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Für lebendige Bahnhöfe

Das Verkaufspersonal der MOB macht sich Sorgen um seine Zukunft und erwartet, dass die Direktion seinen Vorschlägen für Alternativen zur fortschreitenden Schliessung von Schaltern mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Der SEV startet eine Kampagne zugunsten der Bahnhöfe und Verkaufspunkte auf dem ganzen Netz der Montreux–Oberland-Bahn MOB, sowohl auf deutscher als auch auf welscher Seite. Eine erste Aktion fand am 10.November statt.

Gewerkschaftssekretäre und Vorstandsmitglieder des SEV-MOB haben das MOB-Personal in allen Verkaufsstellen besucht. Die Rückmeldungen aus allen Bahnhöfen stimmen überein: Das Personal macht sich grosse Sorgen um seine Zukunft. Auch wenn die Direktion sich überzeugend gibt mit der Aussage, dass «sich die MOB keinesfalls aus den Regionen zurückziehen will», scheinen alle bereits getroffenen oder zurzeit angedachten Massnahmen auf einen zunehmenden Rückzug hinauszulaufen.

Langsamer Tod

An allen besuchten Orten kam es zu intensiven, wertvollen Diskussionen. Tony Mainolfi, SEV-Gewerkschaftssekretär, fasst die weit verbreitete Haltung so zusammen: «Die Umstrukturierungen der Bahnhöfe und Verkaufspunkte der letzten Jahre wurden durchgeführt, ohne die Meinung des Personals einzubeziehen, was häufig zu Situationen geführt hat, die sich jeder Logik entziehen und in die falsche Richtung gehen.» «Das Vorgehen ist inakzeptabel», ergänzt Lucie Waser, ebenfalls vom SEV.

«Die Mitarbeitenden haben in all den Jahren Fachwissen aufgebaut, aber das wird nicht gewürdigt», fügt sie hinzu. Einige der getroffenen Entscheide (Abbau von Touren, Anpassung der Öffnungszeiten, Schliessung des Bahnhofs am Wochenende, keine Neubesetzung nach Abgängen…) lassen einen langsamen Tod für gewisse Verkaufsstellen voraussehen. Allgemein hat es seit einigen Jahren weniger Personal auf den Bahnhöfen. Die Direktion erklärt, dass die Schalterverkäufe zurückgehen, dies aufgrund des «Digital Shift» und der zahlreichen neuen Möglichkeiten, Fahrausweise zu kaufen. Auch wenn sich diese Entwicklung nicht bestreiten lässt, beschränkt sich die wichtige und nötige Arbeit des Personals nicht einfach auf Schalterverkäufe. Seine Arbeit lässt sich nicht an den direkten Verkäufen messen, sondern zahlt sich im unsichtbaren Bereich aus.

Worte und Taten

Am Aktionstag vom 10. November hat der SEV den Beschäftigten die Informationen weitergegeben, die er vom Unternehmen über dessen Zukunft erhalten hat. Am 27. September traf der SEV Vincent Brodard, Leiter Personenverkehr MOB. Dabei erklärte dieser, dass einzelne Bahnhöfe wie Château d’Oex, Lenk und Gstaad ihre Öffnungszeiten sehr stark einschränken werden, und dass mittelfristig die Existenz gewisser Verkaufspunkte wie Glion und Saanen, deren Umsätze als zu tief erachtet werden, in Frage gestellt werden könnte.

Bis vor Kurzem und auch am 27.September waren die Aussagen der MOB und der Direktion zum Fortbestehen der Bahnhöfe jedoch zuversichtlich. Es bestehe die Absicht, sich nicht aus der Fläche zurückziehen, sondern den Nutzern und Kunden Dienstleistungen anzubieten. Das Gefälle zwischen den Aussagen und den Handlungen macht das Personal jedoch skeptisch gegenüber diesen hehren Absichten.

Personal nicht einbezogen

Das Personal befürchtet, dass ohne seinen Einbezug eine Strategie für Beratung und Verkauf erarbeitet wird, die sich ausschliesslich auf den angekündigten Verlust von zwei Millionen Franken jährlich und die geänderten Kundengewohnheiten abstützt. Die Direktion will diese Strategie vor Jahresende dem Verwaltungsrat unterbreiten. So würde man ganz auf das grosse Potenzial von engagierten und ideenreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verzichten, das diese einbringen könnten, wenn die Schalter beibehalten und verstärkt würden.

Die Feststellung wird von allen geteilt: Das Personal kann Vorschläge machen, wie man weiterhin die Erwartungen der Kunden erfüllen, gegen den Dienstleistungsabbau kämpfen und lebendige Bahnhöfe erhalten kann. «Die Direktion hat die Tür offengelassen, was eine neue Ausrichtung der Aufgaben in den Verkaufspunkten angeht», freut sich Tony Mainolfi. Trotzdem bleibt das Personal für die Zukunft sehr kritisch und beunruhigt. Das Verkaufspersonal kann sich nicht damit zufrieden geben, Touristinnen und Touristen in verwaisten Bahnhöfen auf sich allein gestellt zu lassen, mit dem Smartphone als einzigem Hilfsmittel.

Auf dem Spiel stehen nicht nur die Arbeitsplätze der Kolleginnen und Kollegen, sondern auch die Zukunft der Regionen entlang der Strecke. Denn wenn die MOB den gleichen Weg geht wie die Post, die ihr Poststellennetz gegen Null abgebaut hat, werden die Lebendigkeit und Attraktivität der Gemeinden abnehmen und schliesslich verschwinden. Das wäre ein schlimmes Eigentor.

Was den Genuss einer Reise ausmacht, sind gewiss die wunderbaren Landschaften, aber auch ein Dorfleben, das diesen Namen verdient. «Welche Touristen möchten noch eine Region besuchen mit vereinsamten Orten, deren Bahnhöfe und Kerne leer und ausgestorben sind? Welche Vision hat die Direktion für die Zukunft?», fragt Lucie Waser besorgt.

Gemeinsamer Vorstoss

Nach dieser ersten Aktion vom 10.November ist klar, dass das Verkaufspersonal der MOB übereinstimmend grosse Sorgen zur Zukunft äussert und das Gefühl hat, von der Direktion nicht verstanden zu werden, obwohl es konstruktive Vorschläge für die Zukunft des Unternehmens hätte. Es will seine Stimme erheben und ist bereit, sich in einem gemeinsamen Vorstoss zu engagieren.

«Der wahre Reichtum eines Unternehmens ist sein Personal», erklärt Georges Oberson, Generaldirektor der MOB, im Geschäftsbericht 2017. So gut diese Deklaration tönt – nun müssen ihr Taten folgen.

Das Verkaufspersonal der MOB verfügt wahrlich über grosse Erfahrung und hat ausreichend Ideen, um seine Aufgaben angesichts der digitalen Entwicklung neu auszurichten. Es ist der Zukunft der MOB verbunden und überzeugt vom touristischen Potenzial der Waadtländer und Berner Alpen; das Personal will gehört werden.

Yves Sancey/pmo
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