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Gespräch zum Jahresbeginn mit Giorgio Tuti

«Wir lassen keinen Abbau bei Lohn und Rente zu»

Zum Jahreswechsel blicken wir mit SEV-Präsident Giorgio Tuti zurück auf ein ereignisreiches Jubiläumsjahr 2019 und sprechen über die Themen und Herausforderungen, die uns 2020 als Gewerkschaft beschäftigen werden.

SEV-Zeitung: 2019 feierte der SEV sein 100-jähriges Jubiläums – schon allein deshalb ein ereignisreiches Jahr. Was waren deine schönsten Momente?

Giorgio Tuti: 2019 war ein wahnsinnig befrachtetes Jahr. Denn zusätzlich zum Tagesgeschäft, also zusätzlich zu den GAV-Verhandlungen, den vielen Verhandlungen mit Sozialpartnern, den verkehrs- und sozialpolitischen Fragestellungen, kamen noch der Kongress und das 100-jährige Jubiläum. Über Arbeit konnten wir uns dementsprechend nicht beklagen. Es hat die Organisation von der Arbeitslast her ziemlich an ihre Grenzen gebracht. Trotzdem blicken wir voller Genugtuung, Freude und Stolz zurück. Von der Feier am 3. Juni mit Bundesrätin Sommaruga und vielen Gästen, über die Bustour bis hin zum Fest am 30. November: Was hier alles geleistet wurde, und in welcher Qualität, darauf kann man wirklich stolz sein. Ich möchte auch nochmals die Gelegenheit nutzen und den vielen Menschen Danke sagen, die zum Gelingen beigetragen haben. Ein Highlight waren auch die vielen Treffen und Begegnungen mit unseren Mitgliedern auf der Bustour – auch mit solchen, die man sonst weniger sieht. Das hat mich persönlich besonders gefreut.

Und hinsichtlich des Tagesgeschäfts: Wie sieht da deine Bilanz für 2019 aus?

Die Gewerkschaft ist da, um die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern. Dazu haben wir 2019 viel beigetragen: Wir haben Gesamtarbeitsverträge erneuert und verbessert – und damit auch die Anstellungsbedingungen. Zudem haben wir uns durch die Planung und Durchführung der Grossanlässe auch als Organisation weiterentwickelt und gestärkt.

Es gab 2019 aber auch schwere Momente…

Ja, der Todesfall unseres Kollegen Bruno im August hat die ganze Organisation erschüttert. Die Gedenkminute in Zürich – das war ein sehr schwieriger Moment für uns alle. Und das gleichzeitig mit einem geplanten Festakt zum 100-jährigen Jubiläum. Hier haben nicht nur die Organisation, sondern auch die Kolleg/innen in Zürich viel Fingerspitzengefühl bewiesen.

Der tragische Unfall zog viele Fragen und Diskussionen nach sich, die uns wahrscheinlich auch 2020 beschäftigen werden.

Wir mussten die grundsätzliche Frage stellen, was eigentlich die Aufgaben der Unternehmungen im öV sind: Sehr gute sowie sichere Dienstleistungen für die Bevölkerung zu angemessenen Preisen, erbracht durch motiviertes, gut ausgebildetes Personal mit anständigen Anstellungsbedingungen – das sind die Kernaufgaben. Und dieses Kerngeschäft müssen die Transportunternehmen im Griff haben.

Wir werden eine Diskussion um den Service public führen müssen, in der sich die Unternehmungen wieder auf ihren eigentlichen Auftrag zurückbesinnen müssen. Und alles andere, wie etwa Reorganisationen à gogo, soll warten, bis dieser Auftrag wieder erfüllt wird.

Was bedeutet dies für unsere laufenden Gespräche mit der SBB?

Wir werden weiter fordern, dass die SBB alle diese Reorganisationen und alles stoppt, was hinderlich ist, um ihre Kernaufgaben zu erfüllen. Man kann die Entwicklungen und die Zukunft zwar nicht vernachlässigen, aber man kann diese erst in die Finger nehmen, wenn man das Kerngeschäft in der Gegenwart beherrscht. Und das ist im Moment nicht der Fall.

Was sind die weiteren Schwerpunkte fürs Jahr 2020?

Vertragspolitisch müssen wir da weiterfahren, wo wir 2019 aufgehört haben: Wir werden alles daransetzen, dass wir flächendeckend in allen Unternehmen des öV Gesamtarbeitsverträge haben. Wir werden GAV erneuern, verbessern und neue GAV abschliessen. Das ist das Filetstück unserer Arbeit, unsere Haupttätigkeit.

Daneben gibt es 2020 bewegungspolitisch Momente, bei denen wir aktiv werden müssen. Der erste steht schon bald vor der Tür: Zu den guten Lebens- und Anstellungsbedingungen gehören auch die Renten. Im SGB haben wir uns für die Lancierung der Initiative für eine 13.AHV-Rente eingesetzt. Die Unterschriftensammlung startet im Frühling. Der SEV wird zusammen mit den Unterverbänden und Sektionen einen tatkräftigen Beitrag leisten, dass wir unsere Quote erfüllen und die nötigen Unterschriften schnell zusammenkommen.

Gibt es weitere solche Momente?

Nicht zu knapp: Am 15.Mai hat die Klimajugend zum «Strike for Future» aufgerufen. Diesen wird der SEV unterstützen. Im Zusammenhang mit dem Frauenstreik 2019 wird es um den 14. Juni herum Aktionen geben, bei denen auch der SEV seinen Teil beiträgt. Und wir wollen auch an der SGB-Demo im September sicht- und hörbar sein.

2019 gab es Angriffe auf die GA FVP. Wie geht es hier weiter?

Wir werden weiterhin jegliche Art von Angriff bekämpfen. Historisch gesehen ist das FVP ein Lohn- respektive Rentenbestandteil und kein Goodie. Und wir werden keinen Abbau bei Lohn und Rente zulassen.

Auch 2020 hat sich der SEV bei der Mitgliederwerbung viel vorgenommen. Wie gehen wir hier vor?

So wie die öV-Unternehmungen haben auch wir das Problem, dass die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Deshalb müssen wir es zustande bringen, die neuen, jüngeren Mitarbeitenden zu rekrutieren. Wir bleiben beim bewährten Prinzip «Mitglied wirbt Mitglied», werden aber zur Unterstützung vermehrt auch mit Gewerkschaftssekreträr/innen in der Fläche präsent sein.

Es muss uns gelingen, die Jungen überdurchschnittlich gut für den SEV zu gewinnen, um die entsprechenden Organisationsgrade in den Unternehmungen zu halten oder gar auszubauen. Das ist das A und O für eine starke Verhandlungsposition.

Elisa Lanthaler

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Nationale Abstimmungen: Zweimal Ja am 9. Februar

Bezahlbare Wohnungen und Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, das sind die beiden Themen, über die das Schweizer Stimmvolk am 9. Februar entscheidet. Der SEV unterstützt beide Vorlagen.

Die Rassismus-Strafnorm soll um das Kriterium der sexuellen Orientierung erweitert werden und somit auch lesbische, schwule und bisexuelle Menschen schützen (mehr dazu unten).

Die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» will Bund und Kantone dazu bewegen, den Bau preisgünstiger Wohnungen verstärkt zu fördern. Gesamtschweizerisch sollen mindestens 10 Prozent der neu gebauten Wohnungen gemeinnützig sein. Das heisst, sie gehören Organisationen, die keinen Profit anstreben. «Die Initiative geht das Problem an der Wurzel an», sagt SEV-Präsident Giorgio Tuti. Gemeinden sollen prioritären Zugang zu Grundstücken für den gemeinnützigen Wohnbau erhalten. Denn was man für die Wohnung zahlt, hängt ganz entscheidend davon ab, wem die Wohnung gehört: Schuld am überteuerten Wohnungsmarkt sind Immobilien-Spekulanten: Sie jagen rücksichtslos hohen Renditen nach. «Solche Spekulationen bringen nichts anderes, als die Mietpreise für Junge oder Familien unbezahlbar zu machen», so Giorgio Tuti. Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen geben jeden Monat zwischen 25 und 35 Prozent davon für die Miete aus, was für viele nicht mehr tragbar ist.

Giorgio Tuti antwortet: Schluss mit Hetze und Hass

Am 9. Februar stimmen wir über den Diskriminierungsschutz für lesbische, schwule und bisexuelle Menschen ab. Warum ist das auch für den SEV ein wichtiges Thema?

Bei der Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm geht es darum, Hetze gegen Lesben, Schule oder Bisexuelle zu bekämpfen – so wie bereits heute nicht zu Hass aufgrund der Religion oder der Hautfarbe aufgerufen werden darf.

Es ist klar, dass wir die Vorlage unterstützen. Das ergibt sich schon alleine aus dem Leitbild des SEV. Darin fordern wir die Gleichstellung, ungeachtet des Geschlechts, des Alters, der Nationalität, des kulturellen und religiösen Hintergrunds – und auch der sexuellen Orientierung. Zudem vertreten wir eine konsequente Haltung gegen jede Art von Diskriminierung.

Diskriminierung findet dort statt, wo die Leute ihre Zeit verbringen, und deshalb eben oft auch am Arbeitsplatz. LGBTI-Personen sind davon besonders betroffen: Hänseleien, obszöne Bemerkungen und soziale Ausgrenzungen sind im Beruf leider an der Tagesordnung.

Diskriminierung kann aber auch darüber hinausgehen, wenn zum Beispiel Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung eine Kündigung erhalten oder ihnen die Anstellung verweigert wird. Hier kann der erweiterte Strafnorm-Artikel ansetzen und für die Betroffenen endlich eine rechtliche Handhabe schaffen, um sich gegen solche missbräuchliche Praktiken zu wehren.

Es kann nicht sein, dass Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt werden und man zulässt, dass dieser Hass sogar noch gefördert wird. Hier muss man den Riegel schieben.

Die Abstimmung vom 9. Februar hat grosse Signalwirkung. Und wir sagen klar: Ja zum Schutz vor Hass!

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