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Schifffahrt

Lago Maggiore: Auf Kurs mit einem GAV

Der GAV wurde nach unzähligen Verhandlungsrunden mit der Direktion der SNL (Società navigazione del lago di Lugano), einem eintägigen Warnstreik und fünf Sitzungen vor dem kantonalen Einigungsamt unter dem Vorsitz von Staatsrat Christian Vitta paraphiert. Nach einstimmiger Annahme durch das Personal und den SNL-Verwaltungsrat kann der Vertrag nun am1. Januar 2019 in Kraft treten. Er gilt für drei Jahre und kann verlängert werden.

Die streikenden NLM-Schiffsleute im Sommer 2017. Einige arbeiten heute anderswo, doch für die Mehrheit ist der GAV eine solide Basis für die Zukunft. (Foto: Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Sagen wir es gleich: Wir haben nicht alles erreicht, was wir wollten, aber mehr war objektiv betrachtet nicht zu erreichen. Das wissen die Mitarbeitenden der Ex-NLM (Navigazione Lago Maggiore) selber am besten. Als sie den GAV einstimmig annahmen, waren sie sich bewusst, dass der Vertrag durch ein Einigungsverfahren und nicht durch normale sozialpartnerschaftliche Verhandlungen erzielt wurde. Und ein Nein hätte für das Personal allzu nachteilige Folgen, nämlich die Anwendung des auf dem Luganersee geltenden Firmenreglements sowie einen Ausschluss der Gewerkschaften aus dem sozialpartnerschaftlichen Dialog.

Geschlossenheit der Schiffsleute

Zu diesem vielmonatigen Arbeitskampf gilt es rückblickend ein paar Dinge festzuhalten. Erstens war es nur dank der Geschlossenheit der ehemaligen NLM-Angestellten möglich zu erreichen, dass dieses Jahr für all jene, die bleiben wollten, weiterhin ein Arbeitsplatz garantiert war, und zwar zum bisherigen Lohn für das ganze Jahr 2018. Zweitens hat die ungebrochene Solidarität der Ex-NLM-Schiffsleute im turbulenten 2018 einen GAV ermöglicht, der sicherlich besser ist als das Firmenreglement der SNL. Letzteres wird übrigens in einigen Punkten verbessert, und zwar dank dem Kampf der Kolleg/innen vom Lago Maggiore. Auch dieses indirekte Ergebnis sollte zu denken geben. Das Wichtigste aber ist, dass die Schiffsleute in aller Öffentlichkeit ununterbrochen unter Beweis gestellt haben, dass die Arbeitsplätze und die Anstellungsbedingungen verteidigt werden können und müssen. Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten.

Die Ex-NLM-Schiffsleute haben sich nie von jemandem instrumentalisieren lassen, erst recht nicht von politischen Lagern oder sonstigen Bewegungen, die ihre kompakte Gruppe in verschiedenen Phasen des Kampfes in ihre Richtung lenken wollten. Sie haben an ihren Versammlungen autonom entschieden. Zur Seite gestanden sind ihnen von Anfang an die Gewerkschaften SEV, Unia und OCST. Auch sie haben sich zusammengerauft und sich für ihre Mitglieder gemeinsam eingesetzt. Zwischen ihren Gewerkschaftssekretär/innen hat sich eine Freundschaft entwickelt, die weit über ein gewerkschaftliches Zweckbündnis hinausgeht.

Eine unendliche Geschichte

Dass ein GAV ausgehandelt werden muss stand schwarz auf weiss in der Vereinbarung, die die Gewerkschaften und der Tessiner Staatsrat im Juli 2017 unterzeichneten, um den Streik zu beenden. Allerdings startete das neue «Konsortium» für den Schiffsbetrieb im schweizerischen Teil des Lago Maggiore unter Leitung der SNL nicht wie ursprünglich geplant im Januar, sondern erst im Frühling. Sofort danach ersuchten die Gewerkschaften die SNL, mit den GAV-Verhandlungen zu beginnen. Dabei waren den Mitarbeitenden und Gewerkschaften zwei Themen besonders wichtig: Lohnfragen und der Schutz der Saisonniers. Die Verhandlungen gestalteten sich im Frühling und Sommer gelinde gesagt sehr intensiv und fordernd und führten praktisch zu keinem konkreten Resultat. Dies trotz einem eintägigen Warnstreik am 3.Juli. Deshalb stellten die Gewerkschaften im September den Antrag, das kantonale Einigungsamt einzuschalten. Daraufhin folgten intensive Verhandlungen mit der SNL und fünf Sitzungen vor dem Einigungsamt unter Leitung von Staatsrat Christian Vitta. Die letzte Einigungsverhandlung fand am 22.November statt, und die Personalversammlung stimmte dem Verhandlungsergebnis am 4.Dezember zu. Ihr einstimmiges Ja zeigt, dass die Betroffenen klar hinter dem GAV stehen.

Die Personalversammlung unterstrich aber auch ihr Bedauern über die zu tiefen Lohnniveaus, die für das Personal gegenüber heute erhebliche Lohneinbussen bewirken und durch die vereinbarten Übergangsbestimmungen nur teilweise gemildert werden. Doch insgesamt beurteilten Gewerkschaften und Personalversammlung das Resultat als zufriedenstellend und dankten Staatsrat Christian Vitta für sein Engagement im Rahmen des Schlichtungsverfahrens vor dem kantonalen Einigungsamt.

Wie geht es weiter?

Gewerkschaften und Personal sind wie die SNL-Direktion überzeugt, dass die GAV-Unterzeichnung bestmögliche Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der Schifffahrt auf dem Lago Maggiore schafft, im Interesse aller Beteiligten, des Tourismus und der Bevölkerung. Dieser möchten wir im Namen des Personals für die mehrmalige Unterstützung in den letzten Monaten nochmals herzlich danken.

Angestellte und Gewerkschaften sind sich voll bewusst, dass der GAV vor allem eine Basis ist, auf der man aufbauen kann und muss mit dem Ziel, die Anstellungsbedingungen bei den nächsten Verhandlungen zu verbessern.

Die öffentliche touristische Schifffahrt auf den Tessiner Seen kann sich kaum selber finanzieren. Der mit dem See verbundene Tourismus bleibt ein wichtiger Pfeiler der Tessiner Wirtschaft. Seiner Bedeutung muss man sich ebenso bewusst sein wie der Schwierigkeiten, die dafür nötigen Schiffsverbindungen zu finanzieren. Diese Aufgabe zu lösen gehört zu einer verantwortungsvollen, weitsichtigen Politik.

Angelo Stroppini

Der GAV in Kürze

Der GAV betrifft nur die SNL-Angestellten, die auf dem Lago Maggiore arbeiten. Für die SNL-Angestellten auf dem Luganersee gilt weiterhin das SNL-Firmenreglement. Die Laufdauer des GAV beträgt drei Jahre und kann verlängert werden.

Den Ex-NLM-Angestellten werden die Dienstjahre bei der bisherigen Arbeitgeberin angerechnet. Während einer Übergangszeit von drei Jahren sinkt die Wohnortzulage der 18 Ex-NLM-Angestellten stufenweise, indem ihr Einkommens- verlust aus einem Fonds abgefedert wird: 2019 mit insgesamt 22 000 Franken, 2020 mit 16 000 Franken und 2021 mit 10 000 Franken.

Der Lohn der Schiffsleute auf dem Langen- und Luganersee entwickelt sich auf der Basis der SNL-Lohnskala wie folgt:

  • 1. Januar 2019 +2%,
  • 1. Januar 2022 +1%,
  • 1. Januar 2023 +2%.

Diese Anpassungen erfolgen zu Konditionen, wie sie im Einigungsverfahren vereinbart wurden.

Punkto Arbeitszeit gilt ab 1. Januar 2019 für den Langen- und den Luganersee die 42-Stundenwoche. Zudem sind 90 arbeitsfreie Tage (Freitage und Kompensationstage) garantiert, gegenüber 86 im heutigen Firmenreglement. Die Parteien haben vereinbart, Verhandlungen zu führen mit dem Ziel, dass ab 2021 mindestens 96 Frei- und Kompensationstage garantiert sein sollen.

Der GAV regelt auch das Schiedsgericht, die betriebliche Mitwirkung und, in einem speziellen Reglement, den Schutz der Saisonangestellten.

 

Der GAV ist ein Neuanfang

Editorial von Barbara Spalinger, Vizepräsidentin SEV

Der Weg hat mit einem Streik im Juni 2017 angefangen und war weit. Viele Auseinandersetzungen und eine aufwendige Verhandlung haben nun, im Dezember 2018, zu einem GAV geführt. Ein wichtiges Ziel ist erreicht, garantiert doch ein GAV schwarz auf weiss klare Bedingungen, die für Mitarbeitende in der Schifffahrt wichtig sind.
Es war alles andere als einfach. Aber der SEV, in erster Linie Gewerkschaftssekretär Angelo Stroppini, hat das Ruder fest in der Hand behalten, auch als die Wellen hoch schlugen. So wurde es nötig, das kantonale Einigungsamt einzuschalten, um die Differenzen zwischen Gewerkschaft und Unternehmung zu bereinigen.
Der Blick zurück zeigt auf: Zwanzig Streiktage. Die Entschlossenheit der Streikenden. Die ständige Begleitung durch den SEV auch hinter den Kulissen. Die Solidarität der Bevölkerung. Die Einmischung der Politik. Alles schwierige und kräfteraubende Momente. Aber die ganz harte Arbeit kam erst nach dem Streik: Der Übergang vom Opponieren zum Verhandeln, dies in oft mühsamen Umständen. Genau hier zeigt sich aber die Stärke des SEV. Mit seiner Erfahrung, seinem Wissen – beispielsweise über das AZG – , seiner Nähe zu den Mitgliedern und seiner Entschlossenheit, diese Mitglieder zu verteidigen, hat er es zusammen mit OCST und Unia geschafft.
Der Abschluss und die Weiterentwicklung von GAV ist das wichtigste Kerngeschäft des SEV, was nicht nur in seinen vom Kongress verabschiedeten Positionspapieren gilt.
Und ist ein GAV dann einmal abgeschlossen, ist dies ein Neuanfang. Für das Personal des Lago Maggiore bedeutet dies nach eineinhalb Jahren Unklarheit Ruhe und Sicherheit. Und für den SEV bedeutet es: klare Verhältnisse (die natürlich zu begleiten sind), aber auch einen Moment innehalten und stolz sein dürfen.

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