landquart, wo seine Eltern das Hotel Landquart in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs der Vereinigten Schweizerbahnen führten. Hier hatte Wilhelm Hew somit seinen ersten Kontakt mit der Eisenbahn. Als seine Eltern 1885 nach Klosters zurückkehrten und das Hotel Vereina übernahmen, stand sein Berufsziel aber bereits fest.

Als die Schmalspurbahn Landquart–Davos 1889 Klosters erreichte, war der 24-Jährige zur Stelle und wurde als Verkehrschef gewählt. Zunächst gab es nur vier Zugspaare in jede Richtung zu koordinieren, sodass Hew offenbar noch genügend Zeit für die Gewerkschaft hatte.

Als erster Präsident der Sektion Davos des Vereins Schweizer Eisenbahn-Angestellter hat Hew den Grundstein gelegt für den Aufbau einer gut funktionierenden Personalvertretung bei der SLD resp. RhB. Auch wenn Hew dieses Amt wegen Arbeitsüberlastung nach anderthalb Jahren wieder aufgab, wussten die Gewerkschaften mit ihm einen Fürsprecher in der Verwaltung der Bahn. Hews Arbeitsort wanderte von Küblis, Klosters und Davos nach Chur. Hier arbeitete er viele Jahre mit Achilles Schucan in der RhB-Geschäftsleitung zusammen. 1923 liess sich Hew vorzeitig pensionieren. Er kehrte nach Klosters zurück und übernahm das Elternhaus. Wilhelm Hew ist am 23. Mai 1938 in Klosters gestorben.

Der Initiant

Willem Jan Holsboer wurde am 23. August 1834 in Zutphen (NL) geboren. Als 14-jähriger verliess er das Elternhaus und fuhr zur See. Später wechselte er den Beruf und wurde Kaufmann in einer Bank in Amsterdam. Für diese wurde er nach London gesandt, wo er sich bis zum Direktor emporarbeitete. 1865 heiratete er, doch wenige Monate später erkrankte seine Frau Margaret Elisabeth an Tuberkulose. Auf Empfehlung ihres Arztes reiste das Paar im Mai 1867 nach Davos zur Kur, doch ein halbes Jahr nach der Ankunft verstarb Holsboers Frau. Neue Freundschaften überzeugten Holsboer, im Landwassertal zu bleiben, er heiratete ein zweites Mal. Zusammen mit dem Kurarzt Ale-xander Spengler baute er das Hotel Curhaus, zudem entwickelte er die Idee einer Bahnverbindung ab Landquart über Davos und den Scalettapass bis nach Chiavenna.

Am 7. Februar 1888 gründete er mit Geldgebern aus Basel die Schmalspurbahn Landquart–Davos, am 9. Oktober 1889 erreichte der erste Zug Klosters, am 20. Juli 1890 wurde die ganze Strecke bis Davos eingeweiht. Die Scalettabahn wurde fallengelassen, weil die politischen Kräfte der Albulabahn den Vorzug gaben. Holsboer engagierte sich weiterhin für den Kurort Davos. Er verstarb am 8. Juni 1898 in Bad Schinznach, als er auf der Rückreise von Gesprächen über die Finanzierung seines Schatzalp-Projekts mit Banken in Basel war.

Der Direktor

Achilles Schucan kam am 19. Januar 1844 in Avignon als Sohn eines Engadiner Zuckerbäckers zur Welt. Die Volksschule besuchte Schucan in Zuoz, Ftan und Winterthur. Nach dem Erwerb der Matura an der Kantonsschule Zürich trat Schucan in die dortige ETH ein, welche er 1864 mit dem Ingenieurdiplom verlassen konnte. Seine erste Anstellung fand Schucan im deutschen Pirmasens als Assistent eines Bezirksbauchefs. Ab 1869 beschäftigte sich Schucan in Regensburg als Bauführer mit der Bayrischen Ostbahn. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz arbeitete er unter anderem für die Jurabahnen (Basel–Delsberg) und die Bahn von Interlaken nach Grindelwald. Er hat auch die topografischen Aufnahmen für die Bahn über die Wengeneralp gemacht. Während sieben Jahren war Schucan beim Eisenbahndepartement in Bern als Kontrollingenieur tätig. In dieser Zeit gründete Schucan seine Familie und wechselte 1885 als Direktor zur Seetalbahn nach Hochdorf. Hier erreichte ihn der Ruf aus der Heimat: Am 1. Februar 1888 übernahm er in Küblis den Posten des Oberingenieurs und Betriebsdirektors der Schmalspurbahn Landquart–Davos, ab 1894 Rhätische Bahn, bei der er bis zu seiner Pensionierung im Oktober 1918 als Direktor blieb. 1913 wurde Schucan mit dem Ehrendoktor der ETH ausgezeichnet. Achilles Schucan ist am 18. Juli 1927 in Zürich gestorben.

Kommentare

  • Siegfried Ritter

    Siegfried Ritter15/10/2022 21:16:29

    Einfach GENIAL was Jan Wilhel Holzboer alles in die Wege geleitet hat mit der RhB u in Davos.

    Bahnfreundliche Grüsse

    Sigi Ritter