| Aktuell / SEV Zeitung

Arbeitsunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen

Gemeinsame Jobbörse der öV-Branche für die Reintegration?

Unser Dossier zum Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz geht weiter. Wir haben mit der Arbeitsärztin Dr. Laurence Wasem gesprochen, die mit den Arbeitsbedingungen im öffentlichen Verkehr bestens vertraut ist. 

©Augagneur

SEV-Zeitung: Wie hat sich aus Ihrer Sicht als Arbeitsärztin die Berufswelt in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Dr. Laurence Wasem: Die neuesten Studien zeigen einen Anstieg von Stress und Burnout, weil die Arbeitslast intensiver geworden ist. Die Schweizer ertragen Stress im Vergleich zu anderen europäischen Ländern länger, aber wenn sie krank sind, sind sie auch länger krank. Einige Unternehmen haben Angst davor, Präventionsmassnahmen in Aussicht zu stellen, die sie nicht erfüllen können, insbesondere im Kampf gegen die zunehmenden psychologischen und organisatorischen Belastungen – vor allem, wenn dies ihr aktuelles Management infrage stellt. Während sie z.B. eine Impfkampagne unterstützen und finanzieren, ohne zu zögern, sind sie bei Massnahmen zur Prävention psychosozialer Risiken eher zurückhaltend.

Gibt es in den Verkehrsberufen besondere Risikofaktoren für Gesundheitsschäden?

Jeder Beruf hat seine spezifischen Risiken. Zusätzlich zur SEV-Umfrage zeigte eine kürzlich in Frankreich durchgeführte Studie, dass die Risikoprozentsätze von Herz-Kreislauf-Problemen und Pathologien wie z.B. Diabetes, die mit einem sitzenden Lebensstil verbunden sind, in diesen Berufen höher sind. Idealerweise müsste man als Fahrer/in möglichst gesund leben und über ein Gesundheitskapital verfügen, das bis zur Pensionierung reicht, sowie die steigende Aggressivität der Reisenden wegstecken können. Aber in der Realität ist das nicht so einfach!

Welche Lösungen können Unternehmen anbieten, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf weiter auszuüben?

Die Aufrechterhaltung der Beschäftigungsfähigkeit ist während der gesamten beruflichen Laufbahn eine Herausforderung. Als ich Ihren Artikel (in der SEV-Zeitung Nr. 4/2021) las, habe ich mir gedacht, dass eine Struktur vom Typ «Integration für alle» ideal wäre. So könnten Personen wieder ins Unternehmen integriert werden, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung zwar nicht IV-berechtigt sind, aber dennoch ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Die Verkehrsbetriebe könnten sich für einen internen Jobaustausch zusammenschliessen. Und z.B. Reinigungsarbeiten nicht mehr an Unterakkordanten auslagern, was letztlich sehr teuer sein kann. Die Neubewertung bestimmter Aufgaben, die als Nebentätigkeiten gelten, sollte zeigen, dass Menschen nicht austauschbar sind.

Gibt es einen erhöhten Druck der Führungskräfte auf kranke Menschen?

Unzufriedenheit und Streitigkeiten, die manchmal zu Gerichtsklagen führen, sind eher ein Indikator dafür, dass der Dialog nicht ausreichend funktioniert. Einige Manager üben Druck aus, um ihre Produktivitätsziele zu erreichen, während Mitarbeitende manchmal fälschlicherweise überzeugt sind, dass sie direkt entlassen würden, wenn sie krank werden. Manche Führungskräfte wollen «Arzt spielen» und die Menschen gegen ihren Willen «heilen» . HR-Leute und Führungskräfte sollten nicht nur in technischer Aufgaben geschult werden, sondern auch im Management komplexer Fälle. Dieses erfordert Professionalität, Interdisziplinarität (z.B. mit Arbeitsärzten) sowie echte Empathie und Wohlwollen bei der Führung, die ernst gemeint und nicht nur Fassade sind.

Was tun, damit Langzeiterkrankungen nicht zu einer Abwärtsspirale in Richtung Prekarität und Sozialhilfe führen?

Je nach Krankheit und Berufserfahrung ist es mehr oder weniger einfach, die Beschäftigungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, einen alternativen Arbeitsplatz zu finden oder Stellen anzupassen. Leider ist die Nachfrage nach geeigneten Stellen oft grösser als das Angebot. Durch die Automatisierung und Auslagerung bestimmter Arbeiten fallen tendenziell niedrig- oder mittelqualifizierte Stellen weg. Zum Glück enden dennoch nicht alle Beschäftigten krank im Ruhestand.

Wäre eine paritätisch finanzierte Frühpensionierung für besonders belastende Berufe (wie sie die SBB schon kennt) die Lösung?

In der Tat wäre es sehr wichtig, die Bedingungen für die Pensionierung genauer anzuschauen. Und warum nicht ab dem 45. Lebensjahr Sabbaticals vorsehen? In bestimmten Telekom-Unternehmen müssen Führungskräfte in sehr schwierigen Positionen ab Alter 50 alle fünf Jahre einen obligatorischen, neunwöchigen Urlaub nehmen. So können sie etwas anderes als den Arbeitsdruck erleben und ihre Gesundheit erhalten. Das Prinzip des Urlaubs stammt aus einer Zeit, in der das Tempo ein anderes war. Es braucht ein Umdenken in Bezug auf die Erholungszeit, um die Gesundheit zu schützen.

Wie integrieren Sie die Auswirkungen von Covid in Ihre Analysen?

Vielleicht hat Covid Unternehmen gezwungen, sich mehr für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu interessieren, da einige anders geschützt werden mussten. Hoffen wir, dass ihre Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Personals punkto Gesundheit weiter steigt.

Yves Sancey / Übersetzung: Karin Taglang
Enable JavaScript to view protected content.

Kurzbio

Dr. Laurence Wasem, 59 Jahre, Fachärztin FMH für Arbeitsmedizin. Bis 2005 arbeitete sie am Institut de Santé au Travail (heute Unisanté) in Lausanne, dann als Kantonsärztin im Kanton Waadt. Seit 2010 ist sie selbstständig und arbeitet auf Mandatsbasis in den Kantonen Genf, Waadt und Neuenburg. Sie hat zwei Töchter, eine davon ist Lehrerin und die andere Ärztin.

Kommentar schreiben