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Vandana Shiva

«Zurück zur Natur»

Interview mit der indischen Wissenschaftlerin und Aktivistin Vandana Shiva anlässlich einer Konferenz der «Libreria delle donne» in der Fabbrica del Vapore (Dampffabrik) in Mailand. Shiva weiss was man tun kann, um wieder gute Lebensmittel zu produzieren indem zugleich die Armut überwunden und das Gespenst des Klimawandels auf Distanz gehalten wird.

Das globale Produktionssystem ist in den Händen von multinationalen Unternehmen. Ist es möglich, gute Lebensmittel zu produzieren ohne Einsatz von Chemie?

Es existieren zwei ganz verschiedene Landwirtschaftssysteme: ein echtes, bei dem man sich um die Erde kümmert und sie bewahrt, wie es die kleinen Produzenten tun. Und dann gibt es das industrielle, das sich überhaupt nicht um die Erde kümmert, ihr im Gegenteil Gewalt antut. Beschleunigtes Artensterben, übermässiger Ressourcenverbrauch und der Klimawandel sind die Folgen davon. Das alles hängt mit dieser Produktionsweise zusammen: Wir müssen davon wegkommen, hin zu einer Produktion, die frei ist von fossiler Energie und giftiger biochemischer Produkte. Einer Produktionsweise, die nicht auf globalem Handel basiert, der nährstoffarme, künstliche Lebensmittel voller krankmachender Chemie hervorbringt. Wir benötigen ein System, das auf dem echten Nahrungsmittel basiert, von dem wir genau wissen, wie es produziert wurde. Und das uns wirklich ernährt.

Ist biologische Landwirtschaft die Lösung?

Die Zukunft besteht darin, gemäss den Gesetzen von Mutter Erde zu produzieren. Das bedeutet im Wesentlichen eine ökologische und biologische Landwirtschaft. Die Natur bringt nie zwei identische Leben, zwei identische Arten hervor. Die Diversität ist das Wesen der Natur. Sie produziert keine Abfälle, sondern bindet alles in ihrem Kreislauf ein. Jedes Landwirtschaftssystem, das sich nicht diesem Prinzip unterwirft, produziert giftige Nahrungsmittel.

Was haben Umweltverschmutzung, globale Erwärmung und Klimawandel denn mit der landwirtschaftlichen Produktion zu tun?

Der Klimawandel ist das Resultat dieses unterbrochenen Kreislaufes der Natur. Wir müssen ihn wieder in Gang bringen. Die ökologische Landwirtschaft kann dabei helfen, aber wir brauchen auch mehr Menschen, die mit Herz die Erde bearbeiten. Nur so können wir jegliche Umweltverschmutzung eliminieren. 80% der Umweltverschmutzung besteht heute aus Verpackungen: wir verbrauchen ununterbrochen Aluminium und Plastik, um damit minderwertige Lebensmittel zu verpacken. Wir verwandeln unsere Körper in menschliche Müllhalden für industrielle Abfälle. Wir können uns stattdessen aber auch in Einklang mit der Natur mit gesünderen Produkten ernähren.

Das alles führt auch zu Klimaflüchtlingen aus den Entwicklungsländern…

Die Zerstörung der Erde und die Flüchtlingskrise sind zwei miteinander verbundene Phänomene. So hat bspw. in Syrien die Verwendung chemischer Substanzen zu einer grossen Krise in der landwirtschaftlichen Produktion geführt. Dies wiederum führte zu massenhafter Emigration. Zwei Jahre später haben die Kriegsherren darin ihre grosse Chance entdeckt. Und dieser Krieg und die Flüchtlingskrise gehen heute immer noch weiter. Genau dasselbe passierte am Tschad-See: dessen Wasser wurde für die industrialisierte Landwirtschaft verwendet mit dem Resultat, dass der Tschad-See heute um 80% kleiner ist als zuvor. Das wiederum führte zu einem Bürgerkrieg unter den neun Millionen Menschen, die vom See abhängig waren. Meist werden diese Konflikte als religiös oder mit Spannungen zwischen den Rassen begründet. In Tat und Wahrheit entstehen sie aufgrund des Ressourcenverbrauchs.

Welche Rolle kommt den Frauen zu im Kampf gegen dieses System?

Die Idee zu einem Öko-Feminismus ist gemeinsam mit all den Frauen entstanden, mit denen ich im Laufe meines Lebens zusammengearbeitet habe. Überall wo ein ökologischer Notstand herrscht, steht am Anfang der Massnahmen dagegen eine Frau. Leider herrscht in der Welt immer noch die patriarchale Auffassung, dass die Frauen das schwache Geschlecht seien: das sogenannte «second sex», quasi eine Reproduktionsmaschine. Jetzt wird es aber Zeit anzuerkennen, dass die Frauen und die Natur die wahren Quellen der Kreativität, Produktivität und die Unterstützerinnen des Lebens sind. Vor allem in Momenten wie jetzt, wo die Zukunft bedroht ist.

Wie wichtig sind die kommenden Generationen und wie kann man sie am besten einbeziehen?

Ich glaube, sie sind bereits einbezogen. Das sehe ich auch persönlich an meiner Universität in Indien: Die Jungen besuchen die Kurse, weil sie die ökologische Landwirtschaft für die wirksamste Art halten, die Erde zu schonen. Sie wollen lernen, wie man die Erde auf natürliche Art bewirtschaftet und Lebensmittel schonend produziert. Ich bin überzeugt davon, dass gerade durch sie und gerade heute eine wichtige Veränderung Form annimmt, eine Art neue Revolution.

Welche Verantwortung hat die Politik bei all dem?

Die Politik muss zu ihrer angestammten Verantwortung zurückkehren. Sie muss die Natur beschützen und zum Wohlbefinden der Menschen beitragen, indem sie mit diesen und in deren Namen handelt.

Michele Novaga/übersetzt von Jörg Matter

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