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Violette Aktionswoche

«Gleichstellung betrifft uns alle»

Diese Woche und noch bis Sonntag findet die «Violette Woche» statt. Ursprünglich als Aktionswoche mit diversen Veranstaltungen in den Betrieben gedacht, musste das Konzept aufgrund von Corona umgekrempelt werden. Lucie Waser, Gleichstellungsbeauftragte des SEV, erklärt die Hintergründe.

SEV-Zeitung: Was genau ist die violette Aktionswoche?

Lucie Waser: Ein Jahr nach dem legendären Frauen*streik vom 14. Juni 2019 hat sich kaum etwas getan in Sachen Gleichstellung. Die violette Aktionswoche dient dazu, an unseren Protestmarsch und die Forderungen zu erinnern. Da der Höhepunkt dieses Jahr mit dem 14. Juni auf einen Sonntag fällt, wollten wir Gewerkschaftsfrauen* in den Tagen davor auf die Gewerkschaftsarbeit und auf Frauen*forderungen aufmerksam machen. So entstand die violette Aktionswoche. Die Corona-Krise hat die ursprüngliche Idee der Aktionen in den Betrieben über den Haufen geworfen. Wir haben diese nun in den virtuellen Raum verschoben. Das heisst: Alle SGB-Gewerkschaften trafen sich mit Frauen aus ihrer Mitgliedschaft und nahmen Videobotschaften auf. Uns interessierte, wie sie ganz persönlich die Corona-Krise erlebt haben. Unser Fokus lag vor allem bei den Kolleginnen, die auch während dem Lockdown gearbeitet haben, um den Service public am Laufen zu erhalten.

Ist das eine Aktion des SEV?

Nein. Der SEV arbeitet dazu mit dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund zusammen. Die Videobotschaften unserer Mitglieder sind in unseren sozialen Medien, aber auch auf der Website 14juni.ch zu sehen. Der SEV ist ebenfalls auf internationaler Ebene damit präsent, denn die European Transport Worker’s Federation (ETF) lancierte gerade das Projekt «Women transport workers at the frontline». Dieses hat zum Ziel, verschiedene Blickwinkel der Krise aufzuzeigen und die vielseitigen Erfahrungen unserer Mitglieder breit zu dokumentieren.

Auf welche Anliegen will der SEV konkret aufmerksam machen in dieser Woche?

Ein grosses Thema ist nach wie vor die unbezahlte Care-Arbeit. Wir konnten während dem Lockdown sehen, was geschieht, wenn Kitas und Grosseltern als Betreuungsinstitutionen wegbrechen. Dies löste in vielen Familien teils grosse Krisen aus. Wir Gewerkschaftsfrauen* sind der Meinung, dass Kinderbetreuung Teil des Service public sein muss. Denn nur so kann die Chancengleichheit von jedem Kind optimal gefördert werden. Ausserdem ermöglicht unsere Vision von Kinderbetreuung inkl. Tagesschulen als Service public beiden Elternteilen, stressfreier ihre Erwerbsarbeit nach der Geburt eines Kindes wieder aufzunehmen. Uns Gewerkschaftsfrauen* ist hierbei vor allem der Aspekt der ökonomischen Unabhängigkeit der Frauen* sehr wichtig. Wenn eine Frau* finanziell unabhängig ist und ebenfalls in die Familienkasse einbezahlt, steht sie auf Augenhöhe mit ihrem Partner und durchbricht das Machtgefälle, das sonst immer vorhanden ist.

Ein anderes Thema ist unser «Appell an Bundesrat und Parlament»: Konjunkturprogramme nach einer Krise sollen sozial und fair sein – historische Studien zeigen, dass Frauen* in der Vergangenheit die Krisen bezahlten. Darum ist es wichtig, dass dieses Mal die Frauen* am Verhandlungstisch mitdiskutieren, damit unsere Steuergelder – ja, auch wir Frauen zahlen Steuern – allen in der Bevölkerung zugutekommen. In gemischten Teams soll nun nach bestmöglichen Lösungen gesucht werden – während dieser Krise diskutierten in den Medien nur reine Männergremien darüber. Das ist skandalös!

Was für Lehren können wir aus der Corona-Krise ziehen?

Eine wichtige Erfahrung ist sicher, dass Kinderbetreuung und Homeschooling Fulltime-Jobs sind, die nicht so einfach neben dem Homeoffice organisiert werden können. Dies gilt übrigens nicht nur für Mütter, sondern gleichermassen auch für die Väter. Die Erfahrung, wie mit einer Krise umzugehen ist, hat die Schweizer Bevölkerung sicher auch stark zusammengeschweisst. Wir haben – bei allem Schrecken – viele Solidaritätsaktionen gesehen, grosse Netzwerke mit Freiwilligen haben sich gebildet und viele haben angepackt.

Die extrem wichtige Krisenbewältigungsarbeit von uns Gewerkschaften, die es ermöglicht hat, Kurzarbeit zu nutzen, Corona-Elternurlaub zu beziehen und den Gesundheitsschutz des Personals zur Priorität zu machen, muss hier auch erwähnt werden, denn wir sind stark in der Schweiz. Wo dem nicht so ist (USA), stehen die Leute jetzt auf der Strasse.

Hast du noch eine Botschaft an unsere Leserinnen und Leser?

Die violette Aktionswoche in diesem Jahr ist ein weiterer Schritt hin zu einer gerechteren und sozialeren Schweiz. Wichtig ist mir persönlich, dass auch in diesem Jahr solidarische Männer* mit von der Partie sind, denn für die geschlechteregalitäre Gesellschaft braucht es die Mitwirkung von uns allen, die Erkenntnis der Gleichwertigkeit und den Respekt gegenüber dem Anderen. Davon profitieren die Männer* ebenfalls. Und wenn du diesen gesellschaftlichen Lernprozess spannend findest und mitgestalten willst, dann werde jetzt erst recht Mitglied im SEV!

Fragen: Chantal Fischer
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Mosaik und feministische Bäume

Anlässlich des 14. Juni werden im Tessin Frauen mit verschiedenen Aktionen und auf unterschiedliche Weise mobilisiert. Einige Aktionen sind hier aufgeführt:

  • Aktion feministische Bäume: Vom 12. bis 14. Juni werden an verschiedenen Orten im Kanton – so in Bellinzona, Locarno, Lugano, Mendrisio – feministische Bäume mit Botschaften gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung spriessen.
  • Flashmob «Respect»: Am 14. Juni von 10 bis 12 Uhr findet auf der Piazza del Sole in Bellinzona eine kollektive Aktion statt: Frauen versammeln sich wie zahlreiche Fliesen in einem lebendigen Mosaik mit einer starken, universellen Botschaft: RESPECT!
  • Aktion 15.24: Ab diesem Zeitpunkt arbeiten Frauen aufgrund der Lohnunterschiede gratis; wir halten die Zeit an, um darauf aufmerksam zu machen.

Kommentare

  • Ursula  Bürki

    Ursula Bürki11/06/2020 08:23:16

    Guten Tag, ich finde es super das überhaupt etwas getan wird im Bezug auf die Gleichberechtigung doch leider muss ich feststellen das noch soooo viel im Argen liegt! Solange kein Unternehmen klare Angaben über die Löhne gemacht werden und die Frauen bis zu 1500.-- Franken weniger in der Lohntüte haben bei Gleicher Arbeit liegt doch sehr viel schief. Denn jede Frau ist Mehrfachbelastungen ausgesetzt was beim Mann nicht der Fall ist. Die Frau wird auch in der tollen Schweiz ausgebeutet und missbraucht und das in einem Land welches so verlogen ist und sich rühmt so sozial und gerecht zu sein. Sogar beim Bundesamt für die Gleichstellung ist in ihren Statistiken klar ersichtlich das Frauen bei Gleicher Arbeit viel weniger Verdienen als die Herren. Warum den nur? Ich Schäme mich in der Verlogenen Schweiz zu leben weil immer noch das Männliche Patriarchat vorherscht.

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