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Interview mit Lucie Waser

Der Frauenstreik betrifft alle

Der Frauenstreik vom 14. Juni ist einer der wichtigsten Anlässe im SEV-Jubiläumsjahr. Die Gleichstellungsbeauftragte des SEV, Lucie Waser, beantwortet deshalb ohne Umschweife die ihr gestellten Fragen.

Lucie Waser am 22. September 2018 an der Demonstration «Enough» in Bern.

Lucie Waser, du bist verantwortlich für Gleichstellungsthemen im SEV. Wie bereiten sich die Frauen des SEV auf den Frauenstreik vom 14. Juni vor?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten sich an den Vorbereitungen zum 2. landesweiten Frauen*streik zu beteiligen. Die einen sind aktiv in einem der kantonalen Streikkomitees in ihrem Wohnkanton oder, wo vorhanden, im Streikkomitee des Wohnortes. Andere interessieren sich nicht für den Frauen*streik aufgrund einer vermeintlich persönlichen Unbetroffenheit. Das ist gefährlich, denn das wahre Leben spielt sich nicht im sicheren Kokon ab. Seit Anfang des Jahres erhalten alle Frauen, die SEV-Mitglied sind, monatliche Infoletter per Mail. Damit bemühe ich mich, interessierte Kreise auf dem Laufenden zu halten und Neugierige auf tolle Möglichkeiten zur Mitgestaltung einer gemeinsamen Zukunft aufmerksam zu machen. Denn es ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit: Wenn wir die Gesellschaft verbessern wollen, dann geht das nur, wenn Frauen und Männer zusammenhalten. Es reicht nicht, wenn nur die Männer bestimmen und entscheiden, was gemacht werden soll.

Lohndiskriminierung ist im öffentlichen Verkehr kaum ein Thema. Wofür setzen sich die SEV-Frauen ein?

Das ist korrekt. Dank guter GAVs und grossem Einsatz des SEV sind die Transportunter-nehmen zu Vorbildern geworden, was die Lohngleichheit inkl. Kontrollen anbelangt. Es ist darum wichtig, dass sich gerade unsere Frauen solidarisieren mit anderen, die bis zu 700 CHF pro Monat weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen für gleichwertige Arbeit. Es gibt noch so viele weitere Themen, die aktuell sind und zum Streikaufruf geführt haben: Sexismus am Arbeitsplatz, Anerkennung und Aufwertung der unbezahlten Arbeit, die vorwiegend von Frauen gemacht wird. Ein guter Einblick dazu gibt der Streikflyer.

Welches sind die Meilensteine vor dem 14.Juni – im SGB und speziell im SEV?

Highlights waren der 8. März (Weltfrauentag) und die nationale Vernetzungstagung am 10. März. Viele Frauen haben hier teilgenommen und mitgemacht. Seit einiger Zeit gibt es viele Infoabende zum Thema in diversen Schweizer Städten. Es ist richtig viel los! Ganz viele unterschiedliche Frauenorganisationen sind aktiv, nicht nur die Gewerkschaften, und Angebote finden sich dazu in der ganzen Schweiz. Für uns Gewerkschaften ist natürlich der 1. Mai auch ein Meilenstein auf dem Weg zum Frauen*streik vom 14. Juni.

Der SEV feiert sein 100-jähriges Bestehen und der Vorstand hat beschlossen, allen Frauen, die neu SEV-Mitglied werden, die Beiträge fürs ganze Jahr zu erlassen. Der Anstoss dazu kam von der Frauenkommission. Was ist dein Rezept, um Frauen als Mitglied zu gewinnen?

Erreichen kann man Frauen nur über persönliche Betroffenheit. Viele Frauen wissen nicht, dass sie im Arbeitsprozess mehr Diskriminierung ausgesetzt sind als die Männer, denn die Formen der Diskriminierung sind manchmal sehr subtil. Schauen wir mal das Beispiel «Wiedereinstieg nach Mutterschaft» an. Hier geschehen immer noch Dinge, die niemand für möglich hält. Viele Arbeitgeber haben kein Interesse an Müttern. Sie fallen zu oft aus im Betrieb und sind um vieles aufwändiger zu organisieren als Väter, weil sie die kranken Kinder und Familienangehörigen auffangen. Viele Frauen stellen darum plötzlich fest, dass sie trotz grösstem Einsatz zur so genannten Wackelkandidatin geworden sind. Wenn es darum geht gute Stellen zu besetzen, fallen sie raus. Lohnentwicklungen werden ihnen abgesprochen und Weiterbildung für sie auf das Minimum reduziert. Ab dem ersten Kind klaffen Lohn und Aufstiegsmöglichkeiten plötzlich stark auseinander zwischen Müttern und Vätern. Am Ende des Tages zeigt sich dann, dass eine Frau ohne Gewerkschaft im Rücken keine Chance hat auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt. Darum sind viel mehr Männer bereits Mitglied in einer Gewerkschaft, weil sie das schon längst begriffen haben.

Letzte Frage: Was erträumst du dir für die Frauen im 2019?

Ich erlebe in den Streikkomitees, dass sich alle Generationen beteiligen (Gymnasiastinnen bis Omas) und dass dies zur aktiven Einmischung von Frauengruppen in die Gesellschaftsgestaltung führt. Das ist richtig wertvoll für eine direkte Demokratie! Wir brauchen eine breite Politisierung in der Bevölkerung, um den neofaschistischen Bewegungen in Europa und der Schweiz eine starke soziale Bewegung für Menschen- und Umweltthemen entgegenzusetzen. Ich träume von einer Million Menschen (streikende Frauen und solidarische Männer als Helfer) am Streiktag, die aufstehen und laut sagen, in was für einer Welt sie in Zukunft leben wollen – weil sie begriffen haben, dass jede Stimme zählt.

Vivian Bologna

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Kollektiver Schrei nach Freiheit

Edito von Françoise Gehring

Zahlreiche Frauen haben sich letzten Sonntag in Biel versammelt, um den Streik vom 14. Juni vorzubereiten. Entschlossene Frauen voller Durchsetzungsvermögen und Energie, die ihre Stimme erheben, um der neuen Feminismuswelle Schwung zu verleihen. In der Schweiz. Und auf der ganzen Welt.

Die neue Bewegung hat ihren Ursprung in der Frauenbewegung der 70er Jahre, die eine soziokulturelle Revolution ausgelöst hatte. Sie hat das Rollenbild umgestürzt, das vorbestimmte Schicksal der Töchter, Schwestern und Ehefrauen in Frage gestellt, die bis dahin nie frei wählen konnten, nie unabhängig waren. Sie hat tief verwurzelte Gewohnheiten erschüttert und damit einer neuen Kultur mit neuen Werten Platz gemacht. Dieser Umsturz brauchte viel Kraft und Energie.

Es gab aber auch Widerstand, der bis heute nicht an Macht verloren hat. Noch heute gibt es Stimmen, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen. Und in gewisser Weise hat unsere Gesellschaft auch Rückschritte gemacht. Die Frau wird vermehrt als Objekt gesehen, ihre Selbstbestimmung und sogar ihr Recht auf ein gewaltfreies Leben werden in zahlreichen Ländern beschnitten. Viele Frauen träumen wieder vom Märchenprinz, dem sie ihr Schicksal und ihre Unabhängigkeit in die Hände legen können. Das Schwinden der Würde der Frauen – im öffentlichen wie auch im privaten Leben – nährt sich durch die Gleichgültigkeit der Gesellschaft und einen Kommunikationsstil, der fortwährend Stereotypen und Vorurteile kreiert.

Bei den jüngeren Generationen denken einige, dass die durch unsere Mütter und Grossmütter erkämpften Rechte für immer gelten. Sich auf der faulen Haut ausruhen ist aber die schlechteste aller Lösungen: Wir dürfen nichts als gegeben erachten! Deshalb ist es beispielsweise auch wichtig, den Weltfrauentag am 8. März jedes Jahr zu begehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Konsumgesellschaft, Fundamentalisten und neue Formen von Autoritarismus die Rechte der Frauen einschränken. Es gibt noch viele Träume und Hoffnungen, die in konkrete Projekte umgesetzt werden müssen.

Am 8. März in der ganzen Schweiz und letzten Sonntag in Biel zeigte sich eine wunderbare Vitalität: Es gibt Herzen, die vor Energie strotzen und sich einsetzen für Solidarität. Diese starken Kräfte sind die wichtigsten Quellen, um den Frauenstreik vom 14. Juni in einen kollektiven Schrei nach Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit umzuwandeln.

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