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Branche Bus-Gatu lanciert Kampagne «10 Stunden Dienstschicht sind genug»

13 Stunden da, 7 Stunden bezahlt

Die Ergebnisse der Umfrage zur Gesundheit am Arbeitsplatz unter den im SEV organisierten Buschauffeurinnen und Buschauffeuren zeigen Folgen: Die Branchenversammlung Bus-Gatu des VPT hat grünes Licht gegeben für eine langfristige Kampagne mit dem Ziel, die Dienstschichten zu verkürzen.

Der sympathische Busfahrer mit dem markanten Schnurrbart ist das Markenzeichen der Kampagne.

Es war ein deutliches Resultat der Umfrage, die der SEV vor einem guten Jahr bei den organisierten Busfahrerinnen und -fahrern durchführte: 80 Prozent beklagten sich über die langen Präsenzzeiten. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Wegen der Verkehrsspitzen am Morgen und Abend braucht es dann jeweils am meisten Chauffeure. Die schwachen Zeiten dazwischen führen zu langen Arbeitsunterbrüchen, die aber meist nicht sinnvoll genutzt werden können.

Am Schluss eine AZG-Änderung

Die langen Dienstschichten sind gesetzlich zulässig; das Arbeitszeitgesetz (AZG) sieht als Grundsatz bis zu 12 Stunden zwischen Arbeitsantritt und -schluss vor. Es können jedoch Ausnahmen bis zu 15 Stunden vereinbart werden. In der zurzeit anlaufenden Revision des Arbeitszeitgesetzes wird von Arbeitgeberseite deutlich Druck für noch mehr Flexibilisierung der Arbeitszeit gemacht. Für Christian Fankhauser, Branchensekretär Bus-Gatu beim SEV, geht es denn auch nicht in erster Linie um eine Änderung der gesetzlichen Grundlagen: «Wenn überhaupt, dann steht die Anpassung des Arbeitszeitgesetzes erst ganz am Ende der Kampagne. »

Für den Branchenvorstand stehen zwei andere Punkte im Vordergrund: Es geht einerseits um eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, andererseits sind auch die eigenen Mitglieder angesprochen, indem die Kampagne zeigt, wie wichtig das Sozialund Familienleben sind.

Langer Atem nötig

«Als die Bauarbeiter erstmals von der Pensionierung mit 60 Jahren sprachen, wurden sie auch ausgelacht», betont Christian Fankhauser. Diese Kampagne brauchte fast zehn Jahre, bis sie zum Ziel führte. Ob der SEV auch einen so langen Atem brauchen wird, wird sich zeigen. Sicher ist aber, dass es eine Forderung ist, die nicht von heute auf morgen realisierbar ist.

Das zeigte sich auch klar an der Branchenversammlung in Olten. Zwar war das Anliegen unbestritten, aber zahlreiche Stimmen wurden laut, die auf die Umstände hinwiesen, die zu den langen Dienstschichten führen. «Das können sich die Unternehmen doch gar nicht leisten », war eine mehrfach geäusserte Einschätzung. Aber Christian Fankhauser rief die Anwesenden dazu auf, nicht die eigenen Bedürfnisse hinter jene des Unternehmens zu stellen. «Die Unternehmen haben auch ein Interesse an zufriedenem Personal», stellte er fest. «Wir sehen es ja alle, dass Leute wieder zurück in den Lastwagenberuf gehen, weil sie die langen und unregelmässigen Arbeitszeiten nicht ertragen!»

Von früh bis spät beim Bus

Die Kampagne des Cartoon- Zeichners Pierre Vazem und des Grafikers Vincent Fesselet zeigt in neun einfachen Bildern den Alltag eines Busfahrers: Er sitzt schon hinter dem Steuer, während seine Kinder noch schlafen. Nach dem dichten Morgenverkehr macht er eine Pause, bevor er sich am Mittag wieder in den Verkehr einfügt. Es folgt eine weitere – lange – Pause; während die Kinder aus der Schule nach Hause kommen und die Sonne bereits langsam untergeht, stehen Bus und Chauffeur irgendwo im Feld und warten auf den Einsatz in der Abendspitze. Zuhause werden Hausaufgaben gemacht und zu Abend gegessen, doch bis der gutmütige Buschauffeur heimkommt, sind die Kleinen bereits wieder im Bett.

Morgens hin, abends her

Die langen Präsenzzeiten fallen auf: «Wir hören oft von Reisenden: ‹Was, du bist auch wieder da!›, wenn wir sie sowohl morgens als auch abends chauffieren», betonten verschiedene Fahrer.

Der Comic soll als Plakat hergestellt und an guten Kundenlagen ausgehängt werden. Gleichzeitig mit der Sensibilisierung der Kundschaft soll auch eine Diskussion in den Unternehmen aufgenommen werden.

Wenn es gelingt, das Thema in den Betrieben aufzugreifen, geht es darum, Verbesserungen in den Gesamtarbeitsverträgen festzuschreiben. «Das ist gewerkschaftliches Handeln», hält Christian Fankhauser fest. «Wir greifen ein Thema auf, das von unsern Mitgliedern als grosses Problem genannt wird, und suchen nach Lösungen, die wir mit den Unternehmen vereinbaren.»

Er rechnet damit, dass sowohl langer Atem als auch Druck vom Personal und wenn möglich von den Kundinnen und Kunden nötig sind, um Fortschritte zu erzielen. Der nette Schnauzträger wird den SEV und seine Mitglieder auf diesem langen Weg begleiten.

Peter Moor

Was meinen die Betroffenen?

Igor Sassi, Verkehrsbetriebe Lugano

Igor Sassi
Ich finde es den richtigen Weg; kürzere Dienstschichten bedeuten mehr Zeit für Familie und Hobbys. Wenn man es wirklich will, ist es auch umsetzbar, da bin ich sicher. Aus meiner Sicht ist es sowohl erwünscht als auch machbar.

Michel Langenegger, Zugerland Verkehrsbetriebe

Michael Langenegger
Eine Dienstschicht von 10 Stunden halte ich für unrealistisch. Die Unternehmen können das nicht bezahlen! Bei einem Betrieb wie dem unsern – mit Stadtverkehr, Landverkehr, Berglinien und Schiffen – lässt es sich nicht einheitlich regeln. Aber ich unterstütze die Kampagne als Signal: Als Zeichen gegen die Forderungen nach zusätzlicher Flexibilisierung halte ich sie absolut für nötig.

Daniel Dumas, Verkehrsbetriebe Fribourg

Daniel Dumas
Ich finde die Idee der Kampagne interessant; es ist richtig, die Kundschaft über unsere langen Präsenzzeiten zu informieren. Entscheidend für die Umsetzung ist aber, ob es durchgehend gleichmässig Arbeit hat. Das ist eine Frage des politischen Willens; es hängt davon ab, welche Leistungen bestellt werden. Wenn es nicht gleichmässige Belastungen gibt, führen kürzere Dienstschichten zu mehr Arbeitstagen, und das wäre kontraproduktiv: Freie Tage sind fürs Familienleben wichtiger!

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