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Lokpersonal-Ausbildung

Eng zusammen im Führerstand trotz Corona

Drei Wochen nach dem Lockdown-Beginn wollte die Rhätische Bahn die praktische Lokführerausbildung in den Führerständen schon wieder aufnehmen. Der Alleingang sorgte beim Lokpersonal für Verunsicherung. SBB und BLS liessen sich mehr Zeit.

RhB-Lokführer Patrick Cavelti.

Schon in der Woche vor Ostern wollte die RhB wieder mit dem begleiteten Fahren beginnen. Die Kantonsärztin gab grünes Licht mit der Auflage von Schutzmasken, Schutzbrillen und Hygienemassnahmen (Händewaschen und Desinfizieren des Arbeitsplatzes). Manche Lokführer befürchteten aber, sich im engen Schmalspur-Führerstand trotzdem anzustecken, und wandten sich an ihre SEV-Sektion, die einen Aufschub bis Ostern bewirkte, sowie direkt an die Suva. Diese hielt in ihrer ersten Stellungnahme fest, dass bei einem Sicherheitsabstand von weniger als zwei Metern trotz Schutzmaske höchstens zwei Stunden pro Tag zusammengearbeitet werden dürfe. So verzichtete die RhB auf das begleitete Fahren, bis die Suva später zum neuen Schluss kam, dass doch eine ganze Dienstschicht möglich sei. Sie liess die Wahl zwischen einer normalen Hygienemaske, die nach maximal vier Stunden zu wechseln ist, und einer Maske mit höherer Schutzwirkung. So nahm die RhB das begleitete Fahren am 27. April wieder auf. Patrick Cavelti, RhB-Lokführer und Ressortleiter RhB im LPV-Zentralvorstand, versteht durchaus, dass die zurzeit rund 30 Lokführer-Anwärter und Umschuler (sie haben schon bei einer anderen Bahn Loks geführt) möglichst bald gebraucht werden wegen dem knappen Personalbestand und dem Leistungsausbau. «Trotzdem kam es beim Personal nicht gut an, dass die RhB allein so früh vorpreschte. Die Bahnen müssten sich in solchen Dingen absprechen», findet Cavelti.

Zudem fragt er sich, wie viele Kollegen, weiterhin: «Kann eine Maske eine Covid-19-Übertragung verhindern, wenn wir den ganzen Tag so eng zusammen sind? Vielleicht könnten wir ebenso gut darauf verzichten, zumal jedem Lokführer-Anwärter zwei Lehrlokführer fest zugewiesen sind. Damit gehören wir gegenseitig quasi zur Familie.» Doch diese Maskenpflicht gilt auf den Führerständen der RhB vorerst weiterhin, gemäss Schutzkonzept der Branche.

Bei der SBB sei ein «Göttisystem» wie bei der RhB leider nicht möglich, bedauert Hans-Ruedi Schürch, SBB-Lokführer und Zentralpräsident LPV. Darum findet er die Maske schon wichtig. «Sie verhindert auch, dass man sich mit den Händen ins Gesicht fasst. Ich trage daher auch Handschuhe. Und zum Desinfizieren des Führerstandes muss man sich die nötige Zeit bei jeder Übergabe nehmen.» Die Schutzmassnahmen seien gemeinsam mit dem Personal und seinen Vertreter/innen erarbeitet worden.

Die SBB hat am 11. Mai wieder mit dem begleiteten Fahren begonnen und dafür freiwillige Lehrlokführer gesucht. Hans-Ruedi Schürch hat sich gemeldet, weil er es sehr wichtig findet, «dass die praktische Ausbildung weitergeht. Denn die Pensionierungen gehen trotz Corona weiter… Wir haben beim SBB-Lokpersonal nach wie vor einen Unterbestand und schieben eine ‹Bugwelle› von über 100 Mannjahren an nicht bezogenen Freitagen, Jahresarbeitszeit und Überzeit vor uns her. Die Anwärter, die mit der Ausbildung fast fertig sind, müssen rasch abschliessen können, und die anderen müssen auch wieder fahren können», sagt Schürch. Denn E-Learning allein reiche nicht. «Das Gefühl für eine Strecke bekommt man nur im Führerstand.»

Auch bei der BLS hat die Ausbildung im Führerstand am 11. Mai wieder begonnen, mit dem gleichen Schutzkonzept wie bei der SBB, wie René Knöpfel, BLS-Lokführer und Präsident des SEV-LPV BLS erklärt. Wegen der Maske habe er bisher kaum Reaktionen erhalten. Ansteckungsgefahr ortet er vor allem in überfüllten Pausenräumen. Bei der BLS verpflichten sich Lokführende vertraglich zum Ausbilden. «Falls sie einer Risikogruppe angehören oder ihre Partnerin bzw. ihr Partner zum Beispiel in einem Altersheim arbeitet, dann hat die Leitung sicher Verständnis, wenn sie vorläufig keine Anwärter/innen mehr nehmen», sagt René Knöpfel. Er befürchtet, dass Lokführer-Anwärter in Geldnot kommen könnten, wenn ihre Ausbildung nun wegen Corona länger dauert. «Dafür müssen die Arbeitgeber hellhörig sein.»

Markus Fischer
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