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SBB Diversity

«Karriere ist auch im Teilzeitpensum möglich»

Gerd Altmann / Pixabay

Vereinbarkeit ist heute in aller Munde und längst auch ein Thema bei Männern. Denn auch sie wünschen sich vermehrt Teilzeitarbeit – sei dies, um sich der Kinderbetreuung zu widmen oder um einem Hobby oder einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Wie gehen Unternehmen mit diesem Bedürfnis um? Wir haben nachgefragt bei Matthias Gähwiler, Arbeitspsychologe bei Personal SBB im Team Kultur und Führung, das sich für die SBB-Mitarbeitenden einsetzt im Thema Diversität.

Matthias Gähwiler, die SBB hat zahlreiche Arbeitsgebiete mit den unterschiedlichsten Anforderungen ans Personal. Gibt es im Unternehmen noch klassische Frauen- bzw. Männerdomänen?

Die SBB bewegt sich in einem sehr technischen Umfeld, mit vielen Berufen im handwerklichen Bereich, der nach wie vor stark männerdominiert ist. Der Frauenanteil im Gesamtunternehmen beträgt gut 18 Prozent. Er ist in der Tendenz allerdings steigend.

Ist diese Untervertretung ein Problem? Oder anders gefragt: Wie profitiert ein Unternehmen von einer besseren Durchmischung?

In zahlreichen Untersuchungen und Studien zeigt sich, dass gemischte Teams kreativer sind und bessere Lösungsansätze für die Herausforderungen in ihrem Arbeitsumfeld finden. Wir kennen die Vorteile und bemühen uns, mehr Diversität zu fördern.

Den Medien konnte man kürzlich entnehmen, dass sich die SBB auch bei Führungskräften um mehr Durchmischung bemüht. So soll bis 2025 jedes Führungsteam bei der SBB mindestens zwei Frauen haben, auch die Konzernleitung.

Macht die SBB genug, um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu fördern?

Mitarbeitende der SBB haben sehr viele Angebote zur Verfügung, um ihre Work-Life-Balance zu fördern. Vereinbarkeit wird grossgeschrieben. Und es ist erfreulich, dass viele Kolleginnen und Kollegen diese Angebote bereits nutzen.

So haben alle Angestellten der SBB grundsätzlich das Recht, für jede Stelle ein Teilzeitpensum zu beantragen. Um ein neues Arbeitszeitmodell zu testen, besteht das Angebot «Teilzeit auf Probe», bei dem interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Pensum für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten reduzieren und so testen können, ob ihnen dieses Modell zusagt. Jobsharing und andere Arbeitszeitmodelle bestehen im ganzen Unternehmen. Mit einer fortschrittlichen Informatik-Infrastruktur ist es dem SBB-Personal ausserdem möglich, je nach Arbeit von überall zu arbeiten.

Schliesslich bietet die SBB als Arbeitgeberin ausserdem eine Reihe von Unterstützungsangeboten für Familien, so beispielsweise einkommensabhängige finanzielle Beiträge an externe Kinderbetreuung.

Wir versuchen, diese Angebote transparent zu kommunizieren, vermehrt auch mit positiven Beispielen, zum Beispiel von Vätern in Teilzeit.

Das sind alles gute Angebote, die aber vor allem auf Mitarbeitende im Büro, in der Verwaltung abzielen. In anderen Bereichen wie der Infrastruktur wird deren Umsetzung wohl kaum möglich sein.

Es ist klar, dass in grossen Teilen der SBB der Kulturwandel erst begonnen hat. Wichtig ist aber, dass wir Angebote bereitstellen und die Leute auch unterstützen bei deren Umsetzung. Oft fehlt es noch an Wissen. Wir sind mit einer steten Kommunikation daran, dies zu ändern und alle Unternehmensbereiche für das Thema zu sensibilisieren.

Die SBB ist ein sehr grosses Unternehmen mit vielen unterschiedlichen Realitäten. Einheitliche Lösungen für alle zu finden ist sehr schwierig. Aktuell versuchen wir deshalb, für die einzelnen Geschäftsbereiche passende Lösungen auszuarbeiten.

So haben wir beispielsweise mit einem Bereich der SBB Infrastruktur an einer Untersuchung der Universität St. Gallen teilgenommen. Daraus werden wir nun gemeinsam mit der Universität Massnahmen für die Förderung von mehr Frauen in den einzelnen Teams entwickeln.

Nichtsdestotrotz haben gerade auch Männer oft Respekt, um eine Reduktion des Pensums zu fragen, weil sie ein Karriereknick befürchten. Was raten Sie hier?

Das Wichtigste ist sicher, ein offenes Gespräch mit der vorgesetzten Person zu führen. Oft ist die Hürde, die Pensumsreduktion anzufragen weit höher, als die Reduktion selber.

Dann ist eine berufliche Karriere auch in Teilzeit möglich?

Absolut! Aber diese Erkenntnis muss sicher noch wachsen, auch vor dem Hintergrund von zunehmendem Fachkräftemangel und dem anstehenden Generationenwechsel.

Fragen: Chantal Fischer
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Kommentare

  • Barbara Amsler

    Barbara Amsler05/04/2021 09:50:55

    Wann hört man(n) endlich auf, Untersuchungen zu mehr Frauen in Teams etc. zu machen? Die Massnahmen sind längst bekannt. Sie müssten halt endlich auch ernsthaft umgesetzt werden. Aber natürlich: mit Untersuchungen gewinnt resp. verliert man immer wieder Zeit und es ändert sich weiterhin nichts.

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