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Fragen an Michèle Kayser, Leiterin Sozialberatung SBB

«Viele kommen erst, wenn‘s brennt»

Bei Problemen sei ihr Dienst möglichst frühzeitig beizuziehen, empfiehlt Michèle Kayser.

Michèle Kayser, Leiterin Sozialberatung SBB Michèle Kayser

kontakt.sev: Welche sozialen Probleme sind bei SBB-Mitarbeitende vor allem anzutreffen?

Michèle Kayser: Die gleichen wie in der Gesellschaft: Im Vordergrund stehen finanzielle Probleme, gefolgt von psychischen und körperlichen Problemen, Sucht- und Beziehungsproblemen sowie solchen in Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz. Wir stellen jedoch fest, dass die Problemsituationen insgesamt schwieriger werden und die Ratsuchenden oft mit einem ganzen Rucksack voll Fragen bei uns Unterstützung suchen. Dies bedingt, in der Beratung Prioritäten zu setzen und auch kreative Lösungsansätze zu entwickeln, damit die Mitarbeitenden möglichst entlastet werden und ihrer Arbeit konzentriert nachgehen können.

Führt die Wirtschaftskrise zu einer Verschärfung der sozialen Probleme beim SBB-Personal?

Nein, das können wir nicht feststellen.

Ist das Risiko, in soziale Probleme zu geraten, grösser für Mitarbeitende mit Familie als für Alleinstehende?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Familien haben meist andere Probleme als Alleinstehende. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es darauf ankommt, welche Ressourcen und Bereitschaft jemand zur Problemlösung mitbringt. Dies hat mit dem Familienstand nur bedingt einen Zusammenhang.

Kommt es vor, dass sich Mitarbeitende aus Furcht vor Stellenverlust nicht an die Sozialberatung SBB wenden wollen? 

Das glauben wir nicht. Die Sozialberatung arbeitet vertraulich und diskret. Das sagen wir den Leuten auch. Wir machen nur eine Ausnahme: Wenn wir sehen, dass die Probleme die Sicherheit gefährden könnten (dies gilt vor allem bei Suchtproblemen), müssen wir die Vorgesetzten informieren. Das legen wir aber gegenüber den Betroffenen offen. Alles andere wäre fahrlässig. Auch das sagen wir klar.

Sozialberatung SBB

Mit neun Beratungsstellen in Basel, Bern, Biel, Lausanne, Lugano, Luzern, Olten, St. Gallen und Zürich bietet die Sozialberatung SBB Mitarbeitenden fachliche Unterstützung bei privaten und beruflichen Problemen. Ihre zurzeit 14 Sozialberater/innen betreuten letztes Jahr rund 1 400 Mitarbeitende der SBB AG udn von Tochterfirmen wie Securitrans, Thurbo und Zentralbahn, die mit der Sozialberatung SBB Leistungsverträge abgeschlossen haben. Ein Vertrag besteht auch mit Login, aber nicht mit der Gastro-Tochter Elvetino.

Die Probleme der Mitarbeitenden reichen von finanziellen Nöten über Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Beziehung bis hin zu Suchtproblemen. Dei Zahlen haben sich in den letzten Jahren kaum verändert. Die Probleme durchziehen alle Personal- und Alterskategorien. Wie in der Gesellschaft finden sich bestimmte Schwierigkeiten häufiger in einer Gruppe als bei einer anderen.

Die Sozialberatung arbeitet eng mit den lokalen und regionalen Fachstellen zusammen. In die Problemlösung werden je nach Bedarf (mit Einverständnis der Betroffenen) unternehmensinterne Stellen mit einbezogen. Zur Überbrückung finanzieller Engpässe oder zur Schuldenregulierung können Anträge an die Stiftung Personalfonds SBB eingereicht werden. Wichtig ist aber, die Situatioin der finanziellen Notlage genau zu erfassen, um die richtigen und gezielten Massnahmen einzuleiten.

Eine Broschüre mit den Adressen der neun Beratungsstellen ist beim Sekretariat der Sozialberatung erhältlich: Telefon 051 220 37 34, . SBB-Mitarbeitende finden die Adressen und weitere Infos auch im Intranet SBB.

Fi

Die SBB ist auf dem Gebiet der Sozialberatung vorbildlich. Lohnt sich der Aufwand dafür auch wirtschaftlich, weil damit beispielsweise Absenzen vorgebeugt werden kann?

Davon sind wir überzeugt. Die Wirkung lässt sich finanziell nicht beziffern. Die SBB hat vor über 50 Jahren eine Sozialberatung geschaffen, damit den Mitarbeitenden die Belastungen durch private und berufliche Probleme nicht über den Kopf wachsen, denn dies gefährdet die Sicherheit der Mitarbeitenden und des Betriebs. Aber auch die Qualität der Arbeit, die Motivation. Wir sind überzeugt, dass die Sozialberatung für das Unternehmen wertvolle Aufgaben übernimmt.

Die SBB steht finanziell unter Druck. Wirkt sich dieser Spardruck auch auf die Sozialberatung aus?

Die Sozialberatung ist ein Service Center und hat mit den Geschäftspartnern Leistungsvereinbarungen abgeschlossen. Es ist in unserem eigenen Interesse, das Budget einzuhalten und die Kosten im Griff zu haben. Erst kürzlich hat sich die Konzernleitung der SBB vertieft mit der Arbeit und Organisation der Sozialberatung auseinandergesetzt und diese bestätigt.

Hat es schon Missbräuche Ihrer Leistungen gegeben?

Ist mir nicht bekannt. Wir richten ja keine Sozialhilfegelder aus. Wir definieren die Zusammenarbeit und Zielsetzung mit den Ratsuchenden. Dann kann es schon mal vorkommen, dass die Zusammenarbeit einseitig beendet wird. Sei es durch den/die Sozialberater/in oder die Ratsuchenden.

Was empfehlen Sie Mitarbeitenden mit sozialen Problemen und ihren Vorgesetzten?

Wir machen immer wieder darauf aufmerksam, dass man möglichst früh die Sozialberatung aufsuchen soll. Die Realität ist jedoch, dass die Ratsuchenden meist erst Unterstützung holen, wenn es brennt, es für sie in ihrer Wahrnehmung bedrohlich wird. Die Vorgesetzten beurteilen die Leistung und das Verhalten der Mitarbeitenden. Wenn sie da Veränderungen bei den Mitarbeitenden feststellen, ist es hilfreich, frühzeitig ihre Beobachtungen anzusprechen und fachliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Bei Verdacht auf Suchtprobleme ist es für alle Beteiligten sinnvoll, möglichst früh die notwendigen Abklärungen in die Wege zu leiten. Trifft der Verdacht nämlich nicht zu, ist es eine Entlastung für den/die Betroffene/n.

Fragen: Fi

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