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Gesundheit am Arbeitsplatz

Fehltage: Die Ursachen bekämpfen, nicht die Kranken

Ein bundesrätlicher Bericht bestätigt eine starke Zunahme der gesundheitsbedingten Absenzen am Arbeitsplatz. Während die Kosten für die Unternehmungen gut dokumentiert sind, ist dies bei den Kosten für die betroffenen Arbeitnehmer:innen weniger der Fall. Jenseits der Zahlen bleibt die Frage: Was macht eigentlich die Angestellten so oft krank und wie kann dies geändert werden ?

Bild: Mohamed Hassan / Pixabay

Der am 19. August als Antwort auf das Postulat Gutjahr (SVP/TG) publizierte Bericht des Bundesrats über Absenzen und Krankheitstage am Arbeitsplatz zeigt eine bisher beispiellose Bestandesaufnahme. 2024 erreichten die krankheitsbedingten Absenzen 407 Mio. Stunden, was bei einer Vollzeitbeschäftigung 8,5 Tagen entspricht, also ein Anstieg von mehr als einem Drittel seit 2010 – wobei die Frauen mit 9,5 Tagen stärker betroffen sind als die Männer mit 8 Tagen. Am stärksten betroffen waren dabei Berufe, die wenig Qualifikation erfordern, sowie diejenigen mit der grössten körperlichen Belastung und dem höchsten Stressniveau.

Kosten auch für die Arbeitnehmer:innen

Der Bericht weist darauf hin, dass diese gesundheitsbedingten Absenzen im Jahr 2022 Kosten in Höhe von 12,7 Mia. Franken verursachten, die zu 62 % von den Arbeitgebern, zu 36,4 % von den Erwerbsausfallversicherungen (VVG) und zu 2 % vom KVG finanziert wurden.

Während der Bundesrat die von den Unternehmen getragenen Belastungen erwähnt, weist der SGB darauf hin, dass er «dagegen zu den doch beträchtlichen Kosten, die von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern getragen werden, schweigt». Für das Jahr 2022 werden diese auf 4,2 Mia. Franken geschätzt, was 1100 Franken pro Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer entspricht. Ein grosser Teil dieser Summe wird von den Arbeitnehmer:innen selbst über die Versicherungsprämien finanziert. Hinzu kommen erhebliche Lohnausfälle. Die Taggelder decken in der Regel nur 80 % des Lohns ab.

Hinter diesen eindrücklichen Zahlen zeigt sich eine tiefe Kluft zwischen den Arbeitgeber- und den Arbeitnehmervertretungen zur Frage der Art und Weise, wie diese Gesundheitsbeeinträchtigungen eingedämmt und die Fehlzeiten reduziert werden sollen. Seitens des SGB wird daher bedauert, dass der Bericht nur gerade die finanziellen Auswirkungen beschreibt, ohne je eine Frage dazu zu stellen, was denn die Ursachen der Erkankungen sind.

Diese Zunahmen seien in erster Linie auf «den zunehmenden Arbeitsdruck» und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zurückzuführen, die mittlerweile «anstrengend» geworden sind: Zeitdruck, Personalmangel, unregelmässige Arbeitszeiten und ständige Erreichbarkeit. Für den SGB sind «Arbeitende in körperlich oder psychisch anspruchsvollen Berufen wie Verkauf, Bau, Transport, Gesundheitswesen, Sozialwesen oder zahlreichen Dienstleistungsbereichen besonders betroffen. [...] Die Unternehmen müssen einen ausreichenden Personalbestand gewährleisten, verlässliche Dienstpläne erstellen, die strikte Einhaltung der Arbeits- und Ruhezeiten sicherstellen sowie wirksame Massnahmen gegen übermässigen Zeit- und Leistungsdruck umsetzen.» Nach Ansicht des SGB muss auch der Staat handeln. Deshalb fordert er «eine deutliche Verstärkung der Durchsetzungs- und Präventionsmassnahmen.»

Für die Unternehmungen liegt der Schwerpunkt nicht auf den Ursachen der Krankheiten, sondern beim vermeintlichen Missbrauch gewisser Arbeitnehmer:innen, die sich angeblich zu einfach Arztzeugnisse von Ärzt:innen beschaffen, die angeblich zunehmend missbräuchlich handelten. Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, selbst Unternehmerin, die schon das Postulat verantwortet, hat nun in diesem Sinn eine Motion eingereicht, die im März vom Nationalrat überwiesen wurde. Sie verlangt eine Lockerung des Arztgeheimnisses, um sogenannte Gefälligkeitszeugnisse zu bekämpfen. Der Bundesrat lehnt diese Idee ab, da er der Meinung ist, es bestünden genügend legale Mittel, dagegen vorzugehen. Auch die Ärzteschaft und die FMH sind dagegen.

Kranken kündigen oderdas Arbeitsumfeld pflegen?

Es ist dem Bericht des Bundesrats hoch anzurechnen, dass er Massnahmen vorschlägt, die darauf abzielen, Arbeitsabsenzen zu verhindern oder zu reduzieren und den Rückkehrprozess aktiv zu fördern. Er erwähnt – leider ohne näher darauf einzugehen – lobenswerte Massnahmen, die sich auf das Arbeitsumfeld konzentrieren und «darin bestehen, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sich die Arbeitnehmer:innen weniger Stresssituationen ausgesetzt fühlen».

Was sich aber vor Ort zeigt ist wenig, was auf konsequente Umsetzung von Massnahmen zum Schutz der Gesundheit hinweist. Aus dem öffentlichen Verkehr des Kantons Waadt berichten Kolleginnen und Kollegen, dass Vertrauensärzte eine Fahruntauglichkeit aussprechen, ohne dass das Unternehmen zur Versetzung verpflichtet ist, oder umgekehrt, dass sie offensichtlich arbeitsunfähige Personen unter Missachtung der Sicherheit der Fahrgäste sowie der Gesundheit des Personals wieder an den Arbeitsplatz schicken. Die von Unisanté gemeinsam mit dem SEV durchgeführte TRAPHEAC-Kohortenstudie zeigt, wo die Ursachen für die gesundheitlichen Probleme des Fahrpersonals zu suchen sind: Ein Drittel der Fahrer:innen leidet unter ausgeprägtem Burnout (schwerem beruflichem Stress), die Hälfte unter Schlafstörungen und zwei Drittel unter Nacken- und Kreuzschmerzen.

Es gibt Lösungen, die über eine reine Jagd auf vermeintlich Kranke hinausgehen: die AHV-Überbrückungsrente, die der SEV bei den tpg fordert, um einen würdigen Karriereausstieg zu ermöglichen, die eine vorzeitige Pensionierung leichter macht und gleichzeitig die künftigen Renten absichert. Das bei den SBB bestehende Modell der internen Umschulung bei Langzeitkrankheit oder Unfall oder auch einfach konkrete Massnahmen wie barrierefreie Toiletten, echte Pausenräume und auf zehn Stunden begrenzte Dienstschichten, deren messbare Wirkung auf Stress und Müdigkeit am Steuer von Unisanté nachgewiesen wurde. Nun gilt es allerdings noch, die Arbeitgeber davon zu überzeugen, in die Arbeitsorganisation – Personalbestand, Arbeitszeiten, Ergonomie – zu investieren, anstatt Misstrauen gegenüber jenen zu hegen, die durch die Arbeit krank werden.

Yves Sancey

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