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Umweltverschmutzung im Land des Feuers

Anwohner geben nicht auf

® Gianluca Rizzi, flickr.com

Ich habe Enzo Tosti 2013 kennen gelernt, kurz bevor er krank wurde. Er arbeitete als Betreuer bei der Gesellschaft zur Unterstützung Benachteiligter in Afragola, einer Gemeinde am Rand von Neapel, wo er sich um Patienten mit psychischen Problemen kümmerte. Die Freizeit verbrachte er mit der Jagd auf illegale Abfalldeponien. Seit die amerikanische Zeitschrift «Lancet» im August 2004 einen Bericht veröffentlicht hatte, der die Region zwischen Acerra, Marigliano und Nola wegen der Umweltverschmutzung durch illegal entsorgte Industrieabfälle als «Dreieck des Todes» bezeichnete, verging kein Tag, an dem Tosti nicht eine widerrechtliche Müllhalde anzeigte oder einen Brand, den irgendjemand gelegt hatte. Er nahm mich auf eine kurze Rundfahrt zu illegalen Deponien mit, um mir zu erklären, woraus der Müllnotstand bestand, der weltweit Aufsehen erregt hatte, und was sich in den brennenden Müllhaufen versteckte, die sich rund um die Zwei-Millionen-Metropole Neapel ausgebreitet hatten und der Region den Übernamen «terra dei fuochi», Land des Feuers, eingebracht hatten. Da war alles: alte Autoreifen, Plastikblachen alter Gewächshäuser, Eternittafeln, Lederfetzen und andere Überreste aus den Dutzenden von Schuh- und Textilbetrieben, die für die grossen Marken und für die Fälscherindustrie arbeiten. Tosti war zum Schluss gekommen, dass dies alles nichts anderes war als das «Symptom eines kranken Industriesystems». Dann, im Oktober 2015, wurde er krank. Nach einem Bluttest und weiteren Untersuchungen wurde bei ihm ein NonHodgkin-Lymphom diagnostiziert; ein eigentlich seltener Krebs, nicht aber in den 52 Gemeinden des neapolitanischen Hinterlandes, wo durch Untersuchungen bestätigt ist, dass die Camorra jahrelang illegal Industrieabfälle entsorgt hat. Eine Studie der Fachhochschule für Gesundheit hat ergeben, dass dieser Krebs dort um 50% häufiger ist als im nationalen Durchschnitt, besonders bei Männern. Bei andern Krankheiten liegt die Häufung noch höher. Bei ihm schreitet die Krankheit zurzeit nicht fort, aber er weiss, dass er eine Bombe im Körper hat, die jeden Moment explodieren kann.

Für Tosti war klar, dass seine Krankheit einen Zusammenhang mit der Umweltverschmutzung hat, weshalb er mit toxikologischen Tests abklären liess, was alles in seinem Blut ist. Er hat sie aus der eigenen Tasche bezahlt: 800 Euro fürs Labor Lg-Inca in Oderzo, im Veneto, spezialisiert auf die Untersuchung auf Schwermetalle und andere Gifte, insbesondere Polychlorierte Biphenyle (PCB), die in Italien von der Firma Caffaro in Brescia produziert und für Isolationen und Lösungsmittel verwendet wurden; seit 1983 sind sie verboten. Die Analysen haben «kritische Werte» bei den Hexachlorbiphenylen 153, 138, 187 und 170 ergeben, vor allem aber bei Hexachlorbenzol, das die wissenschaftliche Literatur mit der Gefahr von lymphatischer Leukämie in Verbindung bringt. «Ich habe mich sofort gefragt, wie diese Stoffe in meinen Körper gelangt sein können», erzählt Tosti. Er konnte es sich nur damit erklären, dass es sich um Gifte handelte, die illegal entsorgt wurden, dadurch in die Brunnen der Bewässerungsanlagen gelangten und so schliesslich in den Lebensmittelkreislauf.

Es ist nachgewiesen, dass tonnenweise giftige Abfälle im Land des Feuers entsorgt wurden. Die Umweltorganisation Legambiente hat seit 1991 82 Strafuntersuchungen zum Umgang mit Abfällen aufgelistet, legale und illegale Entsorgungen aus den Regionen Neapel und Caserta, mit 915 Haftbefehlen, 1806 Anzeigen und 443 betroffenen Betrieben. Die jüngste Aktion der Justiz erfolgte Ende August, nachdem Drohnen der Armee eine wilde Deponie von Altöl entdeckten und diese beschlagnahmt wurde. Hingegen hat keine Untersuchung je den Zusammenhang zwischen dem Blutkrebs und den Umweltgiften in den Böden und in der Luft nachgewiesen. Deshalb entwickelten Tosti und seine Frau Gerardina Caruso die Idee, die Analysen auf alle Erkrankten auszuweiten. Sie präsentierten diese Idee einigen lokalen Vereinigungen, und vor allem ist es ihnen gelungen, Antonio Giordano ins Boot zu holen, ein Onkologe, der das Sbarro Institute for Cancer Research der Universität Philadelphia, USA, leitet. Dank der Unterstützung mehrerer Stiftungen und einer Spendenaktion brachten sie 150000 Euro zusammen, sodass das Projekt unter dem Namen «Veritas» starten konnte. Es wurden 100 Betroffene ausgewählt. Die Testresultate waren unzweideutig: In sämtlichen Proben wurden grosse Mengen von Schwermetallen, Dioxinen und PCB gefunden. Die Resultate wurden vom Team um Professor Giordano ausgewertet und werden nun im Journal of Cellular Physiology publiziert.

Die Schlussfolgerungen sind noch streng vertraulich, aber die Hypothese lautet, dass die Gifte aufs Immunsystem einwirken, das danach statt den Organismus zu schützen selbst zu einem Krankheitserreger wird. Die Projektverantwortlichen verlangen deshalb vom Staat Italien, allen Bewohnerinnen und Bewohnern der vergifteten Zonen die Möglichkeit zu bieten, die toxikologischen Untersuchungen kostenlos durchführen zu lassen und eine Entgiftungskur zu machen. Enzo Tosti stellte sich als Versuchskaninchen zur Verfügung, und das Gift in seinem Blut ist drastisch zurückgegangen.

Angelo Mastrandrea, Reporter

Übersetzung: Peter Moor

Kommentare

  • Giuseppe Riccardi

    Giuseppe Riccardi21/11/2019 09:48:27

    Tutto ciò che è successo nella terra dei fuochi è una tragedia nazionale,purtroppo anche
    la gente lontana dalla zona disastrata si ammala di tumori,finchè esportano frutta e verdure contaminata in tutto il mondo la situazione a breve tempo non diventerá meglio.

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