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Von Pensionskassensanierung bis GAV-Verhandlungen: Bei der SBB türmen sich die grossen Geschäfte

«Wir wollen nicht ein modernes, sondern ein gerechtes Lohnsystem»

Vizepräsident Manuel Avallone spricht im Interview über die grossen Brocken, die das Umfeld der SBB belasten. Er beurteilt den Umgang der SBB mit den Gewerkschaften als problematisch und sieht eine Radikalisierung der Sozialpartnerschaft, was der Sache nicht diene.

Vizepräsident Manuel Avallone an der Frauendemo vom 13. März

kontakt.sev: Die Botschaft des Bundesrats zur Pensionskasse, das Lohnschiedsgericht: in den letzten Wochen hat sich einiges geklärt. Bist du erleichtert?

Manuel Avallone: Nein, bin ich nicht. Viel hat sich nicht geklärt: Die Botschaft zur Pensionskasse kommt nun ins Parlament, aber der Inhalt dieser Botschaft gefällt uns gar nicht. Beim Lohnschiedsgericht liegt ein Entscheid vor, der aber nicht in unsern Sinn ist: Die Zahlung ist nicht nachhaltig. Während die Mitarbeitenden einen Kaufkraftverlust hinnehmen müs- sen, freut sich das Management auf seine Boni, das ist doch pervers!

Also ab der Traktandenliste, aber nicht erledigt?

Bei der Pensionskasse bleibt eine grosse Belastung. Da steht uns weiterhin viel Arbeit bevor.

Was beschäftigt dich zurzeit am meisten?

Ganz generell der Umgang mit der SBB. Wir stellen fest, dass dieser sich verändert hat. Die SBB fährt eine harte Linie. Viele der Leute in den Führungsetagen sind neu zur SBB gestossen, kennen die gelebte Sozialpartnerschaft nicht. Sie haben das Gefühl, dass ihre Sicht der Dinge die einzig richtige ist. So werden beide Seiten radikaler, und ich glaube nicht, dass das der Sozialpartnerschaft dient.

Nun trittst du mit einem Forderungskatalog an die SBB heran. Was ist das Hauptanliegen?

Das Umfeld ist geprägt von Sparprogrammen und von den Forderungen des Unternehmens: Es braucht vom Bund Milliarden für Pensionskasse, Netzunterhalt und Infrastrukturausbau. Es entsteht ein riesiger Spardruck auf die SBB, der dann aufs Personal hinabgebrochen wird; letztlich leiden die Anstellungsbedingungen darunter. Mit unserem Forderungskatalog lancieren wir eine Gegenoffensive: Aufbau statt Abbau! Wir erwarten, dass das Personal gut aus- und weitergebildet wird, damit es auf neue Herausforderungen ausgerichtet ist. Es geht darum, das Know-how im Unternehmen zu erhalten. Wir fordern zudem die SBB auf zu prüfen, ob sie gewisse Arbeiten, die heute von Dritten gemacht werden, nicht besser selbst, mit eigenem Personal macht. Weiter erwarten wir, dass Leute mit beschränkter Leistungsfähigkeit bei der SBB weiterhin Platz haben. Im Sinn der integrierten Unternehmung verlangen wir zudem Durchlässigkeit bei der beruflichen Mobilität; weshalb soll nicht ein Rangierer Zugbegleiter werden können? Wir wollen mit der SBB ins Gespräch kommen. Diese Themen sind auch für uns als Gewerkschaft eine grosse Herausforderung.

Wie steht die SBB zu diesen Forderungen?

Sie ist diesen Themen nicht abgeneigt. Aber es darf nicht bei Gesprächen bleiben, sondern sie muss handeln, konkret und sichtbar. Wir wollen als Sozialpartner unser Wissen und Können dabei durchaus einbringen.

In der Öffentlichkeit sieht man die SBB im Moment als Bittstellerin: Sie braucht Geld für die Pensionskasse, hat den Netzunterhalt vernachlässigt, will neue Strecken bauen und verlangt höhere Tarife. Wo hat da die Forderung nach zusätzlichem Personal Platz?

Die SBB hat Hemmungen, entschlossen aufzutreten und klar zu machen, dass sie dieses viele Geld wirklich braucht. Sie macht sich «arm», auch mit dem Ziel, dem Personal ein schlechtes Gewissen zu machen und in der Öffentlichkeit Verschlechterungen auf dem Buckel des Personals zu rechtfertigen. Das ist die Logik der Unternehmung. Unsere ist differenzierter. Wir sind überzeugt, dass sich die Öffentlichkeit immer noch sehr stark mit der SBB identifiziert. Wenn ich sage mit der SBB, sind das Produkt und die Mitarbeitenden gemeint. Die Öffentlichkeit hat grossen Respekt vor den Leistungen der Eisenbahnerinnen und Eisenbahner. Das Ansehen des Managements hingegen ist schlecht, nicht zuletzt aufgrund von Bonidiskussionen, die heutzutage schlicht und einfach unpassend sind. Das Top-Management unterlässt keine Gelegenheit, um in Fettnäpfe zu treten. Ob das eine Strategie ist oder schlicht Unsensibilität, kann ich nicht beantworten.

Du hast seit Monaten darauf hingewiesen, dass in diesem Umfeld kein Platz ist für GAV-Verhandlungen. Die SBB scheint zum Einlenken bereit unter der Bedingung, dass die Verhandlungen über das Lohnsystem aufgenommen werden. Ist das ein gangbarer Weg?

Das ist ein vernünftiger Ansatz. Unsere ursprüngliche Idee war ja, die gesamten GAV-Verhandlungen um ein Jahr zu verschieben. Ich habe das Umfeld schon angesprochen: Pensionskasse, Infrastruktur – was wir bisher nicht erwähnt haben: Cargo, wo noch viel auf die Leute zukommen wird. Da ist Konfliktpotenzial vorhanden, das nicht zu unterschätzen ist. In dieser Situation den ganzen GAV verhandeln zu wollen, scheint uns falsch. Der GAV ist fürs Personal in dieser Zeit der einzige sichere Wert. Die Anstellungsbedingungen sind das Fundament, auf dem sie arbeiten. Würde man diese jetzt auch noch zur Diskussion stellen, wäre es zu viel. Deshalb scheint es uns sinnvoll, vorerst einmal während einem Jahr das Lohnsystem zu verhandeln. Wir haben selbst ja auch Forderungen ans Lohnsystem: Wir wollen nicht ein modernes Lohnsystem, sondern ein gerechtes. Wenn die Verhandlungen erfolgreich sind, gibt es eine Einigung zum Lohnsystem und zur weiteren Laufdauer des gesamten GAV. Das wird ein sehr steiler und nicht einfacher Weg.

Allgemein erwartet man beim Personal, dass die SBB mit einem neuen Lohnsystem Einsparungen machen will. Kannst du die Leute beruhigen?

Nein! Wir kennen diese Haltung der SBB: Sie findet, die untersten Funktionsstufen verdienen zu viel, die mittleren angemessen und die obersten zu wenig. Sollte die SBB im Ernst eine Umverteilung ins Auge fassen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Unsere GAVKonferenz hat klar signalisiert, dass eine Umverteilung von unten nach oben ein «No Go» ist. Unsere Forderungen fürs Lohnsystem und jene der SBB liegen diametral auseinander. Wir werden aber keine faulen Kompromisse eingehen.

Was ist deine Vorstellung des neuen Lohnsystems?

Ich stelle mir ein gerechtes Lohnsystem vor, das transparent ist und eine klare Entwicklung des einzelnen Lohns zeigt. Jeder soll sehen, was mit seinem Lohn geschieht. Was nicht mehr in Frage kommt, ist die Steuerung der Lohnsumme über die Personalbeurteilung. Damit wird die Personalbeurteilung zur Farce. Wir sind für ein Mitarbeitergespräch, das der persönlichen Entwicklung dient und nicht der Lohnsummensteuerung. Wenn die SBB Leistung belohnen will, braucht sie dafür zusätzliche Mittel. Sonst wird das Geld für die Leistungskomponente andern weggenommen was diese – richtigerweise – als ungerecht empfinden. Wir sind überzeugt, dass die Leute für das Unternehmen SBB arbeiten wollen, weil ihnen das System und die Bahn gefallen. Man muss sie nicht mit Geld ködern. Das sind die falschen Anreize; die Beweise der Untauglichkeit solcher Systeme hat die Bankenwelt längst geliefert. Die SBB muss also für Leute attraktiv sein, die sich engagieren wollen und nicht für Bonus-Jäger. Wem es nicht passt, der kann ja in die Finanzbranche wechseln, um dort das Glück zu suchen. Das Personal will ein gutes Umfeld haben, um gute Arbeit machen zu können, und dafür will es einen anständigen Lohn, aber keine künstlichen Anreize oder manipulierbare, intransparente und willkürliche Systeme.

Aufs nächste Jahr gilt wohl aber noch das bisherige Lohnsystem mit den gewohnten Verhandlungsabläufen?

Die nächsten Lohnverhandlungen werden auf dem bestehenden System basieren, da das neue noch nicht ausgehandelt ist. Wir werden vorerst die Entwicklung des Umfelds genau betrachten und dann gegen Ende Jahr unsere Forderungen stellen – wohl etwas später als in den vergangenen Jahren, da sich jeweils noch viel bewegt.

Das Schiedsgericht hat für dieses Jahr keine generelle Lohnerhöhung zugestanden. Welche Lehren ziehst du für die nächsten Lohnverhandlungen?

Unsere Begehren sind immer auf drei Grundlagen aufgebaut: der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens, der Entwicklung des Arbeitsmarkts und den Lebenshaltungskosten. Das Gericht ist unserer Einschätzung nur bei der Lage des Unternehmens gefolgt und hat ebenfalls gefunden, dass es der SBB gut geht. Enttäuscht sind wir jedoch bei der Argumentation des Gerichts bei der Beurteilung der Lebenshaltungskosten und der Situation des Arbeitsmarkts. Mich irritiert, dass das Gericht einen Kaufkraftverlust der 27 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern akzeptiert hat – im Wissen darum, dass das Unternehmen dem Bund gehört. Wir haben argumentiert, dass der Bund in solchen Lagen nicht der Logik des Markts folgen darf, sondern antizyklisch handeln muss. Das wäre auch ein Zeichen gegenüber der restlichen Wirtschaft gewesen.

Wir haben bis jetzt von den Schwierigkeiten mit der SBB gesprochen. Gibt es auch Sachen, die gut laufen?

Tatsächlich haben wir überall Baustellen; wir versuchen Lösungen zu finden. Es gibt aber einzelne Lichtblicke, so etwa bei Lyria, wo wir unsere Forderungen durchsetzen konnten. Positiv ist auch, dass die SBB Personal aufbaut, sowohl bei der Zugbegleitung als auch beim Lokpersonal.

Gut ist aber auch, dass wir bei der Mitgliederwerbung eine positive Entwicklung bei den aktiven Mitgliedern aufweisen. Dies freut mich. Ich bin überzeugt, dass wir sie alle künftig brauchen werden.

Interview: Peter Moor

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