| Aktuell / SEV Zeitung, Frauen, Frauen und Gesundheit

Vorschau Bildungstagung Frauen

Die Stärke, eine Frau zu sein

An der Bildungstagung der SEV-Frauen am 6. November stehen die Stärken und Kompetenzen von Frauen im Zentrum. Dabei geht es auch um die Frage, weshalb Care-Arbeit noch immer zu wenig anerkannt und wertgeschätzt wird. Ein Interview mit Sibylle Lustenberger, Gewerkschaftssekretärin für Frauen.

Gleichstellungsbeauftragte Sibylle Lustenberger freut sich auf die diesjährigen Bildungstagung der Frauen.

Bei der diesjährigen Bildungstagung der Frauen heisst das Thema «Die Stärke, eine Frau zu sein. Über Kompetenzen, Anerkennung und Wertschätzung.» Warum?

Die Frauenkommission hat sich für dieses Thema entschieden mit dem Gedanken, sich ganz auf die Stärken, Kompetenzen und das Wissen der Frauen zu fokussieren – und bewusst nicht auf Defizite und Probleme. Uns geht es darum, aufzuzeigen, dass Care-Arbeiten wie Kinderbetreuung, Haushalt und die Pflege von Angehörigen noch immer mehrheitlich von Frauen geleistet werden. Diese Arbeit bildet das Fundament von Gesellschaft und Wirtschaft, erfordert Schlüsselkompetenzen und wird trotzdem bis heute immer noch zu wenig wertgeschätzt.

Weshalb werden diese Kompetenzen und Potenziale der Frauen deiner Meinung nach weniger wahrgenommen?

Das hat viel mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und traditionellen Rollenbildern zu tun. Heute sind Frauen in allen Berufsgruppen und Positionen der Transportbranche tätig – auch in solchen, die vor 50 Jahren noch nicht für Frauen zugänglich waren. Frauen und ihre Lebensführung sind heute enorm vielfältig. Viele Wege stehen uns offen. Aber die Sorgearbeit wird auch heute noch mehrheitlich als Frauendomäne angesehen. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass Care-Arbeit in der «Natur von Frauen» liegt, dass Frauen im Gegenteil zu Männern eine natürliche Fähigkeit besitzen, Sorgearbeit zu leisten.

Gerade wegen dieser Vorstellung, dass Sorgearbeit in der Natur von Frauen liege, wird oftmals vergessen, dass diese Arbeit sehr viele Kompetenzen erfordern, die sich Frauen – und natürlich auch Männer – aneignen und weiterentwickeln müssen. Wer den Familienalltag führt, organisiert, budgetiert, setzt Prioritäten, plant, löst Konflikte. Auch soziale und kommunikative Fähigkeiten spielen eine grosse Rolle. Trotzdem wird die Zeit, die Frauen der unbezahlten Sorgearbeit widmen, häufig als Lücke wahrgenommen. Wer wegen der Kinderbetreuung einige Jahre nicht oder reduziert arbeitet, muss sich später oft dafür rechtfertigen, wird seltener befördert und hat finanzielle Einbussen nach der Pensionierung. Die Arbeit, die in dieser Zeit geleistet wurde, und die dabei erworbenen Kompetenzen werden kaum als Erfahrung anerkannt.

Was sollen die Teilnehmerinnen der Bildungstagung konkret mitnehmen?

Wir machen deutlich: Familienmanagement ist keine Lücke. Es ist eine Lebensphase, in der viel geleistet und Verantwortung übernommen wird. Gleichzeitig möchten wir besprechen, wie wir uns individuell in unserem Berufsalltag und als Kollektiv solidarisch dafür einsetzen können, damit unbezahlte Care-Arbeit und die damit verbundenen Kompetenzen mehr Wertschätzung erfahren und wie wir gesellschaftliche Muster aufbrechen können.

Obwohl sich die Tagung an Frauen und weiblich gelesene SEV-Mitglieder richtet, ist dies natürlich ein Thema, das auch Männer betrifft. Wenn wir über eine gerechtere Aufteilung von Care-Arbeit sprechen, müssen wir Frauen und Männer einbeziehen. Auch Männer sind zu einem gewissen Grad in traditionellen Rollenbildern gefangen. Ein Mann, der zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, muss sich rechtfertigen, wird sogar belächelt. Dabei sollten Männer die gleichen Möglichkeiten haben wie Frauen, Betreuungsarbeit zu leisten und Teilzeit zu arbeiten. Das ist gerade im öffentlichen Verkehr ein wichtiges Thema. Teilzeitarbeit lässt sich bei Schichtarbeit nicht immer einfach umsetzen, und es fehlen einheitliche Regelungen. Das beschäftigt auch viele männliche SEV-Mitglieder.

Warum ist Care Arbeit auch am feministischen Streik 2027 ein grosses Thema?

Wir wissen heute, wie hart die Arbeit im Care-Sektor ist und wie schwierig es ist, genügend Arbeitskräfte zu finden. Auch die Rentenlücke aufgrund von unbezahlter Care-Arbeit ist dokumentiert. Trotzdem kommt die Umsetzung der 2021 angenommenen Pflegeinitiative nicht vom Fleck. Am 14. Juni 2027 zeigen wir lautstark unsere Unzufriedenheit mit dieser Situation. Denn eines ist klar: Für uns als SEV geht es am 14. Juni 2027 nicht nur um Solidarität. Es liegt im Interesse von uns allen, dass unsere Kolleg:innen in Spitälern, Alterszentren und Kitas gute Arbeit leisten können und dass Care-Arbeit kein Armutsrisiko darstellt.

Dazu kommt, dass auch die SEV-Mitglieder täglich Care-Arbeit leisten, und zwar nicht nur unbezahlt. Als Kundenbegleiter:innen, am Schalter, bei Elvetino, aber auch in der Instandhaltung und Reinigung sorgen sie sich täglich um das Wohlergehen der Reisenden. Auch hier gibt es für die SEV-Frauen noch einiges zu tun. Der 14. Juni 2027 wird deshalb auch ein wichtiger Protest- und Aktionstag sein, um die Gleichstellung im Verkehrssektor voranzutreiben.

Zurück zur anstehenden Bildungstagung, die schon fast ausgebucht ist. Was macht dieser Anlass für dich aus?

Die Frauenkommission hat ihren Ursprung in der Bildungstagung. Vor 41 Jahren wurde sie zum ersten Mal von einer Gruppe von SEV-Frauen organisiert. Aus diesem Engagement heraus ist später die Frauenkommission entstanden. Wenn ich heute eine Bildungstagung leite, finde ich den Gedanken schön, dass ich Teil einer Bewegung bin, die vor über 40 Jahren mit diesen Vorkämpferinnen begonnen hat. Die Bildungstagung ist für mich auch ein besonderer Moment, weil hier SEV-Frauen aus ganz unterschiedlichen Berufen, Regionen und Unternehmen zusammenkommen. Wir tauschen uns aus, diskutieren neue Themen und entwickeln uns weiter. Damit halten wir die Frauenbewegung innerhalb des SEV lebendig und bringen sie voran.

Magalie Caspard

Hast du einen Kommentar oder eine Frage zum Artikel? Schicke eine Mail an den/die Autor:in oder an