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SEV und Peko besuchen Cargo-Teams im Jura

Fragwürdige Reorganisation

Die Aktion «SEV bi de Lüt» vom 10./11. Mai in der Westschweiz widmete sich besonders den Kollegen im Jura, die von der x-ten Reorganisation von SBB Cargo betroffen sind. Die neuste Restrukturierung wird von den Mitarbeitenden nicht verstanden, sie demotiviert sie.

Jean-Pierre Etique (Mitte) und Yannick Durand von der Peko hören die Kollegen in Delsberg an.

Die laufende Reorganisation bei SBB Cargo im Jurabogen stösst überall auf einhellige Ablehnung. Die rund 20 betroffenen Mitarbeitenden in Cornaux, Neuenburg, Reuchenette und Delsberg sollen auf den Fahrplanwechsel im Dezember in Biel zentralisiert werden, wie ihnen ihre Leitung vor kurzem mitgeteilt hat. Auch für die Vertreter von SEV und Personalkommission, welche die Cargo-Teams letzte Woche besuchten, ist dieser Entscheid unverständlich.

Erstes grosses Problem: die Sprache

Die französischsprachigen Rangierer und technischen Kontrolleure bzw. «Visiteure», wie sie lange hiessen, sind sich einig: Richtig zusammenarbeiten ist unmöglich, wenn man die Sprache des anderen nicht versteht. Die in Biel geplanten Arbeitsteams sollen zweisprachig sein. Was bereichernd sein kann, wird hier zum gefährlichen Handicap: «Neulich hätte ein Verständigungsproblem bei uns beinahe schlimme Folgen gehabt», erzählt man uns in einem Pausenraum. «Hätte sich einer unserer Kollegen nicht unter ein Fahrzeug gelegt, wäre es um ihn geschehen gewesen. Er und ein Deutschschweizer Kollege hatten sich missverstanden.»

Jean-Pierre Etique, zuständiger SEV-Gewerkschaftssekretär für SBB Cargo in der Westschweiz, kann gut nachvollziehen, «dass man unter solchen Bedingungen mit einem Knoten im Bauch zur Arbeit geht».

Das Team in Cornaux ist von der Chefin soeben schriftlich über die Reorganisation informiert worden.

Die Reorganisation wird aber nicht nur aus Sicherheitsgründen kritisiert, sondern auch, weil sie den Beruf unattraktiver macht. Heute leisten die Spezialisten der Regionalen Cargo-Produktion (RCP) an den vier Standorten eine vielfältige Arbeit. «In Biel soll ich wohl wieder Bremsschuhe legen wie vor 30 Jahren», befürchtet ein erfahrener Kollege voller Verdruss.

Mehr unproduktive Zeit

Die Mitarbeitenden haben Mühe, die Vorteile zu sehen, welche diese Reorganisation, die für sie undankbar und demotivierend ist, dem Unternehmen bringen soll. «Vor allem sollen wir die Arbeit neu in Biel antreten, um dann an unsere heutigen Standorte zu fahren, wo die Arbeit anfällt.» Von Biel nach Delsberg brauche man ca. 40 Minuten, ebenso für die Rückfahrt, sagt Jean-Pierre Etique. Oder von Biel nach Cornaux, wo täglich 6000 bis 11000 Tonnen Güter verladen werden, sind es 30 Minuten unnötige Wegzeit. Gegenüber den Kollegen haben die Cargo-Kunden, mit denen sie in engem Kontakt stehen, die Reorganisation mehrfach kritisiert. «Cargo wird Kunden verlieren, so viel ist sicher», sind die Teams überzeugt. Yannick Durand, Präsident der Peko Cargo Fläche Drei-Seen–Rhone–Tessin, erklärt, dass die Peko nur in groben Zügen über die Reorganisation informiert worden sei. «Eine solche Reorganisation hätte weder die Peko noch der SEV je akzeptiert!»

"SEV bi de Lüt" im Industriewerk Yverdon.

Die Restrukturierung zielt auch auf eine Rationalisierung bei den Ressourcen ab. «Die technische Kontrolle eines 300 Meter langen Zugs in Cornaux soll künftig nur noch ein Visiteur machen, statt zwei wie bisher», führt Jean-Pierre Etique aus. «Zudem sollen die Visiteure auch Aufgaben übernehmen, die bisher die RCP-Spezialisten erledigt haben, wie die Kontrolle vor der Abfahrt, die einen Gesamtüberblick über den Zug gibt, mit allen Angaben zu den verschiedenen Arten von Gütern, wo und wie diese genau geladen sind. Mit einer solchen Arbeitslast werden technische Kontrolleure, die ihre Arbeit gewissenhaft machen wollen, zu schwierigen Entscheiden gezwungen sein, die zu Verspätungen auf den Fahrplan führen können, die die Kunden verärgern. Der Zeitdruck könnte aber auch zur Freigabe gefährlicher Züge führen. Wir wollen kein zweites Daillens!»

Schlecht fürs Privatleben

Für viele Kollegen bringt der neue Arbeitsort Biel eine drastische Verlängerung des Arbeitswegs. Auch wenn die zusätzliche Fahrzeit im ersten Jahr als Arbeitszeit angerechnet wird, verschlechtert sich die Lebensqualität für jene, die nicht umziehen, erheblich, da sie die Früh- und Spätschichten noch schlechter mit dem Privat- und Familienleben vereinbaren können. Die meisten Betroffenen sind zudem über 50 Jahre alt, und manche müssen wegen des neuen Arbeitswegs ein Auto kaufen, worauf sie bisher verzichten konnten. «Dies, nachdem sie in den letzten Jahren laufend an Kaufkraft eingebüsst haben», gibt Jean-Pierre Etique zu bedenken. «Einige haben nicht mal den Führerausweis und sind denn auch sehr besorgt. Für sie ist der Wechsel nach Biel wirklich unmöglich. Manche sind langjährige Mitarbeitende, haben zum Teil über 30 Dienstjahre. Ihre Treue zum Unternehmen wird ihnen auf merkwürdige Art verdankt.»

SEV-Besuch im IW Yverdon.

SEV-Sektionscoach Baptiste Morier macht den Kollegen Mut: «Wenn ihr euch gemeinsam wehrt, werden euch die Vorgesetzten auf jeden Fall anhören müssen!»

Der SEV bleibt dran

Als erster Schritt fordert der SEV den CEO von SBB Cargo, Nicolas Perrin, in einem Brief auf, diese Reorganisation und den laufenden Abbau bei der regionalen Zustellung zu stoppen. Offenbar hat der Regionenleiter bereits angekündigt, dass die Bahnhöfe La Chaux-de-Fonds, Les Hauts-Geneveys und Col-des-Roches nicht mehr bedient werden sollen. Und wie steht es um die Laderampe für den Kombiverkehr in Delsberg-La Ballastière, die von der SBB soeben neu gebaut wurde?

Die Reorganisation von SBB Cargo wirft auch grundsätzliche Fragen auf: Welche Zukunft hat das Unternehmen, wenn es sich von den kleinen Kunden lossagt und seine Mitarbeitenden mit fragwürdigen Reorganisationen demotiviert? Werden so nicht immer mehr Güter auf die Strasse verlagert, obwohl das Volk das Gegenteil beschlossen hat, jedenfalls im Transit?

Vivian Bologna/Fi

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