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Umfrage des SEV-VPT

Buschauffeure: Mehr Schlafstörungen und weniger Appetit

Der SEV läutet die Alarmglocke zum Gesundheitszustand der Busfahrer/innen: Die Hälfte der Teilnehmenden an der Umfrage der SEV-VPT-Branche Bus von 2018 bezeichneten sich als gestresst. Der Vergleich mit der ersten solchen Umfrage der Branche Bus von 2009/2010 zeigt auch eine markante Zunahme von Schlafstörungen und Beschwerden bei Appetit und Verdauung.

Wenn man im Verkehrschaos stecken bleibt und die Uhr tickt, steigt der Stresspegel allerseits.

Buschauffeur Hans* ist über 60 und hat chronisch Rückenschmerzen, hat aber gelernt, damit umzugehen, wie auch mit dem Stress. Seine Arbeit gefällt ihm trotzdem und er nimmt dafür gesundheitliche Nachteile in Kauf. Ebenso Busfahrerin Alexandra*. Seit 20 Jahren chauffiert sie Passagiere, die nicht immer höflich sind. Im Gegenteil: Weil die Gesellschaft heute gestresster ist, verhalten sich auch viele Verkehrsteilnehmende rascher ungeduldig und aggressiv. «Das gehört zu unserem Beruf», sagt Alexandra*. «Doch manchmal nehmen wir die Wut mit nach Hause und sie wirkt dann wie ein Gift, das uns nicht ruhig schlafen lässt.» Reto* ist ein junger Optimist, der fast immer ein Lächeln auf den Lippen hat und bei allem immer das Positive sieht. Aber die langen Dienste sind nicht sein Ding: 15-stündige Dienstschichten mit nur 8 effektiven Arbeitsstunden und allzu langen Pausen, die statt Erholung nur zusätzlichen Stress bringen und den Arbeitstag verlängern, ärgern auch ihn. Solcher Mangel an Rücksicht auf die Bedürfnisse des Personals lässt auch sein Lächeln manchmal sterben. Nur Leute, die selber nicht fahren, können glauben, dass solche Dienste erträglich oder gar gesund seien.

Die Praxis beweist das Gegenteil, und die SEV-Umfrage ebenfalls. Von den 500 Fahrer/innen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, erklärten die Hälfte, sie fühlten sich gestresst. Im «Job Stress Index 2018» der Gesundheitsförderung Schweiz sagte dies nur jede/r Vierte. Stress führt besonders häufig zu Angst, Reizbarkeit und Müdigkeit. Auslöser von Stress ist vor allem die Aggressivität von Automobilisten, Velofahrerinnen und Fussgängern. Die Situation hat sich seit der SEV-Umfrage von 2009/2010 verschlechtert: Damals gaben nur 12% der befragten Chauffeure im Alter von 56 bis 65 Jahren an, Schlafstörungen zu haben. Heute sind es doppelt so viele. Zugenommen hat auch die Zahl der Unfälle, in die Busse verwickelt waren: Gemäss Bundesstatistik gab es 2011 416 solche Unfälle. 2017 waren es 737, was einem Anstieg um 80% entspricht. Zwei von drei Unfällen wurden von anderen Verkehrsteilnehmern wie Automobilisten, Velofahrerinnen oder Fussgängern verursacht.

Gesundheit der Altersgruppe der 46- bis 55-Jährigen

Der SEV-Fragebogen 2018 wurde in den Unternehmen an 2500 Fahrer/innen verteilt, von denen 497 die Fragen beantworteten. Gewerkschaftssekretär Christian Fankhauser, der beim SEV für die Branche Bus zuständig ist, räumt ein, dass die Umfrage weder einen Anspruch auf «Wissenschaftlichkeit» bezüglich der Lebens- und Arbeitsbedingungen erhebe noch darauf, «medizinische» Daten dazu zu liefern. Sie gebe aber die Erfahrungen und Empfindungen der Fahrer/innen in den drei Sprachregionen repräsentativ wieder. Lanciert wurde sie vom Vorstand der VPT-Branche Bus acht Jahre nach der ersten solchen Umfrage, um abzuklären, ob der Eindruck stimmt, dass sich die Situation der Chauffeure inzwischen verschlechtert hat.

«Trotz korrekter Löhne und Arbeitsbedingungen, die in GAV festgeschrieben sind, hat der Chauffeurberuf an Attraktivität eingebüsst», stellt Christian Fankhauser fest. «Verantwortlich dafür ist vor allem der unregelmässige Schichtdienst während 22 von 24 Stunden pro Tag an sieben Tagen in der Woche, inklusive Festtage, mit langen, anstrengenden Arbeitstagen. Er macht es schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Zudem wird die Teilzeitarbeit in dieser Branche vor allem dafür genutzt, Planungsprobleme zu lösen oder Fahrer/innen zu entlasten, die kein Vollzeitpensum verkraften können. In diesen Fällen kann Teilzeitarbeit tatsächlich eine Lösung sein, wenn sie gut durchdacht und umgesetzt wird. Und sie kann Frauen die Ausübung dieses Berufs erleichtern – wobei für sie natürlich auch separate Umziehräume und sanitäre Anlagen einzurichten sind», betont Fankhauser. «Doch zurzeit ist der Chauffeurberuf noch weitgehend ein Männerberuf. Zudem ist das Durchschnittsalter der Chauffeure gestiegen. Die zu geringe Attraktivität des Berufs führt dazu, dass die Unternehmen Mühe haben, geeignetes Personal zu rekrutieren.»

Hans*, der mit 25 Jahren Busfahrer wurde, bestätigt, dass der Beruf anstrengender geworden ist: «Früher gab es weniger Verkehr und weniger Touren pro Dienstschicht, und diese waren zudem weniger ermüdend.»

So beurteilen die Befragten Arbeitstage mit mehr als zehn Stunden.

Die Analyse der Umfrageresultate ergab auch, dass die Nachtarbeit 2018 als weniger lästig bewertet wurde als 2010. «Irgendwie haben wir uns daran gewöhnt», sagt Hans*. «Doch ich merke, dass die stärkere Belastung mein Wohlbefinden eben doch beeinträchtigt.» Die Belastung könne sich auf verschiedene Arten äussern, erklärt Christian Fankhauser. «So wird etwa Stress verinnerlicht und führt zu wesentlichen Zunahmen von Beschwerden bei Appetit und Verdauung oder von Schlafstörungen, und zwar in allen Altersgruppen.» Ein wesentlicher Stressfaktor ist für die Busfahrer/innen die Aggressivität der Passagiere und der anderen Verkehrsteilnehmer. Sie erklärt in vielen Fällen die Zunahme der Schlafstörungen – wie im Fall von Alexandra*.

Die Absenzbewirtschaftung seitens der Unternehmen spielt gemäss Christian Fankhauser auch eine Rolle: «Sie wird oft als Druckmittel wahrgenommen. Dass ein Drittel der Befragten angab, schon zur Arbeit gegangen zu sein, ohne im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen zu sein, muss den Unternehmen zu denken geben, auch bezüglich der Sicherheit der Passagiere. Bereits eine kräftige Erkältung oder ein Fieberschub kann die Aufmerksamkeit eines Fahrers erheblich beeinträchtigen.»

Nacht + Stress + Fieber = ? (Foto: pxhere.com)

Gestützt auf diese Ergebnisse wird der SEV verstärkt bei den Unternehmen vorstellig werden, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es geht darum, den Stress bei der Arbeit zu reduzieren. «Man muss insbesondere Dienstschichten vermeiden, die über 10 Stunden pro Tag hinausgehen», betont Christian Fankhauser. «80% der Befragten beurteilen eine solche Präsenz von über zehn Stunden als belastend.» Dieser Meinung ist auch Reto*, der gerne bis zum Pensionsalter als Busfahrer arbeiten möchte. Hilfreich dafür wäre allerdings eine Dienstplanung, die auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden Rücksicht nimmt. «Eine Beschränkung der Dienstschichten auf 10 Stunden würde uns das Leben erleichtern und uns ermöglichen, den Beruf mit der Familie und sozialen Aktivitäten zu vereinbaren. Dienstschichten von 14 oder 15 Stunden aber sind eine Zumutung und Qual.»

* Die Personen sind real, doch die Namen wurden geändert.

Françoise Gehring / Übersetzung: pmo/Fi

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VPT-Branche Bus

An der Branchentagung Bus vom 19. Februar in Olten wurde der Branchenvorstand erneuert. Seine Mitglieder sind Peter Bernet, Lugano; Elisabeth Küng, Thun; Vincent Leggiero, Genf; Carmelo Scuderi, Lausanne; Jacques Leipzig, Freiburg; sowie neu Marcel Betschard, Zug, der auch als Ersatzmitglied des VPT-Zentralvorstands gewählt wurde. Der Branchenvorstand ruft alle Mitglieder der Branche Bus auf, potenzielle Mitglieder im Betrieb anzusprechen und zu werben, wie auch an den 100-Jahr-Feiern mit dem SEV-Ausstellungsbus.

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