| Aktuell / SEV Zeitung

Was tun bei sozialen Problemen?

Hilfe zu suchen ist keine Schande

Nur wenige Unternehmen bieten ihrem Personal wie die SBB eine professionelle Sozialberatung an. kontakt.sev hat bei ihr nachgefragt, wer warum zu ihr kommt und wie sie die Betroffenen unterstützt.

Wer bei Mobbing, Burnout oder anderen Probelemen am Arbeitsplatz nicht mehr weiter weiss, kann sich bei der SBB an die Sozialberatung wenden.

«Die gesellschaftlichen Probleme spiegeln sich auch bei den SBB-Mitarbeitenden», sagt Michèle Kayser, die seit 1999 bei der Sozialberatung SBB arbeitet und diese seit 2007 leitet. Entsprechend vielfältig sind die Nöte, mit denen Mitarbeiter/innen zu ihr kommen, und die Lösungsansätze.

Sehr häufig sind es Beziehungsprobleme. «Da bei der SBB die Männer in der Mehrzahl sind, sind es vorwiegend Männer, die während einer Trennung oder Scheidung zu uns kommen, weil sie beispielsweise ihre Kinder nicht so oft besuchen können, wie sie gerne möchten und dürften. Wir können sie dann in Sachen Besuchsrecht und Verhaltensmustern gegenüber ihren Partnerinnen beraten.»

Gerade bei Scheidungen gesellen sich zu den Beziehungsproblemen oft finanzielle Schwierigkeiten, wenn an Frau und Kinder Alimente zu bezahlen sind und mit einem Lohn quasi zwei Haushalte zu finanzieren sind. Aber auch sonst gerät manch eine/r in finanzielle Not und Schulden.

«Viele, die zu uns kommen, hoffen in erster Linie mal auf eine Schuldablösung durch die Stiftung Personalfonds SBB und sagen, danach gehe es dann schon wieder“, erzählt Michèle Kayser. Die Erfahrung lehre aber, dass es für eine nachhaltige Schuldensanierung die Bereitschaft zu einer Verhaltensänderung braucht: „Man muss gewillt sein, auf gewisse Ausgaben zu verzichten, also beispielsweise Zeitschriftenabonnemente zu künden oder die Telefonkosten zu reduzieren. Es gibt durchaus Betroffene, die es dann vorziehen, auf unsere Unterstützung bei der Schuldensanierung zu verzichten. Sie kommen aber häufig später wieder. Manchmal ist halt der Druck, etwas zu unternehmen, noch nicht gross genug.»

Es gibt auch Mitarbeiter/innen, welche die privaten administrativen Aufgaben nicht mehr schaffen: Sie füllen die Steuererklärung nicht mehr aus, kommen Vorladungen von Ämtern nicht nach, bezahlen Rechnungen nie rechtzeitig oder sind überfordert, wenn es darum geht, Familienzulagen zu beantragen. Auch hier kann die Sozialberatung Lösungswege aufzeigen: «Man kann die Betroffenen anleiten und begleiten. Und wenn dies nichts nützt, kann eine Beistandsschaft die Lösung sein.»

Probleme am Arbeitsplatz: ein weites Feld

Der in unserer Gesellschaft allgemein gestiegene Leistungsdruck verschont bekanntlich auch die Mitarbeitenden der SBB nicht. Entsprechend verändern sich die Anforderungen an die einzelnen Mitarbeitenden, die Abläufe und die Inhalte ihrer Arbeit. «Viele haben Schwierigkeiten, damit umzugehen, und kommen mit Stresssymptomen wie etwa Schlafstörungen zu uns», sagt Michèle Kayser. Oder mit Burnout-Symptomen. Betroffen seien alle Berufsgruppen und Hierarchiestufen.

Wenn möglich unter Einbezug eines Vorgesetzten, sofern die Betroffenen damit einverstanden sind, werde dann die Situation analysiert und nach ausgewogenen Lösungen gesucht. Vorübergehend könnten die Betroffenen auch von gewissen Arbeiten entlastet oder versuchshalber an einen anderen Arbeitsort mit anderen Aufgaben versetzt werden

Sozialberatung bei anderen Verkehrsunternehmungen

Eine hauseigene Sozialberatung wie die SBB mit ihren 27’800 Mitarbeitenden haben weder die BLS mit rund 2600, die RhB mit rund 1350 noch die SOB mit 500 Mitarbeitenden. Bei der RhB hilft die Personalabteilung (HR) bei sozialen Problemen weiter, indem sie die Hilfesuchenden an Profis in der Region verweist: bei Suchtproblemen an die Klinik Beverin in Cazis, bei Depressionen oder Burnouts an einen psychologischen Vertrauensarzt, oder für Schuldensanierungen an das Rote Kreuz, wobei dazu auch die Stiftung Hilfskasse der RhB beitragen könne, wie HR-Bereichsleiter Rico Wenk sagt. «Wir haben soeben im Rahmen der ISO-Zertifizierung für die verschiedenen Probleme das jeweilige Vorgehen festgelegt».

Auch bei BLS und SOB ist neben den Vorgesetzten die Personalabteilung die Anlaufstelle bei sozialen Problemen, und auch dort wird mangels eigener Sozialarbeiter/innen eng mit externen Fachleuten und Institutionen zusammengearbeitet. «Die BLS übernimmt die Kosten für externe Beratungen», sagt Jürg Schmid, Leiter der Abteilung Gesundheit und Soziales, die sich mit ihren 2,2 Stellen primär um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Eingliederungen, Sozialversicherungen und Vorgesetztenschulung zu kümmern hat. «Unser Personalhilfsfonds kann zinslose Darlehen geben, ist dabei aber sehr restriktiv.»

Auch die SOB könne ihren Angestellten einmal ein Darlehen geben, sagt Personalchef Martin Meier, der Mitarbeitenden bei Finanzproblemen auf Wunsch eigenhändig betreut. Sonst aber sei er vor allem Anlaufstelle und Türöffner. Sein Büro sei für Hilfesuchende immer offen.

Die BLS wolle mit der SBB keinen Leistungsvertrag bei der Sozialbetreuung abschliessen, weil es sich dabei um eine Kernaufgabe handle, «die wir bei uns behalten wollen», sagt Jürg Schmid. Martin Meier hat «noch nie daran gedacht». Rico Wenk bevorzugt eine Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen «im Sinn von Meinungsaustausch». Fi

Fi

Patentrezepte gibt es nicht

Die Lösungsansätze seien abhängig von den Ressourcen, die die Betroffenen mitbrächten, und stets spiele auch ihr soziales Umfeld eine Rolle: Haben sie zum Beispiel Mühe, ihre Arbeit familiengerecht zu bewältigen? Haben sie Beziehungs- und/oder Finanzprobleme? «Es gibt auch Mitarbeitende, die sich mit dem Unternehmen derart identifizieren, dass sie ihre privaten Interessen und Beziehungen vernachlässigen, so dass diese allmählich verwahrlosen.»

Da keine Mitarbeitersituation je genau gleich sei wie die andere, müsse man an jede stets «kreativ herangehen» und nach individuellen Lösungen suchen. Ziel sei aber immer, dass die Betroffenen ihre Arbeit wieder gemäss Pflichtenheft ausführen können. «Wenn dies langfristig nicht mehr möglich ist, ist eine berufliche Neuorientierung letztlich unvermeidlich.»

Zu den Problemen am Arbeitsplatz zählen auch Konflikte, Mobbing und sexuelle Belästigungen. Auch hier kann die Sozialberatung weiterhelfen, wobei stets die Betroffenen einen ersten Schritt machen müssen. «Damit tun sich aber viele schwer. Oft haben sie dafür einfach keine Kraft mehr.»

Suchtprobleme

Sie Sozialberatung hilft auch bei Abhängigkeit von Suchtmitteln. Dabei geht es meistens um Alkohol, gelegentlich um Cannabis und ganz selten um Kokain oder andere «harte» Drogen. Meist kommen die Betroffenen nicht von selbst zur Sozialberatung, sondern sind am Arbeitsplatz durch mangelnde Leistung und ihr Verhalten aufgefallen oder in einer Kontrolle «hängen» geblieben. Wenn die Sicherheit des Betriebes gefährdet ist, ist die Sozialberatung dazu verpflichtet, die Vorgesetzten zu informieren. «Die SBB ist sich ihrer Verantwortung bewusst und bietet daher schon lange ein Suchtpräventionskonzept an.»

Wie bei der Schuldensanierung ist auch beim Ausstieg aus einer Sucht entscheidend, dass die Betroffenen diesen wirklich wollen. Die Sozialberatung bietet dabei in Zusammenarbeit mit dem Medical Service und den Vorgesetzten professionelle Unterstützung während der ganzen Behandlungsphase an. Dazu gehört neben medizinischen Abklärungen auch stets eine umfassende Analyse der sozialen Situation der Betroffenen gehört, da mit der Sucht oft ein ganzer «Rucksack von Problemen» zusammenhängt. «Die Erfolgsquote liegt über 50%.»

Schliesslich sei die Sozialberatung auch dazu da, Führungsleuten beim Umgang mit schwierigen Mitarbeitersituationen zu helfen, betont Michèle Kayser. «Zum Beispiel dann, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Mitarbeiter ein Alkoholproblem hat.»

Markus Fischer

Kommentare

  • Matthias A.

    Matthias A. 17/04/2016 22:51:52

    Guten Abend
    Vielen Dank, dass Sie eine solche Seite hier eingerichtet haben.
    Ich selber arbeite seit vielen Jahren im Unternehmen SBB. Ebenfalls seit vielen Jahren leide ich unter Mobbing am Arbeitsplatz. Ich habe den Schritt zu meinem Vorgestzten gewagt sowie auch zur Sozialberatung wie auch zum SEV. Leider konnte mann mir bis heute nicht so helfen, dass das Mobbing vom Tisch währe. Gerade deswegen bin ich auch seit Mai 2014 in psychologischer und seit Jan 2016 in psychiatrischer Behandlung, damit ich wenigstens wieder einigermassen schlafen kann und mich soweit aufbauen kann, dass ich meine Arbeit verichten kann oder mich so motivieren kann, dass ich trotzt Angst zur Arbeit gehe. Gerade vor 14 Tagen hat die letzte Aktion gegen mich stattgefunden. Seitdem bin ich emotional am Boden.
    Vielleicht sollte man das Thema Mobbing beim SEV anders angehen und viel mehr ansprechen, sei es bei Veranstaltungen ( Kongresse, Delegiertenversammlung ).
    Mich würde Interessieren, was Frau Kayser dazu sagen würde, wenn man sich an den Vorgesetzten und den Sozialdienst wendet und dann fast gar nichts passiert.

Kommentar schreiben