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«Wir sind noch lange nicht am Ziel!»

Barbara Spalinger zum Frauenstreik

Der 14. Juni ist ein wichtiges Datum für die Frauenbewegung: Am 14. Juni 1991 fand der erste nationale Frauenstreik statt. Heute streiken die Frauen im ganzen Land zum zweiten Mal. SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger war schon damals mit von der Partie, und spielt auch diesmal eine wichtige Rolle in der Streikorganisation.

Barbara, seit dem ersten nationalen Frauenstreik 1991 ist viel passiert. Warum gehen die Frauen heute, genau 28 Jahre später, wieder auf die Strasse?

Der Frauenstreik 1991 war ein grosser Erfolg. Obwohl es auf den ersten Blick kaum sichtbare Folgen gab, ist in den Jahren danach doch einiges geschehen: Als die Sozialdemokratin Christiane Brunner bei den Bundesratswahlen 1993 nicht gewählt wurde, zeigte sich die Bevölkerung so empört, dass der statt ihr gewählte Francis Matthey die Wahl nicht annahm und Ruth Dreifuss gewählt wurde. 1996 trat dann das Gleichstellungsgesetz in Kraft, in welchem unter anderem die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau verankert wurde. Das ist nun über zwanzig Jahre her, und doch sind wir von wahrer Gleichstellung noch weit entfernt. Kein Wunder, dass die Frauen keine Geduld mehr haben und die Bewegung wieder Aufschwung erhält! Die Frauen arbeiten gleich viel wie die Männer, wenn man die unbezahlte Arbeit in Haushalt, Erziehung oder Pflege mitzählt, und verdienen so gerechnet gerade mal etwas mehr als die Hälfte dessen, was Männer verdienen. Das führt bei den Frauen auch heute noch zu grossen Löchern in der Altersvorsorge und zu einer ungerechten Verteilung zwischen den Geschlechtern. Diese «Hard Facts» sind wohl Grund genug für einen zweiten Frauenstreik!

Wie hast du den Frauenstreik vom 14. Juni 1991 in Erinnerung?

Ich erinnere mich sehr gerne an diesen Tag! Ich habe beim lokalen Komitee in Solothurn mitgearbeitet und diese Organisation durch eine Handvoll Frauen, die sich teilweise kaum kannten, hat wunderbar funktioniert. Wir wussten im Vorfeld nicht so genau, wie viele Frauen mitmachen würden, da viele von ihnen Angst vor Sanktionen hatten. So waren wir am Streiktag überwältigt, als von überall her Frauen auf den Streikplatz strömten. Die Stimmung war entsprechend super und am Schluss haben wir noch einen lautstarken Marsch aufs Rathaus gemacht, um dort unsere Forderungen zu deponieren. Lustigerweise war mir der gewerkschaftliche Hintergrund des Frauenstreiks gar nicht so klar, obwohl ich als damalige Staatsangestellte Mitglied im VPOD war. Dafür hatte ich an diesem Tag meine erste bewusste Begegnung mit dem SEV: In der Oltner Bahnhofsunterführung verteilten SEV-Aktivisten die Verbandszeitung, die an jenem Tag nicht den Titel «Der Eisenbahner» trug, sondern «Die Eisenbahnerin»!

Du warst 1991 also nicht ganz unbeteiligt daran, dass der Frauenstreik zustande kam. Inwiefern bist du dieses Jahr involviert?

In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass Frauenthemen wieder Fahrt aufgenommen haben. Plötzlich gingen am 8. März nicht mehr nur die alten Feministinnen, sondern viele junge Frauen auf die Strasse, was sicher zum Teil internationalen Bewegungen wie #metoo zu verdanken ist. Aber ich habe auch in meinem Umfeld direkt miterlebt, wie junge Frauen gemerkt haben, dass es eben noch nicht stimmt mit der Gleichberechtigung. Dass sie weniger verdienen als Männer, dass der Chef immer noch meist ein Mann ist, dass sie beruflich nicht mehr vorankommen, besonders wenn sie Kinder haben. So haben wir zusammen mit ihnen am letztjährigen 1. Mai ein Transparent mit der Aufschrift «2. Nationaler Frauenstreik 14. Juni 2019» mitgetragen. Vielleicht sind wir also durchaus ein bisschen mit daran schuld, dass sich diese Idee für 2019 konkretisiert hat. Ausserdem bin ich zusammen mit zwei Präsidentinnen und einer Vizepräsidentin der grossen Gewerkschaften auch offiziell in der strategischen Streikführung des SGB involviert.

Der zweite nationale Frauenstreik wird heute Abend zu Ende gehen, nicht aber der Kampf um die wahre Gleichstellung von Mann und Frau. Was erhoffst du dir vom heutigen Streik?

Ich hoffe, dass sich die Erinnerung an diesen Tag in den Köpfen der Bevölkerung einbrennt, und zwar nicht nur als «lustiger Event», sondern vor allem als deutlicher Hinweis, dass die in der Verfassung verankerte Gleichstellung von Männern und Frauen noch lange nicht umgesetzt ist und dass die Frauen vor allem materiell die Leidtragenden sind. Ungerechtigkeiten gehen uns alle an, Männer, Frauen, Gewerkschafter, Arbeitgeberinnen. Packen wir’s an!

Karin Taglang: Enable JavaScript to view protected content.

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