| Aktuell / SEV Zeitung

Welche Zukunft für den öffentlichen Verkehr?

Avenir Suisse will höhere Tarife, SEV warnt vor sozialen Folgen

Ruedi Blumer, Giorgio Tuti und Daniel Müller-Jentsch diskutierten im Kino «Palace» in St. Gallen.

Im Rahmen der 100-Jahr-Feierlichkeiten des SEV in der Ostschweiz diskutierten am 29. Oktober SEV-Präsident Giorgio Tuti und Daniel Müller-Jentsch, Verkehrsexperte von Avenir Suisse gleich zweimal über die Zukunft der Mobilität – und waren sich in einem wesentlichen Punkt nicht einig: Avenir Suisse will die Tarife im öffentlichen Verkehr erhöhen, um dessen Wachstum und Kosten zu senken, für den SEV aber müssen die Tarife für alle tragbar bleiben.

Tuti und Müller-Jentsch kreuzten sich die Klingen zuerst am 100-Jahr-Fest im Depot der Frauenfeld-Wil-Bahn in Wil und danach im Kino Palace in St.Gallen im Rahmen einer Vortragsreihe, die der SEV zusammen mit der Erfreulichen Universität St.Gallen anbot. In Wil diskutierte auch Ständerat Paul Rechsteiner mit, und in St.Gallen VCS-Präsident Ruedi Blumer (seine Ideen in der grossen Box).

Wohin reine Kostenorientierung führt

«Man muss die Probleme der Gegenwart lösen, bevor man die Zukunft angehen kann», stellte Giorgio Tuti erst mal klar, mit Verweis auf die gravierenden Qualitätsprobleme der SBB. «Man kann ein öV-Unternehmen nicht gleich führen wie irgendeinen börsenkotierten Industriebetrieb.» Der Fokus auf Effizienzsteigerung durch Kostensenkung mit ständigen Reorganisationen und Abbau von Rollmaterialreserven und Personal in allen Kategorien (Lok-, Zug-, Instandhaltungs-, Rangier- und Reinigungspersonal, Zugverkehrsleiter usw.) bewirkt heute, dass Ressourcen für einen qualitativ befriedigenden Betrieb fehlen. Resultat: verspätete, zu kurze oder ganz ausfallende Züge…

öV bleibt personalintensiv

Tuti ist überzeugt, dass es im öV trotz Digitalisierung künftig nicht weniger Personal brauchen wird, um einen guten Service zu gewährleisten. Denn auch IT-Systeme müssen betrieben und unterhalten werden, und für den Fall, dass sie versagen, braucht es Interventionskräfte, auch zur Betreuung der Reisenden. «Diese wollen keine menschenleeren Züge und Geisterbahnhöfe, sonst nehmen sie das Auto, und das wollen wir ja nicht.» Denn der öV ist nicht nur klimaschonender, sondern auch viel platzsparender als der motorisierte Individualverkehr, selbst wenn Automotoren mal kein CO₂ mehr ausstossen werden.

Verkehr lenken und senken

Daniel Müller-Jentsch zeigte auf, dass der Bahn- und Strassenverkehr in der Schweiz in den letzten 25 Jahren viel stärker gewachsen ist als die Bevölkerung und die Wirtschaftsleistung (BIP) – siehe Grafik. Einen wichtigen Grund für die rasante, ressourcenfressende und wenig klimafreundliche Zunahme der Mobilität sieht der Verkehrsexperte darin, dass Mobilität zu billig sei – im Fall des öV wegen seiner massiven Subventionierung durch die öffentliche Hand, während die Strasse ihre Kosten weitgehend selber decke (hier hatte Ruedi Blumer zu den externen Kosten andere Zahlen).

Das Schweizer öV-System beurteilt Müller-Jentsch zwar als qualitativ vorbildlich, aber als zu teuer. Er fordert darum einen Stopp des Bahnausbaus, denn sonst würden die Kosten für Unterhalt und Betrieb immer grösser. Das sei auf die Dauer nicht finanzierbar, und falls dem Staat einmal die Mittel ausgingen, seien letztlich Linien gefährdet. Obwohl die Strasse weitgehend selbsttragend sei, müsse aber auch hier dem ungebremsten Verkehrswachstum Einhalt geboten werden, um Ressourcen, Klima und Umwelt zu schonen, betonte Müller-Jentsch.

Der Verkehr wächst seit Jahren schneller als Wirtschaft und Bevölkerung. (Avenir Suisse/BFS)

«Software statt Hardware»

Bei Bahn und Strasse müsse statt auf Hardware-Ausbau vermehrt auf smarte Software-Lösungen gesetzt werden, forderte Müller-Jentsch: bei der Bahn zum Beispiel auf noch kleinere Abstände zwischen Zügen dank Automatisierung. Vor allem aber brauche es Massnahmen zur Verkehrslenkung und -senkung – auch beim Strassenverkehr, unterstrich der Verkehrsexperte. Deshalb habe Avenir Suisse bei der Abstimmung über die zweite Strassenröhre am Gotthard im Februar 2016 gegen dieses teure Bauprojekt gekämpft, wie der SEV…

Für Müller-Jentsch gilt es in erster Linie die bestehenden Kapazitäten besser zu nutzen und so Geld zu sparen, bei Strasse und öV. «Bei der SBB beträgt die durchschnittliche Sitzplatzbelegung im Fernverkehr 32% und im Regionalverkehr sogar nur 20%. Nur drei bis vier Stunden am Tag ist das Bahnsystem überlastet.»

Variable und höhere Tarife?

Die Verkehrsspitzen könnten durch variable Tarife gebrochen werden, ist Müller-Jentsch überzeugt. Zudem lasse sich durch mehr Kostenwahrheit – das heisst: höhere, weniger subventionierte Billettpreise – auch Verkehr ganz vermeiden. Pendler/innen würden näher zum Arbeitsort ziehen, Homeworking machen usw.

Pendler und Seniorinnenstärker zur Kasse bitten?

«Die Pendler/innen sind heute gleich dreifach subventioniert: durch die allgemeine Subventionierung des Verkehrs, durch Mengenrabatte mittels GA und Halbtax-Abo sowie durch den Pendlerabzug bei den Steuern», sagte Müller-Jentsch. Vor allem die Subventionierung von Erstklass-Abos müsse aufhören, und auch die Rabatte für Senior/innen, zumindest während der Verkehrsspitzen.

Für Giorgio Tuti hingegen wäre eine Mehrbelastung der Pendler/innen unsozial, weil viele durch Reorganisationen, die hohen Mietpreise in den Städten oder durch familiäre Umstände (z.B. Kinderhüten durch Grosseltern) zum Pendeln gezwungen sind. «Die öV-Tarife müssen für alle tragbar bleiben.»

Tuti ist auch dagegen, beim Sparen ausgerechnet bei den Senior/innen anzufangen, von denen wegen den sinkenden Renten immer mehr den Gürtel enger schnallen müssen. Der Angriff von Avenir Suisse auf den generellen Seniorenrabatt löste in Wil auch beim Publikum hörbare Reaktionen aus. «Man muss im Leben doch auch etwas Freude haben», sagte dazu der ehemalige SGB-Präsident Paul Rechsteiner und erntete spontanen Applaus.

Rückverlagerung auf die Strassevermeiden!

Variable Tarife würden zudem das heutige einfache Tarifsystem intransparenter und unattraktiver machen, warnte Tuti: «So würde wieder mehr Auto gefahren.» Und natürlich vor allem auch, wenn der öV stärker verteuert würde als das Autofahren…

Bevölkerung auf guten,erschwinglichen öV angewiesen

«Man darf beim öV nicht nur auf die Kosten schauen, weil er für die Erschliessung der Randgebiete und für die Kohäsion des Landes sehr wichtig ist», betonte Tuti. «Der öV als Service public bringt der Bevölkerung sehr viel und darf etwas kosten.»

Einig waren sich Müller-Jentsch und Tuti darin, dass es beim Flugverkehr eine internationale Kerosinsteuer und weitere Lenkungsmassnahmen braucht, damit die Bahn auf mittlerer Distanz wieder konkurrenzfähig wird.

Markus Fischer

Enable JavaScript to view protected content.

Sag uns deine Meinung

Wie sieht die Mobilität im Jahr 2040 aus? Personen verschiedener Interessenorganisationen haben uns dazu ihre Antworten gegeben:

  • «2040 wird der Verkehr menschenfreundlich, nachhaltig und klimaneutral sein – weil wir uns etwas anderes gar nicht mehr leisten können.» Bea Heim, IGöV
  • «2040 prägen automatisierte Fahr- und ‹Fliegzeuge› – entflechtet unterwegs unter, auf und über dem Boden – das Mobilitätsbild.» Peter Goetschi, Zentralpräsident TCS
  • «2040 gibt es in der Schweiz noch genau zwei Städte, in denen der öffentliche Verkehr nicht gratis ist, Genf und Lugano. Und zwar, weil dort die Verkehrsbetriebe privatisiert wurden und sich die Eigentümer immer noch vorstellen, mit dem investierten Kapital viel Geld verdienen zu können.» Daniel de Roulet, Schriftsteller

Was ist deine Meinung? Diskutiere mit unter 100.sev-online.ch 

«Handeln ist Pflicht, insbesondere bei der Mobilität»

Ruedi Blumer, Präsident des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS), erklärte in St.Gallen, dass angesichts der fortschreitenden weltweiten Klimaerhitzung dringender Handlungsbedarf besteht, «insbesondere bei der Mobilität. Denn 40% des CO2-Ausstosses verursacht zurzeit in der Schweiz der Strassen- und Flugverkehr. Damit ist klar, dass hier ein wichtiger Hebel zur Problemlösung liegt.»

Ruedi Blumer umriss seine Vision der Mobilität im Jahr 2040 in 15 Punkten:

  1. Es gibt in der Schweiz keine Inlandflüge mehr.
  2. Die elf Regionalflugplätze sind alle aufgehoben und die Landepisten renaturiert.
  3. Die Anzahl Flüge hat sich weltweit gegenüber heute halbiert. Herr und Frau Schweizer reduzieren um 75%. Sie fliegen heute doppelt so viel wie unsere Nachbarn in Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich und mehr als 10mal mehr als der Weltdurchschnitt.
  4. Billig-Airlines wie EasyJet gibt es nicht mehr. Flugtickets kosten mehr als doppelt so viel wie heute. Auf dem Kerosin werden weltweit erhebliche Steuern und Abgaben erhoben, die zum einen Teil an die Bevölkerung rückvergütet werden und zum andern Teil für Bau und Unterhalt von fossilfreien Verkehrsinfrastrukturen wie Fuss- und Velowege oder Tram- und Bahnangebote zur Verfügung stehen.
  5. Drei Viertel der Haushalte in Städten und Agglomerationen besitzen kein eigenes Auto mehr.
  6. Autofreies Wohnen ist zum Megatrend geworden.
  7. Es verkehren mehr Tram, Eisenbahnen und auch Nachtzüge in Europa.
  8. Das Verlagerungsziel der Güter am Gotthard ist übertroffen und im ganzen Land fand eine wesentliche Verlagerung der Gütertransporte von der Strasse auf die Schiene statt.
  9. Mehr als die Hälfte der Nutzfahrzeuge sind mit Wasserstoff-Elektro-Antrieb unterwegs.
  10. Die Distanzen zwischen Wohn-, Arbeits-, Einkauf- Freizeit und Ferienort haben sich wesentlich verkürzt.
  11. Die Menschen wählen das Verkehrsmittel in aller Regel klimabewusst. Folglich wird das (Sharing)-Auto nur dann gewählt, wenn mehrere Personen oder erhebliches Material transportiert werden muss.
  12. Die PW werden mit Batterien betrieben, die mit fossilfreiem Strom aufgeladen werden.
  13. Der Modalsplit der Verkehrswege hat sich so verändert, dass etwa 40% der Wege in Städten und Agglomerationen mit dem Velo oder E-Bike zurückgelegt werden.
  14. Stadt- und Ortszentren sind autofrei und innerorts hat sich Tempo 30 etabliert.
  15. Die Energie und somit auch der Transport werden wesentlich teurer sein als heute. Dadurch reduziert sich die Verkehrsmenge für Menschen und Waren. Durch Lenkungsabgaben mit Rückvergütungen an die Bevölkerung soll sparsamer Mobilitätskonsum belohnt werden.

Kommentar schreiben