Internationale Ölkrise
Der öV ist eine gemeinsame Stärke
Die neue Ölkrise ist ein Beschleuniger. Sie zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft immer noch vom Öl abhängig ist und wie der öffentliche Verkehr dagegen wirkt, indem er die Mobilität, die soziale Gerechtigkeit und die Widerstandskraft stärkt. Eine Koalition zahlreicher Akteure aus der europäischen Zivilgesellschaft verlangt eine deutliche politische Antwort.

Die Sperrung der Meerenge von Hormus und der explosive Anstieg der Energiepreise haben einen Energieschock ausgelöst, den die Internationale Energieagentur (IEA) als den grössten der jüngeren Geschichte bezeichnet. Nun richtet eine grosse Koalition europäischer Akteure gestützt auf einen Bericht der IEA einen Appell an die Politik: Man müsse dringend in zuverlässige, gut zugängliche und stabil finanzierte öffentliche Verkehrsmittel investieren.
Die Koalition vereint gut ein Dutzend Organisationen der Zivilgesellschaft, des Umweltschutzes, der Mobilität, der Städte und der Arbeitnehmer:innen, darunter auch die Europäische Transportarbeiterföderation ETF, der auch der SEV angehört. Sie haben gemeinsam einen Aufruf an europäische, nationale, regionale und lokale Entscheidungsträger:innen unterschrieben. «Diese Krise muss ein Alarmzeichen für die politischen Verantwortlichen in ganz Europa sein, damit sie den öffentlichen Verkehr als strategischen Service public anerkennen. Wenn die Treibstoffe zu teuer werden, ohne dass es eine Alternative gibt, sind die Auswirkungen für Haushalte und das Gemeinwesen katastrophal», schreiben sie im Appell.
Bedenkliche Abhängigkeit vom Öl
Weshalb setzt die dritte Empfehlung im Bericht der IEA so deutlich auf eine starke Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr auf den öffentlichen und den Langsamverkehr? Weil der Strassenverkehr in vielen europäischen Ländern etwa zwei Drittel des Ölverbrauchs ausmacht und davon gegen 60 % auf Privatautos entfallen. In einzelnen Städten machen Kurzstrecken unter 30 Kilometern bis zur Hälfte des Treibstoffverbrauchs von Privatautos aus. Diese Abhängigkeit macht die Haushalte sehr anfällig bei Energiekrisen.
Die Zahlen von Eurostat sprechen für sich: 2024 hat über die Hälfte der Bevölkerung der Europäischen Union den öffentlichen Verkehr überhaupt nicht benutzt. In mehreren Ländern liegt dieser Wert sogar über 60 %. Viele dieser Menschen leben in ländlichen und peripheren Gebieten, die vom öV schlecht erschlossen sind. Sie haben somit keine echte Alternative zum eigenen Auto. Wenn der Preis des Treibstoffs derart massiv ansteigt, ist ihr Zugang zu Arbeit, Pflegediensten, Bildungseinrichtungen und Sozialleben bedroht. Mobilität ist jedoch kein Luxus: Sie bestimmt die gesellschaftliche Teilnahme. Unter diesem Aspekt hält die Koalition fest, dass der öV nicht nur dem Klima dient, sondern dass er auch ein Grundelement der öffentlichen Sicherheit ist.
Der öV stärkt die Unabhängigkeit
In dieser Zeit der Energiekrise ermöglicht der öffentliche Verkehr weiterhin Mobilität für alle, unabhängig vom Einkommen und dem Besitz eines Fahrzeugs. Er stärkt auch die Unabhängigkeit von Energiequellen, reduziert den CO₂-Ausstoss und die wirtschaftlichen Folgen der Staus, die auf gegen 100 Milliarden Euro jährlich in Europa geschätzt werden.
Das setzt aber voraus, dass dieser öV wirklich vorhanden ist und die alltäglichen Bedürfnisse abdeckt: dichte Netze, passende Takte, gute Verbindungen zwischen den Regionen und freier Zugang für alle Gruppen der Bevölkerung. Die Koalition betont, dass es nicht reicht, die Preise zu senken oder das Angebot gratis anzubieten, um den öV attraktiver zu machen. Man muss in den Unterhalt investieren, in den Ausbau der Netze, den ersten und letzten Kilometer sowie auch in sichere Geh- und Velowege, die Teil des Angebots sein müssen. Allerdings werden der Ausbau der Netze und der Unterhalt verzögert und vernachlässigt, obwohl sie dringend nötig wären.
Die Schweiz bildet in Europa dank der Dichte und Qualität ihres öV-Netzes eher eine Ausnahme. Aber das ist nicht in Stein gemeisselt: Der Druck auf Staatsfinanzen, steigende Kosten und der Personalmangel treffen den öffentlichen Verkehr auch hier. Die aktuelle Krise zeigt, dass diese Errungenschaften gestärkt und nicht geschwächt werden müssen. Was für den Personenverkehr gilt, trifft ebenso auf den Güterverkehr zu, als Instrument gegen die Klimakrise, aber auch als Element der Energieunabhängigkeit. Die Preisexplosion beim Diesel hat die Strassentransporteure voll getroffen und zeigt, es braucht einen Strategiewechsel.
Mittel fürs Personal
Ein wesentlicher Punkt des Appells betrifft das Personal. Ohne genügend Mittel und ohne attraktive Arbeitsbedingungen kann ein öV-System nicht stark und zuverlässig funktionieren. Die Koalition streicht hervor, dass es Investitionen in die Arbeitnehmer:innen braucht: gegen die Arbeitsüberlastung, für den Schutz vor Übergriffen, zur Verbesserung der Sicherheit und der Gesundheit am Arbeitsplatz, für die Wertschätzung der Berufe. Diese Punkte sind ausschlaggebend, um den Sektor auch für Junge und Frauen attraktiv zu machen.
Die Unterzeichnenden des Appells betonen, dass die Abhängigkeit vom eigenen Auto bleibt und die Bevölkerung kommenden Schocks aussetzt, wenn der öV weiterhin ungenügend finanziert wird. Nachhaltige Investitionen in den öffentlichen Verkehr sind ein strategischer Entscheid zugunsten der sozialen Gerechtigkeit, des Zusammenhalts und der Energieunabhängigkeit. Die Koalition hält fest: Angesichts der Energiekrise ist der motorisierte Individualverkehr eine strukturelle Schwäche. Der öV dagegen ist eine gemeinsame Stärke.
Yves Sancey, mit ETF
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